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Was macht die Flucht mit den Menschen?

HAZ-Serie „Aufbruch 1945“ Was macht die Flucht mit den Menschen?

Monika Weidlich, geboren 1961 als Kind schlesischer Flüchtlinge, ist Kulturpädagogin und Heilpraktikerin für Psychotherapie. In Hannover leitet sie Gesprächskreise für Kriegsenkel und erklärt im Interview, welche Auswirkungen die Flucht auf die Psyche der Vertriebenen hat und woher ihr eiserne Wille beim Wiederaufbau rührt.

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Monika Weidlich, geboren 1961 als Kind schlesischer Flüchtlinge, ist Kulturpädagogin und Heilpraktikerin für Psychotherapie. In Hannover leitet sie Gesprächskreise für Kriegsenkel.

Quelle: Kutter

Frau Weidlich, woher rührte der eiserne Aufbauwille der Vertriebenen?
Viele wollten unbewusst ihre Verluste ungeschehen machen, sich etwas erarbeiten, das ihnen niemand mehr nehmen kann. Im Streben nach eigenem Haus und Hof zeigte sich ein großes Bedürfnis nach Sicherheit. Und wenn sie sich in die Arbeit stürzten, spielte dabei teils auch die Verdrängung des Erlebten eine Rolle. Viele legten auch großen Wert auf Bildung: Was man im Kopf hat, kann man bei der nächsten Flucht nicht verlieren. Ihre Kinder litten in der Schule folglich oft unter hohem Leistungsdruck. Allerdings gab es auch Fälle, in denen Flüchtlinge eher ängstlich agierten. Die traumatischen Erlebnisse bremsten sie teils auch in ihren beruflichen Möglichkeiten.

Hannovers verlorene Orte: Viele Bauwerke in Hannover haben die Zeit nicht überdauert. Einige wurden während des Krieges zerstört, andere existieren aus anderen Gründen nicht mehr – und sind für immer verloren.

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Gibt es typische Verhaltensweisen der Flüchtlinge von damals?
Viele können bis heute keine Lebensmittel wegwerfen. Andere sammeln alles, jede verbogene Schraube, oder bügeln Geschenkpapier auf. Sie bewahren alles Materielle auf – und zugleich achten sie nicht auf sich selbst, auf Signale ihres Körpers. So blenden sie beispielsweise Krankheiten aus und schonen sich nicht.

Sie arbeiten unter anderem mit Kriegskindern, die zwischen 1930 und 1945 geboren wurden. Wie wirken bei diesen Kindheitserlebnisse wie die Flucht nach?
In der Nachkriegszeit erlebten sie wachsenden Wohlstand. Doch zugleich waren ihre strebsamen Eltern, die alles in den Aufbau steckten, oft nicht für ihre Kinder da. Kriegskinder sind darum emotional häufig relativ unzugänglich. Auf der Flucht oder im Bombenkeller durfte man keine Gefühle zeigen, es ging ja ums Überleben. Später hatten die Kriegskinder ihrerseits oft eine unterkühlte Beziehung zu ihren eigenen Kindern. In der Psychologie spricht man von einer transgenerationalen Weitergabe von Traumata. Dabei packt eine Generation der nächsten ihre eigenen unbearbeiteten Verletzungen auf den Buckel.

Auf in eine neue Runde: Sie kennen sich in Hannover aus? Zeigen Sie es! Schauen Sie sich die historischen Stadtansichten an, und erraten Sie, wo die Aufnahmen gemacht wurden. Direkt hinter dem historischen Foto sehen Sie die Auflösung – in Form eines aktuellen Vergleichsbildes.

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Nicht alle Flüchtlingskinder wurden gleich schwer traumatisiert.
Wie prägend die Erfahrung von Verlust und Stigmatisierung ist, hängt von vielen Faktoren ab; etwa, ob die Kinder starke Eltern hatten, die sie ihrerseits stärkten. Und davon, ob sie schon einige Jahre im Frieden erlebt hatten. Kinder, die erst nach 1939 geboren wurden, wuchsen oft von Anfang an in einem Klima der Angst auf. So etwas hinterlässt Spuren. In Gesprächskreisen begleite ich inzwischen die Generation der Kriegsenkel. Auffallend viele Kinder von Kriegskindern wechseln häufig den Partner, die Wohnung, den Beruf. Darin kann man eine verdeckte Form von Flucht sehen. Es gibt Kinder von Vertriebenen, die sich bis heute heimatlos fühlen.

Interview: Simon Benne

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