Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / -4 ° wolkig

Navigation:
„Ja, ich fühle mich bestätigt“

Treffen mit Pegida-Teilnehmern „Ja, ich fühle mich bestätigt“

Vor einem Jahr sprach die HAZ mit vier Teilnehmern der ersten Pegida-Kundgebung. Vieles ist schlimmer geworden, sagen sie nun - und sympathisieren mit der AfD.

Voriger Artikel
„Ich habe noch so viele Fälle, die auf mich warten“
Nächster Artikel
„Ich wollte, dass Hannover aufsteht“

Vor einem Jahr stand Martina Bergmann mit ihrem selbst gebastelten Plakat auf dem Opernplatz. Heute setzt sie auf ein Erstarken der AfD - „sonst wähle ich noch mehr rechts“.

Quelle: Philipp von Ditfurth (Archiv)

Hannover. Eine Kaffeebar im Hauptbahnhof, Jürgen Kramer, 73, Hauptmann der Bundeswehr im Ruhestand, bestellt einen Cappuccino. Unablässig läuft der Wandfernseher, das Laufband eines Nachrichtensenders informiert in knappen Schlagworten über die katastrophale Silvesternacht von Köln. Sie ist gerade das Topthema bei Leuten, die glauben, dass Deutschland sich abschafft. Ein Mob von wohl 1000 Männern belästigte Frauen massiv auf sexuelle Weise. Die Täter waren nach allem, was man weiß, Afrikaner und Arabischstämmige.

Kramer liest auf dem Bildschirm, dass die Kanzlerin vom Rechtsstaat hartes Vorgehen fordert. Er sagt: „Merkel hat durch ihre Flüchtlingspolitik Europa ins Chaos gestürzt. Jeder, dem irgendwo unwohl war, fühlte sich angesprochen, zu kommen.“ Wie viele Flüchtlinge in Köln zu Tätern wurden, ist noch unklar, aber für Kramer sitzen Schuldige auch in Berlin. Die Politiker, sagt er, haben die alle reingelassen. Rein in sein Land. Was in Köln passierte, ist für den ehemaligen Soldaten Kramer im Kleinen das, was auf lange Sicht Deutschland droht. Er wählt große Worte dafür, er befürchtet „den Untergang des Abendlandes“.

Vor einem Jahr ging Jürgen Kramer zu den ersten Versammlungen des hannoverschen Pegida-Ablegers. Er fühlte sich angesprochen von Themen, die aus Dresden herüberschwappten: Islamisierung, Denkverbote, falsche Asylpolitik. Dass einige Hundert linke Gegendemonstranten deutschlandfeindliche Parolen grölten, bestätigte ihm, bei Pegida auf der richtigen Seite zu stehen. Aber öfter als dreimal ging er dann nicht mehr hin. Zu schlecht organisiert fand er die Treffen, der Schwung ging verloren, immer weniger kamen, und überhaupt fehlte es Kramer bei den Kundgebungen „an Format“. Bei der Polizei ist zu erfahren, dass bis heute auch Rechtsextreme Redner und Publikum stellen.

Kramer kam nicht allein. Angelika Becker, 68, und ihr Lebensgefährte Hagen Gotthart, 76, gingen im Januar 2015 zum Opernplatz, um sich diese neue Gruppe anzusehen. Martina Bergmann, 53, stand etwas abseits im Nieselregen. Mit ihrem leuchtenden Plakat, das „Licht an für Meinungsfreiheit“ forderte, fiel sie dennoch auf. Sie wollten mit Menschen ins Gespräch kommen, die ähnlich dachten wie sie, normalen Bürgern. Und nicht als Rechtsradikale beschimpft werden, wenn sie vor Islamismus und zu vielen Flüchtlingen warnten. Sie fühlten sich falsch dargestellt und beschimpft von Politikern, Medien und Gegendemonstranten, die sie selbst oft als naive „Gutmenschen“ abtaten.

Ein Jahr danach, am kommenden Montag, will Pegida einen ihrer sogenannten „Spaziergänge“ veranstalten, er soll eine Art Jubiläum sein. Kramer, Becker, Gotthart und Bergmann wollen nicht hingehen. Sie sind nicht mehr auf der Straße, aber die Themen bleiben in ihren Köpfen, man hat den Eindruck: mehr als zuvor. Alle vier waren bei Stammtischen der AfD zu Besuch. Je mehr die Partei in die rechte Ecke gestellt wird, umso mehr fühlen sich manche dort aufgehoben. Ist es ihnen denn nicht ähnlich ergangen? Angelika Becker erwägt, bei nächster Gelegenheit für diese Partei zu stimmen, die die SPD vom Verfassungsschutz beobachten lassen möchte.

Irgendwo in der Wohnung von Martina Bergmann liegt noch das selbst gebastelte Plakat mit der Meinungsfreiheit. Sie braucht es nicht mehr, Bergmann schreibt wieder viel und schickt Texte und Gedanken in die Welt hinaus, manchmal als Leserbrief an Zeitungen und Zeitschriften. Den Adressaten wünscht sie oft „eine friedliche Zeit“, und dieser freundliche Gruß ist ein seltsamer Kontrast zu den harten Sätzen, in denen sich Wut Luft verschafft. Zum Beispiel, wenn sie über den „schwarzen Weißekreuzplatz“ schreibt, wo Asylanten in der Sonne lägen und auf Ledersofas lümmelten, von Linken mit Deutschkursen und anderen kostenlosen Dingen versorgt. Das Klischee vom faulen Neger, der auf Kosten hart arbeitender Steuerzahler ein schönes Leben führt.

Was in Köln passiert ist, hat Martina Bergmann nicht gewundert. In Hannover sei sie selbst attackiert worden. Sie erzählt, wie drei Schwarze sie vor der Markthalle umringt hätten. „Liebe machen, Liebe machen, die haben immer wieder dasselbe erzählt.“ Ein Afrikaner, den sie im Hauseingang beim Kiffen überraschte, habe sie mit dem Ellbogen an Hals und Ausschnitt geschlagen. Es war derselbe Hauseingang, in den sie sich flüchtete, nachdem ein Schwarzer sie am Weißekreuzplatz festhielt und sie sich losreißen konnte. Bergmann hat keine Anzeige erstattet. Eine Freundin riet ihr ab, weil es bei der Polizei angeblich aussichtslos wäre. Wenn es nach ihr ginge, müssten Asylbewerber unterschreiben, so etwas wie die Zehn Gebote für das Leben in Deutschland einzuhalten. „Frauen zu achten, das gehört dazu. Und wer sich nicht daran hält, der muss raus.“ Raus aus Deutschland.

Einen Tag nach diesem Gespräch wird ein Satz von Angela Merkel bekannt. Sie fragte: „Gibt es in Teilen von Gruppen auch so etwas wie Frauenverachtung?“ Martina Bergmann würde vermutlich denken, dass diese Kanzlerin vom wirklichen Leben nicht viel weiß. Sie wird ihr weiterhin nicht vertrauen und bei der nächsten Wahl AfD wählen. „Ich hoffe, die erstarken, sonst wähle ich noch mehr rechts.“

Menschen wie Jürgen Kramer und Angelika Becker wirken, als wären sie ständig auf Empfang. Sie wittern Schweigekartelle, wenn Medien nicht sofort und ausführlich über Dinge berichten, die in ihr Weltbild passen. Sie registrieren, dass manche Länder kaum Flüchtlinge aufnehmen und mit Grenzkontrollen beginnen. Hagen Gotthard fürchtet, alle Verfolgten der Welt landen in Deutschland, wenn das Asylrecht nicht verschärft wird. Frau Becker sammelt in Stadtbahnen einvernehmliche Blicke, wenn Frauen mit Kopftüchern und „tänzelnde Afrikaner“ auffallen. Blicke von Gleichgesinnten, die diese Menschen hier nicht wollen. Kramer berichtet, wie in seinem Fitnessstudio fast alle seiner Meinung seien. Jeder erzählt von Menschen, die ihnen täglich recht geben.

Was hat sich geändert seit einem Jahr? Hört man nicht plötzlich aus allen Ecken, dass die Grenze erreicht ist? Vom Städtetag, vom niedersächsischen Ministerpräsidenten, der über Flüchtlingskontingente nachdenkt, bis hinauf zur Kanzlerin, die über eine rigorosere Abschiebepolitik sprach? „Ja, ich fühle mich bestätigt“, sagt Jürgen Kramer. Und weil die in Berlin trotzdem nicht reagieren würden, glauben Menschen wie Kramer, Angelika Becker, Hagen Gotthart und Martina Bergmann, Politiker regierten am Volk vorbei.

Als wenn es das gäbe: ein Volk.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr Aus der Stadt
Es war einmal in Hannover. Aber wo?

Auf in eine neue Runde: Sie kennen sich in Hannover aus? Zeigen Sie es! Schauen Sie sich die historischen Stadtansichten an, und erraten Sie, wo die Aufnahmen gemacht wurden. Direkt hinter dem historischen Foto sehen Sie die Auflösung – in Form eines aktuellen Vergleichsbildes.

Aktion Sonnenstrahl: Keksebacken für den guten Zweck

Etwa 40 Frauen haben im Küchencenter Staude zu Nudelholz und Ausstechern gegriffen und Plätzchen zugusten der Aktion Sonnenstrahl zu backen. Diese unterstützt seit Jahren Kinder aus sozial schwachen Familien.