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Aus der Stadt „Disziplinlosigkeit ist oft ein Jungenproblem“
Hannover Aus der Stadt „Disziplinlosigkeit ist oft ein Jungenproblem“
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16:19 19.02.2017
Von Saskia Döhner
Rät zu Verträgen mit schwierigen Kindern: der Erziehungswissenschaftler Manfred Bösch. Quelle: Villegas

Herr Professor Bönsch, Lehrer beklagen, dass viele Schüler immer disziplinloser werden. Haben Eltern ein Problem damit, ihren Kindern Regeln zu vermitteln?

Sich an Vorgaben zu halten ist ein Grundthema der Erziehung. Der Begriff Disziplin ist häufig negativ belastet, weil es schnell auch um Unterwerfung geht: Ich muss mich den Vorgaben eines Mächtigeren beugen, da regt sich Widerstand. Zudem wirkt immer noch der Geist der Reformpädagogik nach, der die Freiheit des Einzelnen besonders hochgehängt hat. Eltern fragen sich: Was kann ich meinem Kind vorschreiben, ohne autoritär zu werden? Da entsteht schnell Verunsicherung.

Wie kann man dem entgegenwirken?

Indem man auch die positive Seite der Disziplin sieht. Ohne Regeln ist kein menschliches Zusammenleben möglich, das führt nur zum Chaos. Mit Diszplin regelt man Beziehungen, und Regeln sind überall wichtig, beim Spiel genauso wie im Straßenverkehr. Wer glaubt, man müsse das Leben der Freiheit des Einzelnen überlassen und alles werde gut, der irrt. Man muss sich einordnen können. Auch in der Familie gelten Regeln, Abmachungen und klare Tagesabläufe. Eltern dürfen das Thema nicht einfach an die Schule delegieren.

Sind disziplinlose Schüler ein neues Problem oder gab es das immer?

Beides stimmt. Es ist ein altes Phänomen, das sich verstärkt hat. Ich beobachte auch eine zunehmende sprachliche Verrohung. Ich weiß von einem Viertklässler, der seine Lehrerin gefragt hat: „Muss man Ihnen in den Arsch kriechen, um eine gute Note für soziales Verhalten zu kriegen?“ Diese Bemerkung hat keiner kommentiert, weder sein Vater noch die Lehrerin.

Wie sollten Eltern Disziplin einfordern?

Mit Kommunikation statt Anordnung. Man verabredet gemeinsam Regeln, schließt Verträge. So kommt man weg von der Unterwerfung, die auch entwürdigend sein kann. Kinder lernen, dass Regeln sinnvoll sind. Äußere Ordnung hilft gerade Heranwachsenden, die selbst im inneren Chaos stecken.

Manche Lehrer strahlen eine natürliche Autorität aus, andere eher nicht. Schüler nutzen das aus.

Wichtig ist, dass in einer Schule verlässlich dieselben Regeln gelten. Es kann nicht sein, dass ein Lehrer etwas streng ahndet, was ein Kollege durchgehen lässt. Wer keine natürliche Autorität hat, arbeitet meist mehr mit Strenge. Die Schule aber braucht ein Leitbild für alle. Soziales Lernen ist ab dem ersten Schuljahr wichtig. Feste Strukturen müssen früh geschaffen werden. Gerade für Grundschulen sind Rituale ein Anker, wie etwa der morgendliche Gesprächskreis, bei dem sich meldet, einander ausreden lässt und zuhört.

Wer Regeln macht, muss aber auch Strafen definieren.

Auch hier gilt: Nicht gleich die große Keule herausholen, sondern abgestuft handeln. Manche Regelverstöße geschehen aus Unachtsamkeit. Da kann der Lehrer freundlich erinnern, nach dem Motto: „Wir hatten doch verabredet, dass man dies und das nicht tut“. Wenn der Verstoß mit Vorsatz geschieht und etwa den Lehrer provozieren soll, sollte die Konsequenz der Ahndung größer sein. Der Schüler selbst kann sich entschuldigen, bestimmte Dienste übernehmen, Wiedergutmachung versuchen.

Was ist, wenn Kinder Mitschüler oder Lehrer tätlich angreifen?

Wenn Gewalt oder Aggression im Spiel ist, sollte man sehr klar deutlich machen: Das dulden wir hier nicht. Dem Schüler sollte es ermöglicht werden, Disziplin zu lernen. Gar nichts halte ich davon, ihn etwa allein in einen sogenannten Trainingsraum zu setzen, damit er über sein Verhalten nachdenkt. Er darf nicht allein mit seinem Verhalten bleiben, sondern braucht immer einen Gesprächspartner.

Ist es verhältnismäßig, wenn Eltern ihre Kinder aus der Schule abholen müssen, weil sie im Unterricht Kaugummi gekaut haben?

Nein.

Macht es Inklusion schwerer, Lerngruppen in den Griff zu bekommen?

Ja und nein. Die Heterogenität in der Klasse ist größer. Ein Lehrer allein in einer Klasse mit vier, fünf Kindern, die ein Handicap haben, ist natürlich überfordert. Wenn ein zweiter oder dritter Erwachsener mit im Raum ist, wird es einfacher. Inklusion ist auch eine Chance. Wir sollten den gemeinsamen Unterricht anders organisieren. Hier müssen auch Schulen kreativer sein, etwa indem sie beispielsweise Auszeiträume schaffen. Die Schule der Zukunft braucht nicht nur Fachlehrer, sondern multiprofessionelle Teams, zu denen auch Sonderpädagogen, Schulbegleiter und Sozialarbeiter gehören. Das muss auch in der Lehrerausbildung viel stärker Thema sein.

Ist Disziplinlosigkeit ein Jungenproblem?

Ja. Mädchen sind anpassungsfähiger. Mehr Mädchen als Jungen machen Abitur, weniger Mädchen bleiben sitzen. Hinzu kommt das Macho-Gehabe, das viele muslimische Jungen von zuhause mitbringen. Die Schule muss klarstellen: Hier behandeln wir Geschlechter gleich. Machos wollen wir nicht. Interview: Saskia Döhner

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