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"Bedarf an Sachspenden ist aktuell sehr reduziert"

Interview mit Sozialdezernent Thomas Walter "Bedarf an Sachspenden ist aktuell sehr reduziert"

Sozialdezernent Thomas Walter spricht im Interview mit der HAZ über den ständig wachsenden Flüchtlingsstrom, wie Hannover spendet und warum die Stadt an der Grenze der Leistungsfähigkeit ist. Er schlägt vor, Gemeinden mit schrumpfenden Einwohnerzahlen mit finanziellen Anreizen zu ermutigen, verstärkt Flüchtlinge aufzunehmen.

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Sozialdezernent Thomas Walter im Gespräch mit der HAZ.

Quelle: Philipp von Ditfurth

Herr Walter, vor etwa einer Woche hat der Bund seine Prognose in Bezug auf den Zustrom der Flüchtlinge bis zum Ende des Jahres fast verdoppelt. Ministerpräsident Stephan Weil spricht inzwischen von einer „Notsituation“. Wie schätzen Sie die Lage in Hannover ein?

Stephan Weil hat sie völlig zutreffend beschrieben. Für Hannover, wie für die Kommunen überhaupt. Wir kommen mit der Zahl der Flüchtlinge, die wir hier versorgen müssen, inzwischen an die Grenze der Leistungsfähigkeit.

Was heißt das konkret?

Das Problem beginnt bei der Unterbringung. Die Flüchtlinge werden bislang nach dem Prinzip verteilt: Wo viele Einwohner sind, da werden viele Flüchtlinge untergebracht. Allein damit kommt eine Großstadt wie Hannover inzwischen ans Limit. Es gibt hier kaum noch leer stehenden Wohnraum. Ich würde es sehr begrüßen, wenn als Beitrag zur Lösung der Vorschlag von Oberbürgermeister Stefan Schostok wieder aufgegriffen würde, Gemeinden mit schrumpfenden Einwohnerzahlen mit finanziellen Anreizen zu ermutigen, verstärkt Flüchtlinge aufzunehmen.

Wo liegen die Probleme des hannoverschen Sozialdezernenten? Man hört, dass der personelle Engpass an manchen Stellen so groß ist, dass es schwierig ist, Flüchtlingen das Geld, das ihnen zusteht, auszuzahlen?

Wir brauchen qualifiziertes Personal, um Flüchtlinge zu integrieren. Das gilt für Sozialarbeiter, aber auch für Verwaltungsmitarbeiter. Man vergisst leicht: Es ist auch mit einem erheblichen Aufwand verbunden, die Leistungen, auf die Flüchtlinge Anspruch haben, zu berechnen. Solches Personal gibt der Markt gar nicht mehr her. Wir behelfen uns zurzeit, indem wir Leute direkt nach ihrer Ausbildung einstellen.

Das heißt aber auch: Das Geld, um qualifiziertes Personal zu bezahlen, ist da?

Selbstverständlich kommen die Städte auch finanziell an ihre Grenzen. Aber mein Eindruck ist: Der Bund hat den Ruf durchaus gehört - und wird möglicherweise mehr als die jetzt in Aussicht gestellte eine Milliarde Euro an Soforthilfe bereitstellen. Es kommt jetzt darauf an, wie schnell das Geld bei uns ankommt. Weil der Markt für gute Leute leer gefegt ist, sind Engpässe dennoch programmiert.

Apropos Flüchtlingszahlen: Der Bund prognostiziert jetzt, dass bis zum Ende des Jahres 800 000 Flüchtlinge in Deutschland Asyl beantragen. Unter Fachleuten gilt, ganz schlicht gerechnet: Für ein Land wie Niedersachsen würde das bis zum Ende des Jahres 80 000 Flüchtlinge bedeuten, für eine Stadt wie Hannover dann knapp 8000 Flüchtlinge - statt der jetzt prognostizierten gut 5000. Womit rechnet die Stadt?

Dazu kann ich nur sagen: Es gibt keine verlässlichen Zahlen. Wir werden den bisherigen Berechnungen zufolge bis zum Ende des Jahres rund 5300 Flüchtlinge hier unterzubringen haben. Wir müssen allerdings davon ausgehen, dass sich diese Zahl noch deutlich erhöht. Aber das ist seit Monaten unser tägliches Geschäft. Wir planen mit bestimmten Zahlen und müssen dann leidvoll erfahren, dass diese sich dramatisch erhöhen.

Immerhin hat man den Eindruck, dass sich auch die Bereitschaft der Menschen zu helfen, zu spenden, ständig erhöht ...

Ja, das ist beeindruckend zu erleben. Hannover zeichnet eine großartige Kultur des Helfens aus. Mehr als 1000 Menschen sind zurzeit ehrenamtlich im Einsatz bei der Unterstützung von Flüchtlingen. Die Zahl derer, die mit Sach- und Geldspenden helfen, ist da noch nicht eingerechnet. Das ist extrem wertvoll, ein Beweis der menschlichen Qualität unserer Stadt.

Manche Hilfsangebote sind gut gemeint, gehen am Bedarf der Menschen aber vorbei. Die Kleiderkammern mehrerer Flüchtlingsheime in Hannover beispielsweise sind voll. Wäre es nicht sinnvoll, die Hilfsangebote in einer zentralen Annahmestelle zu bündeln?

Die Hilfsangebote in Hannover sind dezentral organisiert: Wir haben hier zurzeit 33 Unterkünfte, dazu noch 200 einzelne Wohnungen, in denen Flüchtlinge leben. Ich halte es deshalb für sinnvoll, dass auch die Unterstützung der Flüchtlinge durch die Bürger dezentral organisiert wird. Die Sozialarbeiter vor Ort, die Betreiber der Unterkünfte, wissen am Besten, was gebraucht wird. Wer helfen will, sollte sich unbedingt direkt an eine Unterkunft in seiner Nähe wenden. Erfahrungen aus anderen Städten zeigen überdies: Bei einer zentralen Annahmestelle besteht die Gefahr, dass Parallelstrukturen aufgebaut werden. Das würde der Sache nicht dienen.

Was wird aus Ihrer Sicht am meisten gebraucht?

Am meisten gebraucht wird zurzeit die persönliche Hilfe von Menschen: zum Beispiel beim Deutschlernen, zum Besuch von Sportvereinen, für die normale Begleitung im Alltag, beim Gang zu Ämtern und Ärzten.

Und der Bedarf an Sachspenden?

Der Bedarf an Sachspenden ist aktuell sehr reduziert. Benötigt wird noch gut erhaltene Sportkleidung für Männer in kleinen Größen. Das ist es aber auch.

Und Geld?

Ja, Geldspenden an die Wohlfahrtsorganisationen, die die Hilfe für die Flüchtlinge organisieren, helfen natürlich sehr. Alle Verbände leisten in Hannover da gleichermaßen sehr gute Arbeit. Wer Geld spenden will, kann sich guten Gewissens an die Organisation wenden, die ihm am nächsten steht.

Apropos persönliche Hilfe. Wie erreichen Ihre Sozialarbeiter die Flüchtlinge überhaupt. Rein sprachlich? Allein im ehemaligen Oststadtkrankenhaus sind Flüchtlinge aus 30 Ländern untergebracht.

Wir sind mittlerweile in der glücklichen Lage, dass wir für die Hauptsprachen Sozialarbeiter haben, die die Sprache selbst sprechen oder einen ähnlichen Migrationshintergrund haben. Das gilt für die Balkanstaaten genauso wie für Arabisch oder die eine oder andere afrikanische Sprache. Wenn wir niemanden finden, der übersetzen kann, arbeiten wir mit dem ethnomedizinischen Zentrum in Hannover und dessen Dolmetscherpool zusammen. Dass die sprachliche Verständigung klappt, ist das A und O, um die Flüchtlinge so schnell wie möglich in die Gesellschaft zu integrieren. Das Geld dafür ist gut angelegt.

Um den Flüchtlingen Brücken in ihr neues Lebensumfeld zu bauen, haben Sie in Hannover schon sehr früh ein Integrationskonzept entwickelt und 20 Sozialarbeiter als Integrationsmanager eingestellt, um den Flüchtlingen die Ankunft hier zu erleichtern. Bewährt sich das?

Ja. Dass es bislang in einer so voll belegten Flüchtlingsunterkunft wie dem Oststadtkrankenhaus nicht zu größeren Auseinandersetzungen gekommen ist, hat auch damit zu tun, dass die Sozialarbeiter so eine gute Arbeit leisten. Es reicht natürlich nicht für alle Unterkünfte. Wir werden die Zahl der Integrationsmanager daher in absehbarer Zeit verdoppeln.

Größere Krawalle gibt es in Hannover nicht. Aber in den Stadtteilen, in denen viele Flüchtlinge untergebracht sind, artikuliert sich vereinzelt Unmut darüber, es könnte zu viel werden. Was wird da passieren, wenn der Flüchtlingszustrom weiter anhält?

Als Sozialdezernent kann ich da natürlich keine verlässliche Prognose stellen. Aber ich kann etwas Persönliches sagen: Ich selbst zum Beispiel wohne am westlichen Endpunkt der Stadtbahnlinie 9. Da werden in den nächsten Monaten wahrscheinlich auch drei Flüchtlingsunterkünfte entstehen. Da wird sich das friedliche Miteinander ganz konkret im Alltag - nehmen Sie nur das tägliche Straßenbahnfahren - neu bewähren müssen.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten? Was würde Ihnen in Bezug auf die Flüchtlingsproblematik einfallen?

Mir würde als Erstes einfallen, dass ich lieber fünf Wünsche frei hätte ...

Sie haben drei.

Ich würde mir wünschen, dass es uns Kommunen noch weiter erleichtert wird, Flüchtlinge so schnell wie möglich in Arbeitsprozesse zu integrieren. Dass die Erstaufnahmelager nicht mehr so überfüllt sind und ihre eigentlichen Aufgaben - wie vor allem das Einleiten von Asylverfahren, das Abklären des Impfstatus’ der Flüchtlinge, wieder in vollem Umfang leisten können. Und ich würde mir wünschen, dass das breite Engagement, die Willkommenskultur in der Stadtbevölkerung, weiter anhält.

Interview: Jutta Rinas, Conrad von Meding

Zur Person

Thomas Walter ist seit Februar 1994 Jugend- und Sozialdezernent der Stadt Hannover. Er ist damit innerhalb der Rathausverwaltung verantwortlich für die Fachbereiche Soziales, Jugend und Familie und Senioren und so Leiter der Sozialverwaltung mit etwa 2400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. 1955 in Bad Oeyenhausen geboren, hat der studierte Sozialwissenschaftler in verschiedenen wissenschaftlichen und politischen Positionen gearbeitet. Er gilt bundesweit als angesehener Fachmann und ist unter anderem Vorsitzender des Ausschusses für Soziales und Familie im Deutschen Städtetag. 1999 und 2007 wurde er in Hannover als Dezernent wiedergewählt. Im kommenden Jahr scheidet Walter aus dem Amt, die inhaltlichen Schwerpunkte seines Dezernats werden dann neu verteilt.

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