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"Meine Eltern lebten wie im Exil"

Interview mit Heinz Rudolf Kunze "Meine Eltern lebten wie im Exil"

Der Liedermacher Heinz Rudolf Kunze wuchs als Kind von Vertriebenen in Niedersachsen auf, heute lebt er bei Hannover. So richtig heimisch fühlt er sich dort aber nicht. Das liegt vor allem an seiner Familiengeschichte.

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Heinz Rudolf Kunze beim Whitestock-Festival.

Quelle: Tim Schaarschmidt

Hannover. Herr Kunze, in Ihrem Lied „Vertriebener“, das auch im Schulunterricht behandelt wird, schildern Sie die Gefühlswelt eines Kindes von Flüchtlingen aus dem Osten. Ist der Text autobiografisch?

Sehr, fast alles daran ist wahr. Ich wurde geboren in einer Baracke im Flüchtlingslager Espelkamp. Mein Vater war erst im Januar 1956 mit dem allerletzten Zug aus sowjetischer Gefangenschaft heimgekehrt und hatte in dem Barackenlager eine Stelle als Jugendbetreuer bekommen. Ich kam dort am 30. November 1956 zur Welt. Meine Eltern stammten aus dem östlichen Teil der Stadt Guben in der Niederlausitz, der seit 1945 polnisch ist.

Welche Rolle spielte der Verlust der Heimat in Ihrem Elternhaus?

Es wurde schon ein gewisses Heimweh kultiviert. Bei uns hingen Wappen und Fotos der Heimatstadt an der Wand. Bei meinen Eltern gab es immer eine vom Krieg ausgelöste Grundangst, die sie nie losgeworden sind. Mein Vater war zeitlebens unfähig, das westliche Lebensgefühl zu begreifen. Schulden zu machen lehnte er grundsätzlich ab, und er wollte auch nie ein eigenes Haus haben - möglicherweise spielte dabei die unterschwellige Angst eine Rolle, es wieder verlieren zu können. Ich hatte immer das Gefühl, dass meine Eltern im Exil lebten. Dass wir Kunzes im Grunde ganz woanders hingehörten. Meine Eltern hielten auch lange an der Utopie fest, eines Tages wieder in ihre Heimat zurückkehren zu können.

Welche Folgen hatte das für Sie?

Meine Familiengeschichte hat es mir verkompliziert, irgendwo Fuß zu fassen, zumal wir auch noch oft umgezogen sind. Irgendwann habe ich mich in Osnabrück zu Hause gefühlt, aber nicht heimisch.

Waren Sie je in der Heimat Ihrer Eltern?

Als ich Kind war, verbrachten wir oft einen Großteil der Ferien in der DDR, bei Verwandten im Westteil von Guben oder in Ostberlin. Vor dem Geburtshaus meiner Mutter im heutigen Polen aber stand ich erst 2016 zum ersten Mal, bei Dreharbeiten für eine Dokumentation. Der Anblick hat mich schon getroffen. Viele Ecken der Stadt sind sehr hübsch, doch ausgerechnet dort sah es aus, als wäre der Krieg noch nicht zu Ende.

Gibt es einen Ort, an dem Sie sich heute heimisch fühlen?

Das kriege ich wohl nicht mehr hin. Ich habe ein Zuhause bei Hannover gefunden, fühle mich hier auch sehr wohl. Doch Heimat ohne Wurzeln ist für mich schlecht vorstellbar. Ich bin überall ein Zugezogener. Für meine Kinder ist das anders, aber ich kenne nur Wohnsitze. Eine Heimat war mir nicht gegeben.

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