Navigation:
HAZ-Shop AboPlus Online-ServiceCenter
Fordern und fördern

Integrationsklassen werden in der Region zum Erfolgsmodell

Von Jutta Rinas

Große Erfolge, kleine Wunder: Sie haben das Downsyndrom oder sind taub und gehen trotzdem in eine „normale“ Schule: Integrationsklassen sind in der Region Hannover mancherorts ein Erfolgsmodell.
Wenn Henri aus der Integrationsklasse am Hölty-Gymnasium in Wunstorf im Englischunterricht mal nicht sofort weiterweiß, dann helfen ihm seine Mitschüler eben.

Wenn Henri aus der Integrationsklasse am Hölty-Gymnasium in Wunstorf im Englischunterricht mal nicht sofort weiterweiß, dann helfen ihm seine Mitschüler eben.

© Blüher

Auf Außenstehende wirkt es wie ein kleines Wunder. Da geht die zwölfjährige Maria nach vorne und schreibt ganze Kolonnen von Wörtern an die Tafel. Blau, Rot, Orange, Gelb: Ohne zu zögern setzt die Fünftklässlerin die Lieblingsfarben ihrer Klassenkameraden untereinander. Seelenruhig sortiert sie auch Lieblingssportarten wie Reiten oder Schwimmen. Nur bei dem zugegebenermaßen nicht ganz einfachen Wort „Meerschweinchen“ stockt sie einen Moment.

Maria hat das Down-Syndrom – und sie besucht das Hölty-Gymnasium in Wunstorf, eines von zwei Gymnasien in ganz Niedersachsen mit einer Integrationsklasse für geistig behinderte Kinder. Maria kann schreiben und lesen, nicht im selben Tempo wie ihre Altersgenossen, aber sie kann es. Viele „normale“ Menschen wissen gar nicht, dass das bei Kindern mit Downsyndrom möglich ist.

An diesem Morgen nimmt die Zwölfjährige aber mit vier anderen Kindern mit Handicap an einer Mathestunde zum Thema absolute und relative Häufigkeiten teil, auch eine Englischstunde steht auf dem Programm. Wie funktioniert das? Wie können Kinder mit geistiger Beeinträchtigung am Gymnasium unterrichtet werden? „Zieldifferenter Unterricht ist das Zauberwort“, sagt Schuldirektorin Anne Laukamp-Grimsel. „Jedes Kind wird individuell gefördert.“

Damit das möglich wird, unterrichten in der Klasse neben den normalen Lehrern zwei Förderschullehrer, die sich 25 Stunden pro Woche teilen. Dazu kommen eine pädagogische Mitarbeiterin und ein Integrationshelfer. Vier Pädagogen sind an diesem Morgen im Klassenraum der Integrationsklasse 5f4i verteilt, sichtlich gewillt, „ihren“ Unterricht gegen Unkonzentriertheit, Langeweile oder Hibbeligkeit durchzusetzen. Mathelehrer Sören Schimmel bespricht Säulen- und Balkendiagramme, lässt errechnen, wie oft Pferd oder Hund im Verhältnis zu anderen Lieblingstieren gewählt wurden.

Die behinderten Kinder arbeiten an Aufgaben, die thematisch vergleichbar, aber ihren Fähigkeiten angepasst sind. Maria zeichnet auf Basis der absoluten Häufigkeiten der Tiere ein Säulendiagramm. Sie lernt selbständig, braucht nur ab und zu von ihrem Förderlehrer Tipps. Abdul dagegen hat immer eine pädagogische Mitarbeiterin um sich. Sie hilft ihm, beruhigt den lebhaften Jungen auch mal, wenn er dazwischenredet. Abdul ordnet Farben, er stapelt gelbe, grüne oder rote Plättchen in einen Kasten. Für den 13-Jährigen ist schon das eine große Leistung.

Die fünf Kinder mit Handicap, zwei mit dem Down-Syndrom, drei mit Hirnfunktionsstörungen, haben zudem in Einzelgesprächen mit den Mitschülern in einem Nebenraum die Faktensammlung für das Errechnen relativer Häufigkeiten erstellt: jene Sammlung von Lieblingsfarben, -tieren und -sportarten aller Schüler. Der „Differenzierungsraum“ ist ein Rückzugsort, an dem die „I-Kinder“ separat lernen, wenn der Unterricht für sie zu anstrengend wird oder wenn ihre Förderpläne Alltagspraktisches wie das selbständige Zubereiten von Essen vorsehen. Von der 5. bis zur 9. Klasse wird es die I-Klasse in Wunstorf geben. „In den höheren Klassen wird der Differenzierungsraum mehr und mehr unser Refugium sein, weil der Schulstoff immer weiter auseinanderklafft“, sagt Förderlehrer Jürgen Herdt.

Entwickelt hat sich die 5f4i aus der langjährigen Zusammenarbeit der Wunstorfer Paul-Moor-Förderschule und dem „Hölty“, in vielen Musik-, Theater- und Kunstprojekten. Die I-Klasse wird zunächst die einzige bleiben, obwohl sie bei den Eltern „normaler“ Kinder großen Anklang fand – es gab mehr Anmeldungen als Plätze. „Wir wollen aufpassen, dass die Schule nicht durch jährliche Neustarts von Integrationsklassen überfordert wird“, sagt Förderschullehrerin Gaby Grest. Sie zieht bislang eine positive Bilanz: Viele Freundschaften zwischen Kindern mit und ohne Handicap seien geknüpft worden. Auch die schulischen Erfolge überträfen die Erwartungen. Plötzlich waren zwei Förderschüler beispielsweise in der Lage, in Mathematik mit einem Koordinatensystem zu arbeiten und Punkte zu bestimmen. „Das hätte man an einer Förderschule nie verlangt, jetzt können sie es“, sagt Lehrer Jürgen Herdt – und strahlt.

Dass die Integration von behinderten Kindern oft etwas mit kleinen Wundern zu tun hat, kann man auch in der Comeniusschule in Hannovers List bestaunen. Seit diesem Schuljahr wird hier ein gehörloses Kind in einer Klasse mit nichtbehinderten Klassenkameraden unterrichtet. Dass das möglich ist, ist einer medizinischen Innovation zu verdanken: den Cochlea-Implantaten für Gehörlose. Julius war weltweit eines der ersten Kinder, die direkt nach der Geburt an der Medizinischen Hochschule eine Hörprothese eingepflanzt bekamen. Sie wandelt Geräusche in elektronische Impulse um und ermöglicht so auch Gehörlosen das „Hören“. Mittlerweile hat Julius in jedem Ohr ein Implantat – und drückt sich so wortgewandt aus, dass Uneingeweihte nie darauf kämen, dass er taub ist.

Als es an diesem Schultag darum geht, zu erklären wie man das „sp“ ausspricht, erläutert er – wie jedes Kind es täte –, dass man vorne ein „sch“ und dann das „p“ spricht. Julius meldet sich im Morgenkreis, er hört aufmerksam zu, als der Tagesplan besprochen wird, schreibt artig Wörter mit „sp“ in sein Libellenheft und malt dann kräftigen Strichs ein Bild zum Thema „Mein Wochenende“.

Der Unterricht verläuft so reibungslos, dass man gar nicht versteht, warum man Kinder wie Julius oft abseits des „normalen“ Unterrichts auf Förderschulen packt. „Bei dem, was Julius alles kann“, sagt auch sein Vater Holger Brügmann, „wäre er auf der Gehörlosenschule unterfordert gewesen.“ Die Intelligenz des kleinen Jungen mit dem großen Handicap, seine Auffassungsgabe und Merkfähigkeit, tragen maßgeblich dazu bei, dass seine Integration ein Erfolgsmodell ist. Es gibt zwar eine Lautstärkedämmung im Klassenraum, und Klassenlehrerin Sylvia Schäfer achtet darauf, dass Julius sie möglichst sieht, wenn sie spricht. Geräusche hinter sich kann er nur schlecht zuordnen. Sylvia Schäfer ist mit Julius zudem durch eine Art Sprachverstärker verbunden. Alles, was sie sagt, spricht sie in ein Mikrofon, das ihre Worte direkt zu Julius’ Ohren leitet. Anders als die Lehrer im Wunstorfer Hölty-Gymnasium wird Schäfer derzeit aber nur alle vier bis sechs Wochen durch eine Förderlehrerin unterstützt. „Wäre Julius nicht so pfiffig“, sagt sie, „könnte es schwierig werden. Ich muss mich ja um alle Kinder kümmern.“

Auch Direktorin Uta Wüstner betont, dass man von Fall zu Fall entscheiden müsse, ob die Integration eines Kindes mit Handikap möglich sei. Die Klassenlehrerin brauche Beratung, Begleitung, Informationen über die Beeinträchtigung des Kindes und den Umgang damit. Eltern müsse klar sein, dass man ein Kind mit Handikap an einer Regelschule nicht einfach abgeben und wieder abholen könne. Es sei viel Elternarbeit gefragt. Wüstner muss es wissen: In ihrer Schule hat es schon eine I-Klasse mit drei geistig behinderten Kindern gegeben. Zwei Kinder mit Hör-, eines mit Sehschädigung und ein Kind im Rollstuhl haben hier ihre Grundschulzeit verbracht.

Wenn sie alle so wissbegierig mitgelernt und in der Pause so ausgelassen mit ihren kleinen Freunden herumgetobt haben wie Julius, dann hat sich die Sache schon gelohnt.

Nächster Artikel
Nächster Artikel
Vorheriger Artikel
Voriger Artikel
  • Print-Ausgabe ASIP – 25.06.10
    Eine in der Printausgabe interviewte Schulpädagogin vertritt die Ansicht, Deutschland läge in der PISA-Studie hinter den skandinavischen Ländern und Italien, um ihre These vom Versagen unseres Schulsystems zu belegen. Klassisches Eigentor, könnte man sagen.

    Fakt sind folgende Ränge im PISA-Vergleich 2006:

    08. Deutschland

    22. Schweden
    24. Dänemark
    33. Norwegen

    36. Italien

    Platz 1 belegt Finnland, das zwar zu den Nordischen Staaten gerechnet wird, nicht aber zu Skandinavien gehört.

    Schade, dass solche Fehlaussagen ungeprüft gedruckt werden. Sie sind wenig hilfreich, die ohnehin durch Mythen und Legenden verseuchte Bildungsdebatte sachlich zu führen. Finnland ist und bleibt ein Sonderfall - auch im hohen Norden. Es ist z.B. hinsichtlich der Bevölkerungsstruktur und der Versorgung mit Schulen in der Fläche (meist sehr kleine Schuleinheiten) kaum mit Deutschland zu vergleichen. Nicht mal mehr mit Schweden oder gar Dänemark.

Meistgelesene Hannover-Artikel

Anzeige

Videos aus Hannover

Kennen Sie Hannover?

Hannover von oben: Das neue Rathaus.

Aus der Vogelperspektive sehen bekannte Orte ganz anders aus. Wie gut kennen Sie Hannover? Testen Sie Ihr Wissen in unserem Bilderrätsel.

Tipp für Vereine: Homepage aktuell halten

myheimat - Das Mitmachportal der Heimatzeitungen in HAZ und Neuer Presse

Viele Vereine kennen das Problem: Die eigene Internetseite ist veraltet, weil die Zeit dafür fehlt. Mit dem Mitmachportal unserer Zeitung lassen sich Pressearbeit und Pflege der Vereinshomepage in einem Schritt erledigen.

Anzeige

Welcher Stadtteil ist gemeint?

Stadtteilrätsel

Wie gut kennen Sie Hannover? Woche für Woche präsentieren wir Ihnen an dieser Stelle ein neues Rätsel. Beantworten Sie die Fragen und schicken Sie das Lösungswort an die Redaktion. Viel Spaß beim Rätseln!

Hannover in Zahlen

Hannover in Zahlen
  • Bundesland: Niedersachsen
  • Landkreis: Region Hannover
  • Fläche: 204,14 km²
  • Einwohner: ca. 521.000
  • Bevölkerungsdichte: 2552 Einwohner je km²
  • Postleitzahlen: 30159 - 30669
  • Ortsvorwahl: 0511
  • Kfz-Kennzeichen: H
  • Lage: 52° 22´ N / 9° 43´ O
  • Wirtschaft: Firmendatenbanken
  • int. Flughafenkürzel: HAJ
  • Stadtverwaltung: Trammplatz 2
    30159 Hannover
    Telefon: 0511 168-0
  • Oberbürgermeister: Stephan Weil (SPD)


Top