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Aus der Stadt „Den typischen Vergewaltigungsfall gibt es nicht“
Hannover Aus der Stadt „Den typischen Vergewaltigungsfall gibt es nicht“
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00:16 15.02.2017
Von Jutta Rinas
Oberstaatsanwältin Daniela Hermann im Interview. Quelle: Philipp von Ditfurth

Frau Hermann, in Linden ist vor ein paar Tagen eine 38-jährige Frau vergewaltigt worden. Sie war gegen 21 Uhr zu Fuß am Ufer der Ihme unterwegs. Als möglicher Täter wird ein Afrikaner gesucht. Ist das ein typischer Fall von sexueller Gewalt, der sich häufig so in Ihrem Alltag findet?

Wenn Sie darauf abzielen, dass in Hannover die Zahl der Vergewaltigungen durch Ausländer steigt: Das weiß ich nicht. Mein persönlicher Eindruck ist aber, dass es genauso viele deutsche Täter gibt. Den typischen Vergewaltigungsfall gibt es sowieso nicht, genauso wenig wie das typische Opferverhalten. Vergewaltigung ist ein Verbrechen, das sich quer durch alle Bevölkerungsschichten zieht. Jeder Fall ist anders. Das kann ich auch nach 15 Jahren im Geschäft noch so sagen.

Kennzeichnend für den Lindener Fall ist auch, dass die Frau ihrem Vergewaltiger zufällig auf der Straße begegnet ist. Manche Frauen im Stadtteil haben jetzt Angst. Sie sind durch Ihren Beruf tagein, tagaus mit Tätern konfrontiert. Wie sicher fühlen Sie sich auf Hannovers Straßen?

Sehr sicher, wie übrigens auf allen Straßen in anderen Städten auch. Ich weiß, dass es der Albtraum vieler Frauen ist, nachts auf der Straße überfallen oder beim Joggen auf einem Feldweg von einem Vergewaltiger abgepasst zu werden. Aber zum Glück kommen solche Fälle nur selten vor. Wir ermitteln dann mit großem Druck und besonderer Ermittlungstiefe, weil solche Fälle so brisant und gefährlich sind.

Führt die Staatsanwaltschaft Statistik darüber, wie viele Sexualstraftaten von Ausländern begangen werden?

Nein, das macht die Polizei. Die Staatsanwaltschaft tut das nicht. Es steht in meiner Arbeit auch nicht im Fokus, welche Nationalität ein Tatverdächtiger hat. Das ist allenfalls relevant, wenn ich prüfe ob Fluchtgefahr besteht und der Täter deshalb in Haft genommen werden muss. Vorher geht es darum, zu prüfen, ob die Aussage des Opfers glaubhaft ist. Und ob die Beweislage ausreicht, um Anklage zu erheben. Da darf es keine Rolle spielen, ob der Verdächtige ein Flüchtling oder ein Handwerksmeister aus einem deutschen Dorf ist.

Wie beurteilen Sie die Glaubwürdigkeit einer Aussage?

In der Regel sehe ich die Zeugin ja vor der Anklageerhebung nicht. Und ich habe meist auch keine weiteren Zeugen. Ich muss also anhand der schriftlichen Aussage der Anzeigenerstatterin entscheiden, wie es weitergeht. Das ist nicht immer ganz einfach.

Welche Kriterien wenden Sie an?

Ob eine Aussage logisch schlüssig ist, ist wichtig. Ob sie konstant ist, oder ob das Opfer an einem Tag vom Oral- und am nächsten Tag von Analverkehr redet. Missbrauchte Kinder verstehen oft gar nicht genau, was da mit ihnen passiert ist. Das merkt man auch daran, dass sie Begriffe aus ihrem Erfahrungsschatz benutzen.

Eine 38 Jahre alte Frau ist am Freitagabend im Eingangsbereich des Biergartens "Gretchen" in Hannover-Linden vergewaltigt worden.

Nennen Sie ein Beispiel?

Es kann sein, dass ein Kind einen Samenerguss ganz kindlich mit den Worten ,Da kam dann vorne Milch raus’ beschreibt. Ein Kind, das eine von Erwachsenen erdachte Geschichte erzählt, würde auch deren Begrifflichkeiten übernehmen. Jemand, der lügt, erzählt seine Geschichte zudem oft sehr stringent. Eine reale Geschichte dagegen enthält Brüche. Das Opfer springt in der zeitlichen Abfolge, erzählt auch unwichtige Details. Das würde ein Lügner nicht machen, weil er sich so anstrengen muss, seine erlernte Geschichte wiederzugeben.

Nochmal zurück zur Frage nach den Tätern: Die Opfer im Frauenhaus Hannover waren 2015 zu 75 Prozent Migranten oder Menschen mit deutschem Pass und Migrationshintergrund...

Ich kenne diese Zahlen nicht. Ohnehin muss man sehr vorsichtig sein mit der Interpretation solcher Zahlen. Wenn die Zahl der Migrantinnen im Frauenhaus so hoch sein sollte, kann das auch daran liegen, dass sie keinen anderen Ort haben, wo sie hingehen können. In Familien mit deutschen Wurzeln gibt es vielleicht eher noch jemanden, der sagt, ich nehme die Frau auf: die Eltern des Opfers, Geschwister, Freunde.

Stellen Sie bei sexuellen Übergriffen auf Frauen kulturelle Unterschiede fest?

Ich denke, ein zentraler Unterschied liegt darin, wie man über eine Tat spricht. Für Frauen aus bestimmten Religionsgemeinschaften ist das viel schwieriger als für manche deutsche Frau. Sie gehen manchmal mit ihrer Aussage auch größere Risiken ein. Es ist keine Seltenheit, dass eine junge Frau mit Migrationshintergrund sagt, dass die Familie auf keinen Fall etwas von der Vergewaltigung erfahren darf: Sie werde verstoßen, wenn herauskomme, dass sie keine Jungfrau mehr ist. Es ist ein unglaublicher Kraftakt für Frauen, unter solchen Umständen im Gerichtssaal auszusagen.

Ist Ihnen ein Fall als besonders schlimm in Erinnerung geblieben?

Es gab eine Prostituierte aus dem Ausland, deren Vernehmung sich äußerst quälend in die Länge zog. Es gab Schwierigkeiten mit der Verständigung. Die Frau war intellektuell sehr einfach gestrickt, eine Analphabetin. Überdies wurde sie im Zeugenstand von insgesamt sieben Verteidigern befragt, weil es mehrere Angeklagte gab. Die Frau ist im Zeugenstand fast kollabiert und wollte irgendwann überhaupt nichts mehr sagen. Das hat mich sehr belastet. So etwas ist aber eher selten.

Wie gehen Sie damit um?

Ich tausche mich mit Kollegen aus. Das hilft.

Sie sind beruflich von so viel Gewalt gegen Frauen umgeben. Verändert das den Blick auf die Welt?

Es verändert den Blick nicht im negativen Sinne. Man entwickelt im Gegenteil fast mehr Toleranz, weil man so viele verschiedene Lebensmodelle sieht. Man erlebt Frauen, die privat vielfältige Sexualkontakte haben, in Swingerclubs beispielsweise. Frauen, die aus wirtschaftlicher Not oder der Kinder wegen Dinge über sich ergehen lassen, die man sich so nie vorgestellt hätte. Man wird mit Praktiken konfrontiert, bei denen Gewalt luststeigernd eingesetzt wird. Man muss es sich abgewöhnen, darüber zu urteilen. Es ist das Recht der Frauen, sich so zu verhalten. Für die Frage, ob eine Vergewaltigung vorliegt, darf es keine Rolle spielen.

Die Kriterien dafür, wann eine Vergewaltigung bestraft werden kann, sind gerade mit einer Strafrechtsreform geändert worden. Eine Frau muss künftig nicht mehr nachweisen, dass sie körperlichen Widerstand gegen einen sexuellen Übergriff geleistet hat. Früher reichte Weinen oder bloßes Wehren mit Worten nicht. Jetzt soll gelten: Nein heißt nein. Wird das die Verurteilungen erleichtern?

Das kann ich noch nicht sagen. Die Reform ist ja erst seit Kurzem in Kraft. Ich glaube aber, dass es weiterhin viele Klippen in der Beweisführung gibt. Was ist zum Beispiel, wenn zwei alkoholisierte Partygäste gemeinsam nach Hause gehen, und die Frau sagt erst nein, dann ja? Hat sie sich überreden lassen, oder bestand ihr anfänglicher Widerstand fort? Das wird nach wie vor geklärt werden müssen. Es gibt einfach sehr viele Spielarten von Sexualität. Das ist das Problem.

Interview: Jutta Rinas

Zur Person

Daniela Hermann ist Oberstaatsanwältin und seit 2013 Leiterin der Abteilung für Sexualstraftaten bei der Staatsanwaltschaft Hannover. Sie wurde 1972 in Hannover geboren und machte eine Ausbildung zur Rechtspflegerin, bevor sie in Hannover Jura studierte. Bei der Staatsanwaltschaft Hannover ist sie seit 2001 beschäftigt, seit 2004 mit einem Schwerpunkt bei Sexualstraftaten.

Am diesjährigen weltweiten Aktionstag gegen sexuelle Gewalt „One Billion Rising“ am Dienstag wird sie von 17 Uhr an im Pavillon mit anderen Experten über die Neufassung des Paragrafen 177 StGB diskutieren, in dem es um sexuellen Übergriff, sexuelle Nötigung und Vergewaltigung geht. Die Veranstaltung ist kostenlos. Bereits um 15.30 Uhr ruft das Aktionsbündnis „Stoppt sexualisierte Gewalt“, bestehend aus knapp 30 Organisationen aus Stadt und Land, zu einer Solidaritätskundgebung am Kröpcke auf. Mit dabei ist unter anderem Poetry Slammerin Nhi Le. Die Kampagne „One Billion Rising“ („Eine Milliarde erhebt sich“) gibt es bereits seit 2012. In diesem Jahr sind 190 Länder dabei.

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