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„Wir müssen die Menschen direkt ansprechen!“

Interview „Wir müssen die Menschen direkt ansprechen!“

Die Schauspielerin Renan Demirkan hat eine Initiative gegen Rassismus gegründet. Am Sonntag kommt die Grimme-Preis-Trägerin in ihre alte Heimat Hannover, um ihr Projekt "Checkpoint Demokratie" vorzustellen.

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„Mir macht Angst, dass Hetze zum Mainstream geworden ist“: Renan Demirkan engagiert sich gegen Rassismus - morgen in Hannover. Fotos: dpa (2)

Quelle: Johannes Eisele

Frau Demirkan, Checkpoint Demokratie heißt Ihre neue Initiative zur Stärkung der Demokratie. Gab es einen konkreten Anlass dafür?

Ja, den gab es. Es war der Tag nach dem Brexit in England. Ich war wie unter Schock, denn aus meiner Sicht wurde an diesem Tag offiziell die Nachkriegszeit beendet: ein 72-jähriger Konsens der Versöhnung und des Nie-wieder! In England wurden am Tag nach dem Brexit Migranten bespuckt und getreten und mussten Sprüche wie „Wir haben euch rausgewählt“ ertragen. Da konnte ich nicht anders, als etwas zu tun.

Sie sind Künstlerin, keine Politikerin. Warum engagieren Sie sich?

Als Künstlerin bin ich auch Dokumentaristin. Ich nehme das, was in der Gesellschaft passiert, auch persönlich und fühle mich in der Verantwortung. Das war schon immer so.

Wieso?

Schon in der Schauspielschule in Hannover schrieb ich Flugblätter für mehr gesellschaftliche Analyse, woraufhin niemand mit mir arbeiten wollte. Meinen Abschluss habe ich trotzdem gemacht. Bis ich 18 Jahre alt war, habe ich stundenlang von der Fensterbank unserer Wohnung im dritten Stock aus das Geschehen draußen beobachtet - auf der Kreuzung Sutelstraße/Kugelfangtrift, zwischen Stadtbahnhaltestelle und Frittenbude - und habe mir eine bessere Welt gewünscht.

Sie haben sich schon früh politisch engagiert ...

Gleich als Anfängerin in Nürnberg habe ich 1981 mein erstes Bühnenprogramm gegen Rassismus geschrieben und aufgeführt: „Aber es kamen Menschen“. Für das verbindende Projekt „Respekt“ bekam ich das Bundesverdienstkreuz. 2011 erschien mein Buch „Respekt - Heimweh nach Menschlichkeit“. Aber nach dem Brexit hatte ich das Gefühl, der Diskurs muss raus in den öffentlichen Raum.

Apropos Hannover: Sie sind im Ronnenberger Ortsteil Linderte aufgewachsen - und haben selbst als Migrantin dort kaum Anfeindungen erlebt. Warum ist Integration heute oft schwieriger?

Das hat eine Menge Gründe. Zum Einen kam meine Familie noch vor dem großen Anwerbeabkommen. Mein Vater war Ingenieur und sprach schon Deutsch. Als Tscherkessen sehen wir etwas europäischer aus und wurden vielleicht mehr als etwas Ungewohntes wahrgenommen als etwas Fremdes. Das hat es für uns einfacher gemacht, aber auch für unsere Nachbarn im Dorf, die immer noch tief im Trauma der Nachkriegszeit steckten. Ab Mitte der Siebzigerjahre ist eine ähnlich unverhohlene rassistische Bewegung gewachsen wie heute. Während meiner Abiturzeit standen Sätze an den Wänden wie „Jude verrecke und Türken auch“. Die Bewegung fand allerdings nicht die Akzeptanz wie heute.

Was bedeutet Demokratie für Sie?

Sie bedeutet für mich die Abwesenheit von Diktatur, von Fremdbestimmtheit. Demokratie ist ein offenes System, ihre Bedingung ist Freiheit. Und sie ist in einer permanenten Selbstprüfung. Die DNA der Demokratie durchzieht zweierlei: das Verbindende und die offene Gesellschaft.

Was wollen Sie mit Checkpoint Demokratie erreichen?

Ich möchte, dass wir die Deutungshoheit über die Gestaltung notwendiger gesellschaftlicher und ökonomischer Veränderungen selbst bestimmen. Lasst uns reden, ist mein Credo. Für eine parteiische Demokratie. Wir müssen die Menschen direkt ansprechen. Sie antworten ohne zu zögern. Das haben wir in all den vorangegangenen Debatten erlebt.

Sprechen Sie auch über die Türkei? Nazi-Vorwürfe gegen Deutschland haben in den vergangenen Tagen das Klima bestimmt.

Was dort geschieht, hat mit Demokratie nichts zu tun. All diese unfassbaren Drohungen haben das Ausmaß einer geistigen Diarrhö. Erdogan hat die Demokratie ausgehöhlt und bereits abgeschafft. Die Nazi-Vergleiche sind nicht akzeptabel. Mir macht allerdings Angst, dass Hetze zum weltweiten Mainstream geworden ist - von Erdogan über Le Pen bis Trump. Wir wissen erst, was auf dem Spiel steht, wenn es auf dem Spiel steht, sagt der Philosoph Jonas. Deshalb müssen wir reden.

Interview: Jutta Rinas

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