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„Klassen ohne deutschsprachige Kinder sehe ich nicht“

Rita Maria Rzyski im Interview „Klassen ohne deutschsprachige Kinder sehe ich nicht“

Rita Maria Rzyski ist die neue Bilderungsdezernentin für Hannover. Im HAZ-Interview spricht sie über ihre neuen Aufgaben, die Gefahr einer Zweiklassengesellschaft bei Gesamtschulen und die Zusammenlegung von Horten und Ganztagschulen.

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Hannover Hannovers künftige Bildungsdezernentin Rita Maria Rzyski

( Foto/ Michael Thomas )

Quelle: Michael Thomas

Hannover. Frau Rzyski, Sie sind Dezernentin für Bildung und Kultur in Osnabrück. War die Landeshauptstadt jetzt verlockender?
Ich komme ursprünglich aus Duisburg, also einer Großstadt. Daher hat es mich gereizt, wieder in eine Stadt ähnlicher Größe zurückzukehren. Als ich die Stellenanzeige für das Bildungsdezernat in Hannover las, dachte ich gleich: Hier könntest du richtig sein.

Sie haben sich ganz normal auf eine Anzeige beworben? Hat Sie nicht der Oberbürgemeister angesprochen?
Nein, ich habe mich ganz regulär auf die Stelle beworben. Mein beruflicher Werdegang zeigt deutlich, dass die Themen Jugend und Bildung sich wie ein roter Faden durch meine Berufsbiografie ziehen. Besonders gereizt hat mich auch der beabsichtigte neue Zuschnitt des Dezernats.

Sie werden ja jetzt über ein Ressort verfügen, das es so noch nicht gibt. Aus dem Sozialdezernat bekommen Sie die Jugendhilfe und den Kita-Bereich, geben aber die Kulturverwaltung ab. Wie bewältigen Sie das?
Und nicht zu vergessen den Bereich Familie! Bildung, Jugend und Familie aus einer Hand, also aus einem Dezernat, das ist nach meinen Erfahrungen ein sehr konsequenter Ansatz. Und wissen Sie, die aktuellen Herausforderungen sind in den großen Kommunen des Landes Niedersachsen recht ähnlich. Ob in Osnabrück oder Hannover, überall geht es jetzt darum, Flüchtlinge zu integrieren. Das muss sowohl im Rahmen der Erstunterbringung als auch vor allem im Rahmen der schulischen, beruflichen und gesellschaftlichen Integration gelingen. Weiterhin ist der Inklusionsgedanke umzusetzen und das Schulangebot bedarfsgerecht auszugestalten. Dabei muss auch auf Geld geachtet werden, denn die Finanzlage in den Kommunen ist angespannt.

Hannover will langfristig alle weiterführenden Schulen entweder in Integrierte Gesamtschulen (IGS) oder in Gymnasien verwandeln. Tragen Sie das mit?
Ich verschaffe mir gerade einen Überblick über alle Schulen und deren Konzepte in Hannover. Der Schulentwicklungsplan ist meine tägliche Lektüre. Wenn die Stadt Vorschläge für die zukünftige Gestaltung der Schullandschaft macht, dann basiert diese auf der Analyse der aktuellen Situation. Hier wurde beobachtet, wie sich das Schulwahlverhalten der Eltern entwickelt hat. Für mich ist der Elternwille ein wesentliches Kriterium für die Entwicklung des Schulangebotes.

Wenn die Stadt alle Haupt- und Realschulen zu Gesamtschulen zusammenfasst, die Gymnasien aber weiterhin leistungsstarke Schüler anziehen, gibt es dann nicht zu wenig Gesamtschulen mit Oberstufen?
Sie meinen, dass die Gefahr einer Zweiklassengesellschaft bei den Gesamtschulen droht - IGS mit und ohne Oberstufe? Ja. Diese Gefahr sehe ich nicht. Wir müssen doch immer danach fragen, was bedarfsgerecht ist für den jeweiligen Standort. In Osnabrück wollen wir eine Schule gründen, die Förder-, Haupt- und eine Realschule vereint und eine starke Berufsorientierung aufweist. So ein Modell gab es vorher gar nicht, machte aber an dieser Stelle Sinn.

Ein anderes Thema: Die bisherige Stadtspitze hat entschieden, Horte und Ganztagsschulen zusammenzulegen. Halten Sie das als gelernte Erzieherin für den richtigen Weg?
Auf jeden Fall. In Osnabrück habe ich damit begonnen, Horte und Ganztagsschulen zusammenzuführen. Halten wir zwei Betreuungssysteme für die gleiche Zielgruppe aufrecht, droht mittelfristig eine gegenseitige Kannibalisierung. Aber das ist nicht der Hauptaspekt. Ich bin davon überzeugt, dass die Qualitäten, die beide Systeme aufweisen, sich hervorragend ergänzen und befruchten können.

Das sehen viele Eltern anders. Sie meinen, dass der Ganztagsbetrieb nur ein Sparmodell ist. Pädagogisch kaum geschulte Kräfte kümmerten sich nachmittags um die Kinder, klagen sie.
Nach meiner Erfahrung arbeiten die Ganztagsschulen durchaus mit qualifiziertem Personal, etwa mit Lehrern der Musikschulen. Auch bei der Ferienbetreuung ziehen die Ganztagsschulen nach. In Hannover gibt es nach meiner Wahrnehmung entsprechende Angebote.

Für lange Zeit geht es jetzt ja vor allem auch darum, Flüchtlingskinder in Schulen und Kindergärten zu integrieren. Wird es bald Klassen geben, in denen kein Kind mehr Deutsch sprechen kann?
Die Wahrscheinlichkeit geht gegen Null. Wenn Sie aber danach fragen, ob vielleicht in einer Klasse ausschließlich Kinder zusammen kommen, deren Erstsprache nicht Deutsch ist, kann ich das nicht ausschließen. Allerdings sind die Sprachkenntnisse auch bei Kindern, deren Erstsprache nicht Deutsch ist, sehr unterschiedlich. Wie sich eine Schule entwickelt, also welche Kinder in welcher Konstellation zusammenkommen, hängt sehr davon ab, wie die Bevölkerungsstruktur im Stadtquartier ist. Hier gibt es eine deutliche Schnittstelle zur Stadtentwicklungsplanung.

Dennoch: Muss die Stadt nicht darüber nachdenken, Kinder in die Schulen anderer Stadtteile zu schicken, um eine bessere soziale Mischung zu gewährleisten?
Solche Überlegungen will ich nicht kategorisch ausschließen, aber ich will sie auch nicht aktiv befördern. Letztlich haben die Kinder überwiegend Freunde in ihren Vierteln. Das sollten wir nicht unterschätzen.

Die Unterbringung und Integration von Flüchtlingen ist eine der größten Herausforderungen für die Stadt. Müssen Sie andere Aufgaben hintanstellen?
Das kommt auf die Aufgaben an. Die Unterbringung und Versorgung der Menschen hat Priorität, aber wie bereits angesprochen, geht es dann darum, auch die Integration zu bewerkstelligen. Ich glaube, dass die Infrastruktur, die Jugendhilfe und Schule bereit halten, für die Bewältigung der Aufgaben erforderlich ist.

In Hannover läuft aktuell eine Debatte um Straßen, die nach Personen mit tatsächlich oder vermeintlich dunkler Vergangenheit benannt sind. Wären auch das Kaiser-Wilhelm- und Ratsgymnasium und die Bismarckschule Kandidaten für eine solche Diskussion?
Grundsätzlich gilt: Solche Themen sollten mit den Schulgemeinden besprochen werden. Manchmal braucht es einen Anschubser dafür. In Osnabrück haben wir vor einigen Jahren die Agnes-Miegel-Schule umbenannt. Schüler und Lehrer haben sich intensiv mit der Person Agnes Miegel auseinander gesetzt und sich für die Umbenennung in Bertha-von-Suttner-Schule entschlossen. In Hannover steht die nach Miegel benannte Straße ja auch zur Debatte. Wichtig wäre mir, die Schulen nicht zu einem Zeitpunkt in einen Umbenennungsprozess zu drängen, wenn diese aktuell ganz andere wichtige Themen auf ihrer Agenda haben.

Frau Rzyski, was kennen Sie schon von Hannover?
Nachdem ich mich auf die Stelle beworben hatte, bin ich viel in Hannover herumgelaufen. Zu Fuß lässt sich eine Stadt besser kennenlernen. Den Maschsee habe ich mir angesehen, die Skulpturenmeile, Marktkirche, Sprengel-Museum und Kunstverein.

Man sieht schnell, dass Sie in Osnabrück auch für Kultur zuständig waren ...
Richtig. Das werde ich ein bisschen vermissen.

Interview: Hendrik Brandt, Felix Harbart und Andreas Schinkel

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