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Eine schrecklich kreative Familie

Jungfilmer-Festival „Up and Coming“ Eine schrecklich kreative Familie

Das Internationale Jungfilmer-Festival „Up and Coming“ im Pavillon zählt zu den renommiertesten weltweit. Eindrücke von einer besonderen Leistungsschau.

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Quelle: Schaarschmidt

Hannover . Das ist einfach toll“, sagt Friedrich Tiedtke. „Weil es groß ist und weil hier die besten Nachwuchsfilmer aus Deutschland zusammenkommen.“ Und trotzdem sei es familiär. Am gestrigen Sonntag konnte sich Jungfilmer Tiedtke von der Familie feiern lassen, sein Film „Zuhause“ wurde als einer von drei Beiträgen mit dem Deutschen Nachwuchsfilmpreis ausgezeichnet. Im Pavillon am Raschplatz kamen die jungen Filmer und interessierte Zuschauer am Nachmittag noch einmal zusammen, um nach drei Tagen Gucken, Zuhören, Fachsimpeln, Kärtchentauschen und Feiern die Siegerfilme unter 156 Beiträgen zu küren.

3000 Jungfilmer wollten in diesem Jahr gern beim Up-and-Coming-Festival dabei sein, 156 aus 35 Nationen haben es schließlich geschafft und zeigen ihre Arbeiten noch bis zum Sonntag in Hannover – interessierten Kinofans genauso wie professionellen Beobachtern aus der ganzen Welt.

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Den ganzen Pavillon hatten die Filmkreativlinge in Beschlag genommen. So wuselig wie es im Foyer zuging, so konzentriert arbeiteten die Teilnehmer gruppenweise in Seminarräumen oder schauten in zwei Sälen die ganz unterschiedlichen Filme. Unterschiedlich nicht nur, weil das Festivalteam um die Leiter Burkhard, Karin und Harald Inhülsen keine Themenvorgaben gemacht hatte. Sondern unterschiedlich auch in der Länge: Gerade mal 24 Sekunden dauert Carlotta Schlegels Animationsfilm „Banane“. Da sollte man als Zuschauer pünktlich sein. Und wenn nicht, blieb bis Sonnabendabend der Trost, dass immer noch genug Film übrig war. Oder auch mal ein unterhaltsames Interview, das nach jedem Film geführt wurde. Die schüchternen Filmprojekt-Schüler der Winterhuder Reformschule beantworteten alle Fragen so konsequent mit „Weiß nicht“, dass der Moderator aufgab: „Was soll ich euch fragen?“

Beim Deutschen Nachwuchsfilmpreis wurde auch eine Hannoveranerin geehrt: Joana Stamer für ihren Film „Reynke de vos“. Im internationalen Wettbewerb wurden schließlich zwei Nachwuchsregisseure aus Frankreich geehrt: Xavier Leprince für „Le Lien Défait“ sowie Cerise Lopez und Agnès Patron für „Chulyen, histoire de corbeau“. Mit der undotierten Auszeichnung ist eine Aufnahme in das Netzwerk Masterclassfilm verbunden, also organisierter Kontakt zum Business, für die Jungfilmer oft wichtiger als Geld. Der Russe Alexej Kamynin verbindet mit seinem Besuch in Hannover sogar noch eine Anschlussidee. Der 26-Jährige will im September zurückkommen: „Ich drehe einen Film über Gottfried Wilhelm Leibniz.“

Der Experimentierlustige

Friedrich Tiedtke wollte „immer schon was mit Film machen“. Immer heißt immerhin seit er elf ist. Da waren seine Schauspieler Playmobilfiguren. Heute lässt er menschliche Akteure seine Ideen umsetzen, und dass er es mit dem Film ernst meint, zeigt sein Werdegang: Nach dem Abitur bewarb er sich an Filmhochschulen, wurde aber nicht angenommen. Statt die Kamera aus Frust in die Ecke zu werfen, kam eine Jetzt-erst-recht-Mentalität auf. „Aufhören war nie eine Frage. Ich wusste, wenn mir irgendwelche Steine in den Weg gelegt werden, klettere ich drüber.

Mittlerweile arbeitet der aus Schleswig-Holstein stammende 24-Jährige bei Lars von Triers Filmfirma in Kopenhagen. „Der dänische Film hat mich schon immer fasziniert. Ich wollte unbedingt von ihm lernen und Input von dort bekommen.“ Zum Beispiel die Experimentierlust, die auch das dänischen Dogma-Genre prägt.

Zum Up-and-Coming-Festival hat er einen Improvisationsfilm mitgebracht. „Es gab kein Drehbuch, alle Szenen und Dialoge sind in Besprechungen oder durch Ausprobieren am Set entstanden.“ Bei seiner Ausbildung in Kopenhagen geht es aber ganz filmfern los: „Zuerst sitzt man an der Rezeption und kriegt kein Geld.“ Was ihn aber überhaupt nicht abhalte. „Langsam werden die Aufgaben dann größer. Was neben der Produktion das Tolle ist, dass ich mit solchen Leuten wie Lars von Trier sprechen und mir Rat holen kann.“

Wo sieht er sich in fünf Jahren? Ich kann meine eigenen Filme nicht nur drehen, ich kann sie auch produzieren.
www.zuhause-kurzfilm.de

Der Melancholische

Xavier LePrince hat eine seltsame Woche hinter sich. Der französische Jungfilmer wohnt in dem Pariser Distrikt, der vorvergangenen Freitag von Terroranschlägen erschüttert wurde. Wenige Tage später macht er sich auf in das ebenfalls von den Anschlagsfolgen betroffene Hannover und sitzt nun im Raschplatzpavillon, wo am Dienstag schwer bewaffnete Polizisten vor der Tür standen und ein Konzert abgesagt wurde. „Das ist alles surreal“, sagt der 26-Jährige.

Aber nicht deshalb ist sein Zehn-Minuten-Film „Le Lien défait“ mit dem International Young Film Makers Award des Festivals ausgezeichnet worden. Sondern weil sein Thema das Lebensgefühl junger Großstädter trifft. Seine Hauptdarstellerin, auf den ersten Blick eine Frau am Puls des Trends, entpuppt sich als innerlich einsam. Sie sucht ihr soziales Leben im Internet, was sie noch weiter vom realen Leben entfernt. „Ein kleines bisschen hat das auch mit meinem Job zu tun“, sagt LePrince, „ich sitze eben auch viel am Computer.

Es ist schon ein spezielles Leben, wenn man manchmal den ganzen Tag niemanden sieht“. Aber autobiografisch sei sein Film nicht. Er ziele auf eine grundlegende Melancholie bei jungen Menschen in Metropolen.
Vom Up-and-Coming, das er im Vorjahr zum ersten Mal besuchte, kann der 26-Jährige nach eigenen Worten noch lange zehren. „Du triffst hier Leute, und du bleibst mit ihnen im Kontakt.“ So hat er diesmal Filme von vielen jungen Filmschaffenden gesehen, mit denen er, Hannover sei Dank, seit vergangenem Jahr im Austausch steht. Das sei wichtig, denn „wie gesagt, wir Filmleute sind oft allein“.

Die Blutrünstige

Hanna Seidel hat es gut. Denn als Jungfilmerin hat die Hannoveranerin ein großes internationales Festival direkt vor der Tür. Ihre Betonung liegt dabei auf International. „Ich finde das superinteressant, wie in anderen Ländern die Strukturen sind und mit welchen Problemen die zu kämpfen haben. Wir regen uns ja immer über Deutschland auf, aber man merkt, dass es hier gar nicht so schlecht ist.“

Die 25-jährige, die auf dem Festival auch moderiert, hat eine ziemlich ausgefallene Idee mitgebracht: „Destroy Roy“ handelt von einem Kameramann, der sein Arbeitsgerät liebt und leider ziemlich eifersüchtig ist. Als seine Assistentin mit seiner Kamera dreht, wird es ziemlich blutig.

Blutig ist bei Hanna Seidel nichts Schlimmes. Im Gegenteil. Ihr Fach ist „fetischbasiert mit viel Splatter und surrealen Streitthemen“. Kein Wunder also, dass Kameramann Roy am Ende etwas kopflos wirkt. „Wenn’s richtig spritzt, finde ich es irgendwie ästhetisch“, sagt die 25-Jährige, „das kann man als Metapher für viele Dinge nehmen.“ Ihre Bachelor-Arbeit hat sie über Zombie-Filme geschrieben. Einmal im Jahr geht sie auch zu einem „Zombie Live Action Roll Play“, wo man selber mal als Untoter kraftvoll zubeißen darf. „Zombies“, sagt Seidel, „sind so mein Ding.“ Besonders die Klassiker, denn die neuen Filme würden den Dreh ins Absurde nicht mehr finden. „Die versuchen lustig zu sein, sind aber nur ernst. Ganz schlecht.“ Seidel kann sich Jobs wie Produktionsleitung vorstellen – in Hannover. „Ich mag die Stadt sehr. Ich will hier nicht weg.“  www.hanna-seidel.com

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