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Aus der Stadt Ist diese Betonhülle noch ein Denkmal?
Hannover Aus der Stadt Ist diese Betonhülle noch ein Denkmal?
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02:16 15.02.2015
Die Arbeiten am Plenarsaal ruhen. Wie geht es weiter auf der Großbaustelle am Platz der Göttinger Sieben? Quelle: Schaarschmidt
Hannover

Dieter Oesterlen hatte genaue Vorstellungen davon, wie der Plenarsaal des niedersächsischen Landtags wirken sollte, den er 1962 fertigstellte: Klare Formen, gerade Linien, blanke Wände – Oesterlen wollte einen Kontrapunkt setzen und gleichzeitig eine Ergänzung schaffen zur schnörkeligen Herrschaftsarchitektur des Leineschlosses. Das galt für die äußere Erscheinung, doch das setzte sich auch im Inneren fort, bis hin zur Form von Klinken und Geländern. Ein komplettes Ensemble, das unter Denkmalschutz stand.

Mittlerweile ist von Oesterlens Bauwerk nur noch das Skelett übrig, eine Betonhülle, die gerade mal erahnen lässt, wie das Gebäude einst wirkte. Und selbst diese Betonhülle droht jetzt, der Abrissbirne zum Opfer zu fallen, da der Stahl in seinem Inneren angefangen hat zu rosten. Und nun stellt sich die Frage: Gilt der Denkmalschutz immer noch? Oder ist Oesterlens Werk inzwischen so verstümmelt worden, dass es – einfach gesagt – darauf nun auch nicht mehr ankommt?

Für Stefan Winghart, den Präsidenten des Landesamts für Denkmalpflege, ist die Antwort ganz klar. „Der Kompromiss sah vor, die Hülle zu erhalten, darauf haben sich 2010 der Landtag, wir Denkmalschützer und das Baumanagement geeinigt“, sagt er und: „Die Denkmaleigenschaft hängt nicht an den Betonmauern im Inneren oder der Tragekonstruktion hinter der Fassade, sondern an der Granitfassade mit den großen Fenstereinschnitten und den Skulpturen von Kurt Schwerdtfeger.“

Dieser Satz wäre bis 2009 keinem Denkmalpfleger entglitten. Denn eigentlich stand der gesamte Parlamentsbau unter Denkmalschutz. „Es war schließlich eine noble Architektur im Inneren“, sagt Winghart und meint die klare Formensprache der Nachkriegszeit und die Tatsache, dass es sich um einen der ersten Parlamentsbauten der Nachkriegszeit handelte. Dass jetzt die innere Gebäudestruktur des Bauwerks abgerissen wird, sei „nicht zu unserer Freude“ gewesen, gesteht Winghart, aber „eben ein Kompromiss“.

Es ist ein Mammutprojekt: Drei Jahre lang soll der Umbau des Landtagsgebäudes in Hannover andauern. Ein Rundgang über die Baustelle.

Dieser Kompromiss war damals auch ausgehandelt worden, damit alle Beteiligten ihr Gesicht wahren konnten – auch, wenn Winghart diese Formulierung so nicht bestätigen will. Nach den gescheiterten Plänen für einen Abriss und Neubau musste politisch eine Lösung her, die weder den behutsamen Umbau des Gebäudes (2002 beschlossen) noch den Abriss und Neubau (2010 beschlossen) vorsahen. Der Mittelweg: Die Hülle bleibt, aber innen wird alles neu. „Das ist denkmalpflegerisch nicht der Idealfall, aber es ist eben ein Kompromiss“, sagt Winghart.

Denkmalpflegerisch nicht der Idealfall, aber – solche Formulierungen würde manch ein privater Bauherr auch gern hören, wenn er sein Denkmal umbauen will. Gab es eine Lex Landtag? „Nein“, sagt Winghart, „solche Behauptungen sind Unfug.“ Und er bringt zwei Beispiele. Wenn ein privater Bauherr einen Bauernhof zum Wohnhaus umbaue, werde nicht verlangt, dass er auf ein modernes WC verzichtet und das Plumpsklo im Hof nutzt. Und es müsse auch niemand mit einem heißen Ziegelstein ins Bett gehen, weil der Denkmalschutz die Heizung verbiete. „Natürlich darf ein Denkmal umgebaut werden.“

Der provisorische Plenarsaal in Hannover ist weitgehend fertiggestellt: Während der Sanierung des niedersächsischen Landtags tagt das Parlament von September an im Georg-von-Cölln-Haus direkt gegenüber der Marktkirche in der hannoverschen Altstadt.

Blickt man ins niedersächsische Denkmalschutzgesetz, dann findet man ein Regelwerk voller Abwägungen und Ermessensspielräumen. Der Denkmal­erhalt steht im Vordergrund, aber nur, wenn es wirtschaftlich zumutbar ist. Eine energetische Sanierung oder ein behindertengerechter Zugang sind zu genehmigen, wenn sie das Interesse an einer unveränderten Erhaltung des Kulturdenkmals überwiegen. Doch wann überwiegt welches Interesse? Eine Frage, über die Denkmalschutz-Behörden und Hausbesitzer in Streit geraten können.

Keine Grenze des Zumutbaren

Trotzdem, sagt Winghart, gälten für Normalbürger andere Kriterien als für einen Landtag. „Für private Eigentümer ist im Denkmalgesetz festgelegt, dass es eine Grenze des Zumutbaren gibt – das kann bis zum Abriss gehen, wenn etwa eine Immobilie wirtschaftlich nicht zu erhalten ist. Diese Sonderregelung gibt es für die öffentliche Hand nicht.“ Sie dürfe nur bei „unabweisbarer öffentlicher Erfordernis“ abreißen.

Dass die Beton-Umfassungsmauern des Landtags nun möglicherweise wegen ihrer Brüchigkeit abgerissen werden, schockt den Präsidenten des Landesamts nicht. „Ich habe das Gutachten noch nicht gelesen, aber ob Abriss oder Reparatur, darüber müssen die Ingenieure entscheiden.“ Wichtig sei aus Sicht des Denkmalschutzes, dass die Granitplatten wieder an die Fassade kommen.     

Dinkla mahnt zur Ruhe

Als Landtagspräsident machte Hermann Dinkla (CDU) die Sanierung des Landtags 2008 zu seinem Projekt. Er hatte sich lange für den Abriss des alten Plenarsaals und für einen Neubau ausgesprochen – auch mit dem Argument, dass damit die Risiken überschaubarer würden. Doch angesichts der aktuellen Entwicklung zeigt er keine Genugtuung, sondern mahnt die Fraktionen im Landtag zur Besonnenheit – und sieht den Ball bei den Fachleuten.

„Es war immer klar: Der Umbau im Bestand birgt Risiken“, sagt Dinkla. Doch dass auch ein Neubau nicht risikofrei ist, musste er ebenfalls feststellen. „Ich war lange ein Befürworter des Neubaus, und ich bin dafür auch angefeindet worden. Aber als die kalkulierten Kosten auf 73 bis 75 Millionen Euro angestiegen waren, war die dafür unverzichtbar erforderliche Zustimmung der Fraktionen eindeutig nicht mehr da, und deshalb wurde die Reißleine gezogen“, sagt Dinkla der HAZ.

Die danach gefundene Lösung vom Umbau im Bestand „war und ist ein Kompromiss“, sagt Dinkla. Er stehe aber gleichwohl uneingeschränkt dahinter – auch, weil alle Fraktionen sich dafür ausgesprochen haben. Diese Einigkeit dürfe jetzt angesichts der möglicherweise gravierenden Rostschäden in den Betonwänden nicht zerstört werden, mahnt der ehemalige Landtagspräsident. „Bei solchen Situationen gibt es immer ein hohes Maß an Schlaumeierei und die Haltung ,Das haben wir schon immer gewusst.‘“ Schuldzuweisungen und Streit würden jetzt aber nicht weiterhelfen. „Die Probleme, die hier auftauchen, haben Hunderte andere Gebäude auch. Jetzt sind die Fachleute gefordert“, sagt Dinkla.

Von Heiko Randermann und Conrad von Meding

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