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Aus der Stadt Irie Révoltés und Freunde rocken die Parkbühne
Hannover Aus der Stadt Irie Révoltés und Freunde rocken die Parkbühne
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17:53 28.08.2016
Irie Révoltés bei ihrem Open Air am Sonnabend. Quelle: Franson
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Hannover

Im Sommer 2013 rutschte die Band Irie Révoltés kurzfristig in das Programm der N-Joy Starshow. Zwischen gefälligem Radio-Pop von Cro und DJ Antoine zückten die für viele eher mäßig bekannten Brüder Pablo und Carlos Charlemoine und Andreas Spreier plötzlich zu drängenden Dancehall-Klängen eine Fahne der Antifa und brüllten 25000 Besuchern die Parole „Kein Mensch ist illegal!“ entgegen. Nanu? Politik auf einem Popfestival? Tanz die Militanz? Gegen den Auftritt der Heidelberger wirkte das musikalische Engagement von Bono und Bob Geldof auf einmal wie zu lang geratene Zeltlagermanifeste am Lagerfeuer zum Elend der Welt. Irie Révoltés bieten politische Standortbestimmung im tanzbaren Ska- und Hip-Hop-Gewand. Am Sonnabend luden sie zum zweiten eigenen Festival an die Parkbühne – 4500 Besucher feierten mit, 2000 mehr als im Vorjahr.

Die Band hat dabei schnell erkannt, dass sie nicht allein für ein breites Klassentreffen der politisch Bewegten sorgen kann. Also bestellt man passende Künstler ein und macht aus dem Open Air auch einen Flohmarkt der Engagierten. Mit einem Glücksrad sammelt ein Verein für Rollstühle in Afrika, die anderen bunkern Pfandbecher für internationale Brunnenprojekte, Geflüchtete verkaufen aus Rettungswesten gestaltete Geldbörsen für Integrationsprojekte. Sea-Watch, Kein Bock auf Nazis, Fähren statt Frontex: Zahlreiche Initiativen verteilen Aufkleber und Ratschläge für eine bessere Welt. Auf der Bühne läuft dazu der passende Demo-Soundtrack. Die Hamburger Band Neonschwarz kombiniert gekonnt abgewandelte Adorno-Zitate vom falschen Leben mit Kinderreimen wie „Dies Das Ananas“, stampfende Elektroklänge mit Parolen wie „Ganz Hannover hasst die AfD!“. Dazu treibt ein Kerl mit rosafarbener Sturmmaske in einem Gummiboot über die Hände der Fans. Antifaschistische Folklore. „Krass, wie stabil Hannover ist“, ruft Rapper Captain Gips.

Anschließend tritt die bekannteste Deutschpunkband auf: Slime. Der Bürstenhaarschnitt von Dirk Jora ist längst mehr grau als blond, aber ein schwarzes Hemd sorgt für einen zeitlosen Eindruck. Die Songs sind es eh. „A.C.A.B.“, „Alle gegen Alle“ und „Störtebecker“ – gebe es eine „Hitparade“ für stachlige Stinkepunks, Slime wären jede Woche zu Gast gewesen. Bekenntnisse zum Kampf gegen Nazis, Polizeigewalt, Spießer und unendliches Wachstum. Dazu vertonte Erich Mühsam-Gedichte und die Erkenntnis, „dass manche Themen sich leider nicht von selbst erledigen.“ Slime gründete sich 1979, „Nazis raus“ ist von 1983. Am Sonnabend ist es der AfD gewidmet und aktuell wie nie.

Nach Slime ist Irie Révoltés dran, Dancehall und Ska sorgen für fliegende Bierbecher, Beine und verlorene Brillen im Moshpit. Fans werden auf Händen getragen, jedes Trompeten- und Saxofonsolo mit Applaus gewürdigt. Die Musiker sind agil, springen unermüdlich, legen mehr Wegstrecke zurück als mancher Sicherheitsdienst auf dem Weg zur nächsten verbotenen Pyro-Einlage einiger erlebnisorientierten Besucher. Die Songs vom aktuellen Album sind etwas näher am Pop gebaut, entsprechend bleiben Feuerzeugmeere im Zuschauerraum und Chorgesänge nicht aus. Und plötzlich sorgen Songs wie „Antifaschist“, „Soleil“, „Merci“ und „Resisdance“ doch wieder für Pogo und politisches Bewusstsein. Dazu heben die Fans die Faust und vergewissern sich ihrem Willen zu Solidarität. Slime-Sänger Dirk Jora hatte vorher erklärt, dass solche Konzerte dazu dienen, Kraft zu sammeln für den Alltag, einen Alltag, der immer öfter von Auseinandersetzung mit Rassisten geprägt ist. „Das Konzert endet nicht am Ausgang!“ Entsprechend erklingen viele Parolen zur Rettung der Welt auch auf dem Heimweg. Bob Geldof hätte gelacht.

Von Jan Sedelies

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