Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
„Wir fühlen uns verraten und verkauft“

Kleingärtner „Wir fühlen uns verraten und verkauft“

Der Vorsitzender der Gruppe Nordwest, Harald Frank, will das Kleingartenkonzept der Stadt nicht akzeptieren. Im Interview erklärt er, warum er Kleingartenkolonien als ein Beispiel für Integration sieht.

Voriger Artikel
Schlägerei bei Polka-Party im RP5 am Raschplatz
Nächster Artikel
Stadt will Ausnahmen für blaue Plakette einführen

Sommerinterview mit Harald Franke, Vorsitzender der „Gruppe Nordwest“, die mehrere vom Kleingarten-Konzept betroffene Vereine vertritt. Fotografiert in der Kolonie Rehhagen.

Quelle: Kutter

Herr Frank, es ist Hochsaison in den Kleingärten. Wer nicht in den Urlaub gefahren ist, entspannt auf seiner Scholle oder bringt Blumen und Beete in Schuss. Doch die Freude am eigenen Stück Grün dürfte bei manchem getrübt sein, seit die Stadt bekannt gegeben hat, dass sie demnächst exakt 813 Gärten zu Bauland machen will.
Das kann man wohl sagen. Allein 200 Parzellen sollen es in vier Kolonien entlang des Vinnhorster Wegs sein, für die ich zuständig bin. Fast täglich fragen mich die Pächter: Was passiert hier bei uns? Wie weit sind die Planungen? Können wir noch in unsere Gärten investieren? Ich weiß dann nicht, was ich antworten soll. Wir werden von unserem Bezirksverband und von der Stadt ja nicht darüber informiert, was eigentlich Sache ist.

Der Bezirksverband und die Stadt haben das Kleingartenkonzept beschlossen, ohne die betroffenen Vereine einzubeziehen?
So sieht es aus. Wer etwas anderes behauptet, der lügt. Ich kann nur für die Vereine sprechen, die ich vertrete, und da kann ich sagen: Die Kleingärtner vom Vinnhorster Weg fühlen sich verraten und verkauft.

Zur Person

Harald Frank (66) ist der Vorsitzende der Nordwest-Gruppe, in der sich Kleingartenkolonien aus Vinnhorst, Burg und Herrenhausen zusammengeschlossen haben. Sieben Kolonien mit etwa 2500 Pächtern gehören zu dem Netzwerk.

Von ihrem eigenen Verband?
Zwischen den Vereinen und dem Verband steht es zurzeit nicht zum Besten.

Die vier betroffenen Kolonien haben zusammen etwa 1280 Parzellen. Was würde es denn für die Kleingärtner bedeuten, wenn davon 200 Gärten aufgegeben werden müssten?
Das wäre für viele der Pächter ganz schlimm. Es gibt welche, die sind einfach nur wütend, andere machen sich große Sorgen, und es sind auch schon Tränen geflossen. Manche haben ihren Garten schon seit 40, 50 oder sogar 60 Jahren. Die hängen an ihrem Stück Erde, es ist ihr Lebenswerk – das kann man ihnen nicht einfach wegnehmen. Ich sage immer: Wenn man einen alten Baum verpflanzt, dann geht er ein.

Die Stadt hat versprochen, den Betroffenen Ersatzparzellen nahe ihrer Kolonie anzubieten. Größere Gartenflächen von mitunter 1000 und mehr Quadratmetern sollen in mehrere kleine aufgeteilt werden.
Das funktioniert hier nicht. Bis auf einige Gärten in der Kolonie Tannenkamp haben unsere Parzellen eine durchschnittliche Größe von 400 Quadratmetern, die kann man nicht verkleinern. Am Vinnhorster Weg gibt es auch kaum Gärten, die länger leer stehen. Wenn mal eine Fläche frei wird, ist sie schnell wieder belegt. Nimmt man unseren Pächtern ihre Scholle weg, müssten sie womöglich zum Kronsberg oder sonst wohin – das kann man keinem zumuten.

Die Stadt hat das Konzept ja nicht aufgelegt, um die Kleingärtner zu ärgern. Sie braucht freie Flächen, um neue Wohnungen für die wachsende Bevölkerung zu bauen.
Sicher, aber es gibt doch genug andere Flächen in der Stadt, die bebaut werden können.

Zum Beispiel?
Vielleicht im Ledeburger Gewerbegebiet, bei den ehemaligen Eilers-Werken. Da ist gar nicht mehr viel Industrie, allerdings eine Bahnlinie. Wie auch immer: Ich verstehe einfach nicht, warum eine solch große zusammenhängende Grünfläche mit sieben Kleingartenkolonien wie am Vinnhorster Weg zerstört werden soll. Da reden immer alle Politiker von der grünen Lunge Hannovers, und wenn es drauf ankommt, wollen sie da einfach Häuser hinbauen. Dann interessieren die Kleingärten nicht mehr. Hat überhaupt schon mal einer darüber nachgedacht, dass auch der ganze soziale Zusammenhalt in den Kolonien kaputt gemacht würde?

Wie meinen Sie das?
Die Kleingärten sind doch das beste Beispiel für Integration. Wir haben hier Türken, Polen, Russen, Iraner und Tunesier und noch mehr Nationen, richtig multikulti. Alle halten sich hier an die Spielregeln, und alle verstehen sich. Gerade in den vergangenen Jahren haben auch immer mehr junge Familien mit Kindern eine Parzelle gepachtet. Die Altersgruppe der 20- bis 40-Jährigen macht zum Beispiel in der Kolonie Rehhagen inzwischen ein Drittel der Pächter aus, ein weiteres Drittel ist zwischen 40 und 60 Jahre alt und das letzte Drittel älter. Es werden also auch die Generationen zusammengeführt.

Die betroffenen Vereine haben bereits heftig gegen die Pläne der Stadt protestiert, sogar direkt vor dem Rathaus. Doch die Ratspolitiker haben dem Kleingartenkonzept trotzdem zugestimmt. Sind Sie jetzt frustriert?
Ich kämpfe, solange mir die Mittel in den Händen liegen, für meine Pächter. Wir haben ja auch noch Zeit, uns weiter zu wehren. Es gibt weder einen Bebauungsplan noch einen Investor, da können noch einige Jahre vergehen, bis es so weit ist. Und wenn die ersten Kündigungen für die Pachtflächen eingehen, werden wir das natürlich auch juristisch prüfen lassen.

Interview: Juliane Kaune

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr Aus der Stadt
Es war einmal in Hannover. Aber wo?

Auf in eine neue Runde: Sie kennen sich in Hannover aus? Zeigen Sie es! Schauen Sie sich die historischen Stadtansichten an, und erraten Sie, wo die Aufnahmen gemacht wurden. Direkt hinter dem historischen Foto sehen Sie die Auflösung – in Form eines aktuellen Vergleichsbildes.

Neue Fotoausstellung im Sprengel-Museum

Unter dem Titel "Und plötzlich diese Weite" eröffnet am 10. Dezember im Sprengel Museum eine neue Ausstellung.