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Aus der Stadt Ist eine Mordanklage für Jörg L. möglich?
Hannover Aus der Stadt Ist eine Mordanklage für Jörg L. möglich?
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00:16 23.10.2016
Von Gunnar Menkens
In dem Haus an der Lavesstraße 16 ist Franziska getötet worden. Quelle: Polizei, Dröse Montage:Franke
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Hannover

Die Staatsanwaltschaft Hannover hat am Donnerstag „nur einige wenige Hinweise“ von Anrufern bekommen, die etwas über die getötete 26-jährige Franziska Sander sagen konnten. Über die Qualität dieser Informationen äußerte sich Oberstaatsanwalt Thomas Klinge zurückhaltend. „Es ist wohl nichts dabei, von dem wir sagen können: Nun stellt sich der Fall ganz anders da.“ Die Ermittler hoffen auf weitere Hinweise. Klinge sprach am Donnerstag eher skeptisch von einem „Strohhalm“, an den man sich klammere.

Keine Spur unter Nachbarn in der Lavesstraße

In der Nachbarschaft erinnert sich kaum jemand an das Ehepaar, dessen Beziehung 1992 in einem Gewaltakt endete. Nur wenige Bewohner leben hier mehr als ein Vierteljahrhundert an der Lavesstraße. Und sie haben offenbar nichts mitbekommen von dem jungen Paar. 1988 sind Jörg L. und Franziska Sander eingezogen, vier Jahre später tötete er seine Frau. Auch auf Fotos erkannten langjährige Bewohner die Frau mit langen braunen Haaren nicht wieder. „Man hat vielleicht nicht so drauf geachtet“, sagt ein Mann aus dem Nachbarhaus, aber es sei gut, dass jetzt wieder ermittelt werde. Unten im Haus wirtschaftet seit mehr als drei Jahrzehnten die Gaststätte Mönchshof Klause. Auch hier will man nichts wissen über die Mitbewohner von einst. „Mensch, das ist 25 Jahre her“, sagt einer. An der Scheibe des Lokals warnt ein Aufkleber: „Wachsamer Nachbar“. Auf einem zweiten Sticker beschreibt sich die Polizei Niedersachsen als „Experten für Sicherheit“.

Der Fall aus der Lavesstraße 16 in Hannovers Stadtmitte sorgt wegen seiner ungewöhnlichen Details für Aufsehen in ganz Deutschland. Der heute 52 Jahre alte Jörg L. gestand vor Kurzem, in ihrer gemeinsamen Wohnung im zweiten Stock seine Frau Franziska Sander nach einem Streit erwürgt zu haben. Die Leiche schweißte er in ein Metallfass, dichtete es sorgfältig ab und stellte es in eine gemietete Garage. Das Drama spielte sich Anfang 1992 ab.

Fass mit Leiche zog mit um

Als Jörg L. später nach Neumünster zog, wo er in einer neuen Beziehung gelebt haben soll, transportierte er auch die Leiche im Fass, aller Wahrscheinlichkeit nach über die Autobahn. In Neumünster mietete Jörg L. wieder eine Garage, um den Behälter zu verstecken. 24 Jahre lang blieb die Tat unentdeckt, 24 Jahre lang lebte der Mann im Bewusstsein, nahe der von ihm erwürgten Franziska Sander zu sein. Erst, nachdem ihre Brüder 2013 Vermisstenanzeige erstatteten, begannen Beamte mit den Ermittlungen. Jörg L. verwickelte sich in Widersprüche, bis er gestand - und entgeht nach derzeitigen Erkenntnissen einer Strafe durch die Justiz, weil die Ankläger in Hannover die Gewalttat als Totschlag einstufen. Totschlag verjährt nach 20 Jahren.

Motive für Mord können nicht nachgewiesen werden

Den Ermittlern gefällt dieses vorläufige Ende selbst nicht. Klinge sagte am Donnerstag: „Wir sind nicht zufrieden mit diesem Ergebnis, aber so steht es im Gesetz.“ Die Leiche wurde inzwischen in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) untersucht. Sie befand sich offenbar in einem mumifizierten Zustand. Am Körper der Toten wurden keine Einstiche oder Spuren von Schlägen, etwa mit einem Hammer, gefunden. Die Schwierigkeit der Staatsanwaltschaft: Sie kann dem geständigen Täter nicht nachweisen, dass er Franziska Sander ermordet hat. Mord ist die einzige Tat im Strafrecht ohne eine Verjährungsfrist. Um aber einen Mord anklagen zu können, setzt das Strafgesetzbuch Motive wie Habgier oder Heimtücke voraus. Diesen Beweis zu führen ist nach Auskunft von Oberstaatsanwalt Klinge derzeit nicht möglich. „Wir haben keine ausreichenden Spuren. Bei der Untersuchung der Leiche konnten wir keine Todesursache mehr feststellen.“ So bleibt vorerst nur eins: Die Aussage des Beschuldigten. Jörg L. ist ein freier Mann.

20 Jahre lang gelogen

Dass die Familie von Franziska Sander mehr als 20 Jahre lang mit einer Vermisstenanzeige gewartet hat, erklären Ermittler mit einem geschickten Versteckspiel von Jörg L. Bei Anrufen habe er gesagt sie sei nicht da, später erzählte er, Franziska lebe jetzt im Ausland. Er soll sogar Briefe von ihr gefälscht haben. Ein Rätsel bleibt dennoch, warum diese Ausflüchte zwei Jahrzehnte lang niemanden misstrauisch werden ließ. Franziska Sander war bereits als 16-Jährige in ein Frauenhaus der Caritas gezogen.

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