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Italienische Hebammen helfen im "Henri"

Personalengpass Italienische Hebammen helfen im "Henri"

Sie helfen, den Hebammen-Engpass in den Diakovere-Kliniken zu lindern: Sieben Geburtshelferinnen aus Italien arbeiten im Henriettenstift - und ein Entbindungspfleger dazu. Für die hannoverschen Patientinnen ist das eine willkommene Abwechslung und für die Fachkräfte aus dem Süden Europas eine ganz neue Erfahrung.

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Die beiden italienischen Hebammen Elena Romano  (rechts) und Angela Lanza schätzen die andere Art der Geburtshilfe, die in Hannover praktiziert wird.

Quelle: Tim Schaarschmidt

Hannover. Der jungen Mutter sieht man die Anspannung gar nicht an. Jedenfalls nicht auf den ersten Blick. Dabei ist die 24-Jährige, die da ganz ruhig auf der Seite liegend auf der Entbindungsstation im Henriettenstift auf ihr CTG wartet, von den Anstrengungen ihrer Schwangerschaft schon ziemlich zermürbt. Seit der vergangenen Nacht wartet sie auf die Geburt ihres zweiten Kindes, Alessia soll das Mädchen heißen. Jetzt hat sie den dringlichen Wunsch geäußert, dass die Geburt eingeleitet wird - obwohl sich bei den Untersuchungen herausstellte, dass es medizinisch nicht notwendig ist. „Ich bin jetzt“, sagt sie schlicht, „mit meinen Kräften einfach am Ende.“ Eine Forderung gegen ärztlichen Rat? Für die Hebammen aus Italien ist solch ein Begehren ungewohnt.

Nur befristete Arbeitsverträge in Italien

Dass deutsche Schwangere wie die 24-Jährige nicht sklavisch den Anweisungen der Ärzte folgen wie viele Frauen in Italien es immer noch tun, das findet Hebamme Elena Romano gut. „Bei uns zu Hause sind Ärzte in den Geburtskliniken immer noch die Halbgötter in Weiß“, sagt sie, „die Frauen machen, was sie sagen, ohne viel nachzudenken.“ Die 26-Jährige muss es wissen. Sie hat ihren Beruf in Rom gelernt, in einer der großen Entbindungskliniken der Stadt mit einem Schnitt von jährlich rund 4800 Geburten, zudem einem Haus mit dem Prädikat Level-1, einer Schwerpunktklinik zur Versorgung von Neu- und Frühgeborenen also. Zum Vergleich: Im Henriettenstift, auch einer Level-1-Klinik, wurden 2015 2200 Kinder geboren.

Elena Romano und Angela Lanza sind zwei der sieben italienischen Hebammen, die das Krankenhausunternehmen Diakovere in den vergangenen Monaten wegen Persoalengpässen eingestellt hat.

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Romano ist eine von sieben italienischen Hebammen, die das Krankenhausunternehmen Diakovere in seinen beiden Geburtskliniken, dem Henrietten- und dem Friederikenstift, in den vergangenen Monaten eingestellt hat, um Personalengpässe auszugleichen. Romano kam Anfang Mai, war damit die erste Italienerin im „Henri“. In ihrer Heimat gebe es viel zu viele Hebammen. Nach dem Studium - in Italien ist Hebamme anders als in Deutschland ein Studiengang, in dem der Schwerpunkt mehr auf der theoretischen als auf der praktischen Ausbildung liegt - sei es schwer, etwas anderes als einen Zeitvertrag zu bekommen. Ein Umstand, der offenbar nicht nur für Berufsanfänger gilt, sondern auch für Hebammen, die schon länger fertig sind.

Auch sie habe in ihrer italienischen Heimat immer nur Krankheitsvertretungen bekommen, sagt die 29-jährige Angela Lanza, die erst vor einem Monat zum Hebammenteam im „Henri“ dazugestoßen ist. Deshalb habe sie eine langfristige Anstellung natürlich gereizt. Für Elena Romano jedoch spielte eine mindestens ebenso wichtige Rolle, in Deutschland eine andere Art von Geburtshilfe kennenzulernen. „Hier wird der natürlichen Geburt ein viel höherer Stellenwert eingeräumt“, sagt die Frau, die nebenbei eine osteopathische Ausbildung absolviert. Medikamente spielten hier eine geringere Rolle. Man habe zudem mehr Kontakt zu den Frauen, könne ihnen als Hebamme mehr zurückgeben, sagt Romero.

„Deutsch habe ich gehasst“

War das Lernen der deutschen Sprache ein großes Hindernis? Die Römerin mit den braunen Augen und den ebenso braunen Haaren lacht. Anfangs sei es sehr schwierig gewesen, sagt sie. Dabei habe sie als Kind in Italien sogar sieben Jahre lang eine Rudolf-Steiner-Schule besucht: „Aber gerade das Deutschlernen habe ich damals schon gehasst, weil es so schwierig ist“. Anstrengend sei der Start im „Henri“ auch wegen der hohen Arbeitsbelastung gewesen. Jeden Morgen sei sie von 9 bis 13.30 Uhr in der Schule gewesen. Danach habe sie von 14 bis 22 Uhr auf der Station mitgearbeitet: „Ich musste ja die Abläufe im Kreißsaal kennenlernen.“

Danuta Krischik, „Henri“-Hebamme seit 1993, sagt aber, die Einarbeitung sei nicht komplizierter gewesen als bei jeder anderen frisch examinierten Kollegin. Es sei sehr unterschiedlich gewesen, was die neuen Kolleginnen an Wissen mitgebracht hätten. Manche hätten Erfahrungen aus der alternativen Geburtshilfe vorzuweisen, andere hätten wie Elena Romano ganz konservativ gelernt zu entbinden. Gerade sie sei aber ein Beispiel dafür, dass die Arbeit nach einem halben Jahr „richtig gut“ laufen könne.

Das gilt auch für Melchiorre Messina, einen italienischen Entbindungspfleger, der mit Elena Romano nach Hannover kam. Eine männliche Hebamme wie er hat deutschlandweit Seltenheitswert. In Italien dagegen sei es „vollkommen normal“, dass auch Männer in diesem Beruf arbeiteten, sagt der 29-Jährige. Es gebe in Deutschland unter den Gynäkologen doch auch viele Männer: „Ich verstehe gar nicht, was eine männliche Hebamme wie ich da für einen Unterschied macht.“ Weil Frauen in Deutschland so wenig daran gewöhnt sind, dass Männer Kindern auf die Welt helfen, wird der Entbindungspfleger im „Henri“ bislang aber nur in der Nachsorge eingesetzt. Vor allem muslimische Frauen hätten oft große Schwierigkeiten mit ihm, erzählt er. Die deutschen Frauen im „Henri“ dagegen seien zwar anfangs manchmal skeptisch. Er erkläre dann aber etwas ausführlicher als normalerweise, was er mache: „Dann gibt es keine Probleme“.

Ellen Pallasch jedenfalls, Marketingmanagerin aus Hannover, ist mit ihrer Betreuung rundum zufrieden. Das zwei Tage alte Töchterchen Julia - so klein noch, dass das Gesichtchen fast unter der Babymütze mit der Aufschrift „Neubürger auf der Station“ verschwindet - musste aus medizinischen Gründen mit einem Kaiserschnitt geholt werden. Nicht nur das habe sehr gut geklappt, erzählt die 42-Jährige. Dass sie ihr Kind trotz des Kaiserschnitts schnell auf den Bauch gelegt bekommen habe, dass das sogenannte Bonding, die Bindung zwischen Mutter und Kind, auch bei ihr als Kaiserschnittpatientin so gefördert werde, schätze sie sehr.

Hebamme Elena Romano spricht Pallasch mit solchen Ansichten aus der Seele. In Italien sei im Kreißsaal alles so steril wie im OP, erzählt sie. Die Hebammen müssten immer Häubchen und Mundschutz tragen. Die Kinder würden direkt nach der Geburt zur Untersuchung in einen anderen Raum gebracht. In Deutschland dagegen finde das Wiegen und Messen des Kindes im Zimmer der Mutter statt, sie könne alles sehen, immer nachfragen. Auch das Kind zu stillen sei ganz schnell möglich: „Das finde ich schön.“

„Situation ist normalisiert“

36,1 Vollzeitstellen, eine garantierte Besetzung des Kreißsaales mit drei Hebammen, auch im Fall von Krankheit oder Urlaub – das ist die Personalsituation, mit der das Krankenhausunternehmen Diakovere ins neue Jahr startet. Insgesamt 400 000 Euro zusätzlich, die nicht von Krankenkassen refinanziert werden, lässt sich das Unternehmen dies kosten. Die Einstellung von sieben Hebammen und einem Entbindungspfleger aus Italien sind ein wesentlicher Bestandteil im neuen Personalportfolio. Dabei sei Italien anfangs gar nicht im Fokus gewesen, sagt Unternehmenssprecher Achim Balkhoff. Tschechien und Österreich seien die Länder gewesen, in denen Diakovere sich im vergangenen Jahr während der sogenannten Kreißsaal-Krise zunächst verstärkt um neue Hebammen bemüht habe.
Wegen längerfristiger Personalengpässe in der Geburtshilfe war das Krankenhausunternehmen immer mehr unter Druck geraten. Gipfelpunkt der Krise: Vor allem im Henriettenstift, einem Level-1-Krankenhaus, war es wiederholt zu zeitweiligen Kreißsaal-Schließungen gekommen. Hebammen hatten sich geweigert, personelle Unterbesetzungen durch Überstunden und Einspringen an eigentlich freien Tagen weiter auszugleichen. Das war besonders problematisch, weil Schwerpunktkliniken für die Versorgung von Neu- und Frühgeborenen wie das Henriettenstift eigentlich rund um die Uhr geöffnet sein müssen. Andernfalls droht ihnen der Verlust des Zertifikats.
Erst als Inserate in Tschechien und Österreich im Sande verliefen, sei man auf die Idee gekommen, sich in Italien um Hebammen zu bemühen, und habe dort in den großen Tageszeitungen inseriert, sagte Balkhoff weiter. Der deutsche Markt für Hebammen sei damals leergefegt gewesen. Der Rücklauf aus Italien sei zufriedenstellend verlaufen, so Balkhoff: Die Drucksituation in den beiden Geburtskliniken von Diakovere habe sich mit der Einstellung der italienischen Kolleginnen wieder normalisiert.

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