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Vor dem Tod noch einen Blick aufs Meer werfen

Sterbebegleitung Vor dem Tod noch einen Blick aufs Meer werfen

Vor dem Tod noch einmal das Meer sehen, sich mit einem Verwandten aussprechen oder den neuen Film einer Lieblingsreihe anschauen: Über die Infinitas-Stiftung erfüllen ehrenamtliche Mitarbeiter wie Anna-Lena Elbracht-Hülseweh in Hannover die letzten Wünsche Sterbender. 

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Kraft schöpfen aus einem Tag am Meer, und wenn es „nur“ das Steinhuder Meer ist: Die sterbenskranke Doris G. genießt den Tag am Wasser.

Quelle: Georg C. Brueckmann

Hannover. Noch einmal das Meer sehen, den Wind und den Sand spüren und das Branden der Wellen hören. Für die sterbenskranke Doris G. war es genau das: ihr letzter Wunsch. Und Anna-Lena Elbracht-Hülseweh hat ihn erfüllt. Seit Anfang des Jahres ist sie in Hannover Ansprechpartner für „Ein letzter Wunsch“, ein Projekt der Infinitas-Kay-Stiftung aus Hamburg. „Sterbende äußern ihre Wünsche sehr selten direkt“, sagt Elbracht-Hülseweh. Sie glaubten, die Belastung für ihre Angehörigen sei ohnehin schon groß genug. „Deshalb ist es wichtig, dass es Menschen gibt, die zwischen den Zeilen lesen“, sagt Elbracht-Hülseweh. Das könnten Pfleger oder Betreuer sein, oder auch Hospizmitarbeiter.

Es sind deshalb meist diese Menschen, die die Wünsche an Elbracht-Hülseweh herantragen. Die 32-Jährige prüft dann, ob sich der Wunsch erfüllen lässt. „Unser Ziel ist es, den Wunsch in 48 Stunden auf die Beine zu stellen – vom Transport bis zur vielleicht nötigen Pflegebegleitung.“ Und erst, wenn sie ganz sicher ist, dass sie den Wunsch erfüllen kann, dass der körperliche Zustand des Sterbenden die Aktion durchhält - erst dann wird der Patient informiert.

Noch einmal das Meer sehen

So war es auch bei Doris G. Sie wollte noch einmal das Meer sehen. Doch weil sie für Nord- oder Ostsee körperlich bereits zu schwach war, ging es hilfsweise ans Steinhuder Meer - begleitet von einer Pflegerin ihres Hospizes und von Elbracht-Hülseweh. Sie fuhren dort gemeinsam Boot, shoppten eine Tunika-Bluse, aßen Räucheraal und unterhielten sich: über vergangene Urlaube, über das Watt, über vieles andere - aber eben nicht über jene Krankheit, die Doris so gezeichnet hat. Später erzählte die 64-Jährige noch lange von diesem Tag, sie schöpfte Kraft daraus. Etwas Besseres kann man wohl von der Erfüllung eines letzten Wunsches kaum sagen.

„So behütet wie die erste Lebensphase sollte auch die letzte sein“, findet Elbracht-Hülseweh. Sie selbst hat ihre Mutter früh verloren, kurz darauf hat sie mit gerade einmal 20 Jahren ihre Großeltern gepflegt, bis auch diese verstarben. Das war der Zeitpunkt, an dem sie beschloss, schwer kranken Menschen helfen zu wollen. Sie ließ sich zur Sterbe- und Trauerbegleiterin ausbilden und wurde später Rettungsassistentin.

Die ausnahmslos ehrenamtlichen Mitarbeiter in Hamburg, Bremen und nun eben auch Hannover können inzwischen auf ein Netzwerk an Kontakten zurückgreifen: Konzertagenturen, Künstlermanagements, Theater, Sportveranstalter oder auch Taxiunternehmen. „Viele fragen sich, was möglich ist an Wünschen“, erklärt Elbracht-Hülseweh. Welche Dimension noch „erlaubt“ sei. Dabei ist sehr vieles möglich.

Den neuesten Star-Trek-Film

Daniel B.* wünschte sich etwas ganz anderes: Er war gespannt auf den neuesten Star-Trek-Film. Der 35-Jährige war zu dem Zeitpunkt ebenfalls bereits im Hospiz, sein Zustand erlaubte ihm keinen Besuch mehr im Kino, das lange Sitzen hätte er nicht durchgehalten. Elbracht-Hülseweh organisierte den Film, besorgte stilechte Popcorn- und Cola-Becher aus dem Astor-Kino für ein authentisches Kino-Feeling und lud Daniels Eltern ein. So konnten sie zu dritt einen entspannten Kinonachmittag genießen. Gelöst und glücklich sei die Familie gewesen, die Krankheit für einen Moment auch hier nicht Mittelpunkt des sonst davon geprägten Zusammenseins gewesen. Daniel ist inzwischen gestorben.

Elbracht-Hülseweh hat bisher erst diese zwei Wünsche erfüllen können. Doch sie möchte mehr - mehr Menschen dabei helfen, ihrem letzten Bedürfnis, ihrer letzten Sehnsucht gegenüberzutreten. Das kann eine Aussprache mit einem Verwandten sein, bei dem sie das Gespräch begleitet, das kann ein Konzert oder Treffen mit einer berühmten Persönlichkeit wie Udo Lindenberg oder ein letzter Flug über den Wolken sein - all diese Wünsche haben ihre Kollegen in Hamburg und Bremen bereits wahr werden lassen. Und damit gezeigt: In dieser letzten Lebensphase kann ein Tag, ein Ereignis oder auch nur ein Augenblick zu einer wertvollen Erinnerung werden.

*Name von der Redaktion geändert.

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