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Ist die Polizei machtlos gegen Autoknacker?

Autoaufbrüche in Hannover Ist die Polizei machtlos gegen Autoknacker?

Täglich muss sich die Polizei in Hannover und dem Umland um Autoaufbrüche kümmern. Die Täter kommen blitzschnell mit Hightech-Werkzeug. Die Ermittler erwarten sogar einen Anstieg der Taten – und haben kein Rezept dagegen.

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So sehen Fahrzeuge aus, wenn Autoknacker gestört wurden. Der VW-Phaeton wurde in der Nacht zu Mittwoch in Misburg aufgebrochen. Die Täter hebelten die Scheibe heraus und wollten das eingebaute Navigationsgerät entwenden. Sie wurden gestört und flüchteten. 

Quelle: privat

Hannover. Auf den ersten Blick macht die Internetseite noimmo.lt einen harmlosen Eindruck. Auf dem Portal werden wahlweise auf englisch, spanisch, polnisch oder auf russisch elektronische Diagnosegeräten zur Reparatur von Autos angeboten - für Fahrzeugtypen sämtlicher Hersteller. Die legal betriebene Seite richtet sich eigentlich an Werkstattbesitzer und Automechaniker, sie wird aber auch von einem anderen Kundenstamm häufig frequentiert: den Mitgliedern von Autoaufbrecherbanden. „Hier decken sich die Täter mit den Geräten für ihre Beutezüge ein“, sagt Waldemar Lorenz vom Landeskriminalamt (LKA) Niedersachsen.

Mit den Diagnosegeräten lassen sich zum Beispiel die Kilometerstände der Fahrzeug-Tachos manipulieren oder Autoschlüssel umprogrammieren. Je nach Modell kostet solch ein Gerät bis zu 25 000 Euro. Doch das Geld haben die Autoaufbrecher schnell wieder verdient. Die Zahl der Autoaufbrüche in Hannover ist nach Auskunft der Polizeidirektion Hannover im vergangenen Jahr erheblich gestiegen. Genaue Zahlen veröffentlicht die Behörde in den nächsten Wochen. Doch dürfte Hannover im Landestrend liegen. Denn auch das LKA erwartet für das Jahr 2015 einen deutlichen Anstieg bei der Zahl gestohlener Airbags und Navigationsgeräte.

„Sie benötigen ein bis zwei Minuten, um einen Airbag auszubauen“

Täglich meldet der Polizeibericht Autoaufbrüche irgendwo in Hannover oder in den Umlandkommunen. Die Täter sind bestens organisiert und gut vernetzt. Sie schlagen in der Regel in Gegenden zu, die nahe an Autobahnen gelegen sind, damit die Beute schnell abtransportiert werden kann. Betroffen sind speziell die Strecken, die Richtung Osten führen, die Autobahn 2, die A 20 und die A 38. In Hannover sind Autoaufbrecher verstärkt am Flughafen oder während der großen Messen auf den Parkplätzen der Messehallen unterwegs.

„Sie benötigen ein bis zwei Minuten, um einen Airbag auszubauen“, sagt Waldemar Lorenz. Er kümmert sich in der Zentralstelle Polizeiliche Kriminalprävention des LKA auch um die Beratung von Autofahrern, die ihr Fahrzeug sicherer machen wollen. Nach Erkenntnissen der Ermittler sind in Niedersachsen in aller Regel Mitglieder osteuropäischer Banden unterwegs. Nach Informationen der HAZ sitzen die Drahtzieher der Verbrecherorganisationen hauptsächlich in Litauen. Doch zu den Autoaufbrecher-Syndikaten zählen nicht nur die Bandenmitglieder selbst. Es bedarf eines ganzen Netzes von Hintermännern, welche die Taten decken. Die Werkstattbetreiber, die offensichtlich gestohlenen Airbags oder Navigationsgeräte wieder in Fahrzeuge einbauen, gehören dazu. „Ich vermute sogar, dass auch einzelne Behörden davon Kenntnis haben, sonst sind die Taten in so großem Stil gar nicht denkbar“, sagt Hauptkommissar Lorenz.

Täter immer dreister

Ein Fall aus der vergangenen Woche aus Misburg zeigt: Die Autoaufbrecher gehen offenbar immer skrupelloser zu Werk. In der Nacht zu Mittwoch wurde der VW-Phaeton eines Unternehmers aufgebrochen. Einen Tag zuvor hatte der 44-Jährige seinen Wachhund vergiftet auf dem Grundstück entdeckt und in die Tierärztliche Hochschule bringen müssen. Die Untersuchungen ergaben: Das Tier hatte Kühlflüssigkeit getrunken. „Ich vermute, dass die Täter uns ausspioniert und dabei auch den Wachhund entdeckt und anschließend ausgeschaltet haben“, sagt der Unternehmer. Die Autoknacker hatten es auf das Navigationsgerät des Phaeton abgesehen, mussten aber ohne Beute flüchten. Denn der Beifahrersitz war zufällig elektronisch ganz nach vorne gefahren worden, sodass die Autoknacker offenbar nicht genügend Platz zum Ausbau des Geräts hatten.

Die Ermittler in Deutschland haben nur zwei Möglichkeiten, die Täter zu fassen: entweder auf frischer Tat oder bei einer Zufallskontrolle auf der Autobahn. „Hat ein Verdächtiger beispielsweise eines dieser digitalen Diagnosegeräte bei sich, wird sein Wagen mit Sicherheit genauer unter die Lupe genommen“, sagt der LKA-Beamte. Auch das zunehmende Wachstum der Fernbuslinien spielt den Tätern in die Karten. Auf den West-Ost-Routen können gestohlene Autoteile bequem an den Bestimmungsort gebracht werden. „Es gab schon Busfahrer, die für eine bestimmte Summe die Fracht am Ziel einem Abholer übergeben haben“, sagt Lorenz.

Was meinen Sie?

Täglich meldet der Polizeibericht Autoaufbrüche in Hannover und Umland: Muss die Polizei mehr gegen Autoknacker tun?

Die geschädigten Autofahrer trifft es in der Regel doppelt hart: Sie haben zum einen die Angelegenheiten mit der Polizei und der Versicherung zu regeln. Zum zweiten müssen sie oft lange Wartezeiten auf ihre Ersatzteile in Kauf nehmen. „14 Tage bis vier Wochen kann das schon dauern“, sagt Gerhard Michalak, der Geschäftsführer der Kraftfahrzeug-Innung Niedersachsen. Zwar gebe es grundsätzlich keine Lieferschwierigkeiten, es handele sich bei dem Diebesgut aber oft um Teile, die bei den Zulieferern nicht einfach vorrätig seien. „Bei einem Airbag-Diebstahl sind ja auch Kabelstränge beschädigt, das ist keine einfache Reparatur“, sagt Michalak.

Doch nicht nur Autoteile, auch ganze Fahrzeuge stehen auf der Liste der Autoaufbrecher. Sie werden oft auf Bestellung gestohlen oder dienen als Ersatzteillager. Nach den Auswertungen des LKA sind etwa 70 Prozent der in Niedersachsen gestohlenen Wagen sieben Jahre alt oder sogar noch älter. Dabei gehen die Täter oft mit einer enormen Dreistigkeit vor. Fälle wie der folgende sind keine Seltenheit: Ein Autoknacker demoliert die Seitenscheibe eines Fahrzeugs, um sich Zugang zu dem Auto zu verschaffen. Mit Hilfe eines Computers programmieren sie einen zuvor gestohlenen Schlüsselrohling des Fahrzeugtyps auf den gerade aufgebrochenen Wagen. Dann verlassen sie das Fahrzeug. Der Autobesitzer findet den Wagen, stellt aber erleichtert fest, dass nichts gestohlen wurde und bringt den Wagen in die Werkstatt, um das Fenster reparieren zu lassen. „Würde der Mechatroniker den Wagen genau durchchecken, würde er feststellen, dass an ihm manipuliert wurde. Doch in der Regel ersetzt er lediglich das kaputte Fenster“, sagt Waldemar Lorenz. Der Fahrzeugdieb hat dann leichtes Spiel. Er kann mit seinem programmierten Schlüssel den frisch reparierten Wagen öffnen und davonfahren.

So schützen Sie sich gegen Autoknacker

Hauptkommissar Waldemar Lorenz sagt ganz grundsätzlich zum Schutz vor Autodieben: Jede Vorrichtung sollte dazu dienen, die Zeit zu verlängern, die die Täter benötigen, um ein Fahrzeug oder Teile davon zu stehlen. „Sie stehen unter enormen Zeitdruck, da zählt jede Minute“, sagt der LKA-Beamte. Ein Lenkradschloss oder eine Radkralle seien zwar durchaus brauchbare Mittel, um Täter abzuschrecken. „Sie taugen aber nicht für den alltäglichen Gebrauch, weil die Montage zu umständlich ist“, sagt er. Radkralle und Lenkradschloss könnten dann zum Einsatz kommen, wenn ein Fahrzeug über einen längeren Zeitraum an einem Platz abgestellt wird, beispielsweise am Flughafen wegen einer Urlaubsreise.

Ein GPS-Sender im Wagen, mit dem ständig via Smartphone festgestellt werden kann, wo sich das Auto gerade befindet, ist nach Meinung des Experten ebenfalls eine sinnvolle Nachrüstung. Ein Aufkleber an der Frontscheibe könne die Täter auf die technische Nachrüstung hinweisen und damit abschrecken. „Das Problem ist allerdings, dass diese Technik auch mal ausfallen kann, sie also nicht hundertprozentig verlässlich ist“, sagt LKA-Mann Lorenz.

Mechanische Ganghebelsperren seien da besser. Beim Abstellen des Wagens legt der Besitzer den ersten Gang oder der Rückwärtsgang ein und schließt die Schaltung mit einem Schlüssel ab. Selbst wenn es dem Dieb gelingt, das Auto aufzubrechen und den Motor zu starten, wird er nicht weit kommen. „Es gab schon Fälle, in denen die Täter mit ihrer Beute einige hundert Meter im Rückwärtsgang zurückgelegt und das Auto dann frustriert stehen gelassen haben“, sagt der LKA-Beamte.  

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