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„Die meisten haben ihre Eltern nie wiedergesehen“

Jüdische Kinder aus Hannover „Die meisten haben ihre Eltern nie wiedergesehen“

Rund 10.000 jüdische Kinder durften Deutschland um 1938 verlassen – allerdings ohne ihre Eltern. Ursula Beyrodt war eines von ihnen. Jetzt erforscht die Stadt die Schicksale der Kinder, die aus Hannover allein in die Fremde flohen.

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„Als ich zurückkam, konnte ich kein Deutsch mehr“: Ursula Beyrodt heute im Rathaus.

Quelle: Michael Thomas

Hannover. Was schreibt man seinen Eltern, wenn man 25 Wörter zur Verfügung hat? Wenn 25 Wörter einem Kind reichen müssen, das mitten im Krieg in einem fremden Land untergekommen ist? Die Mitteilungen, die das Rote Kreuz von England nach Deutschland brachte, mussten knapp sein. Und so fassten sich Ursula und ihre Schwester Gisela sehr kurz, als sie 1940 an ihre Eltern schrieben, die als Juden im Deutschen Reich festsaßen: „Schule sehr schön, Heim geht“, schrieben sie. Und: „Wir haben süße kleine Katze. Küsse, Gisela, Ulli“.

Das kurze Schreiben existiert noch. Ursula Beyrodt verwahrt es bis heute daheim in Bothfeld. Genau wie ihre Puppe Rudi, die sie 1939 mit auf die Flucht nach England nahm - und die erst nach Jahren wieder mit ihr nach Deutschland zurückkehren sollte. „Meine Mutter wollte uns in die Niederlande schicken, weil wir dort Freunde hatten, aber meinem Vater war das nicht sicher genug“, sagt die 83-Jährige. Und so kam sie mit sechs Jahren in ein Heim in Blackpool, zusammen mit ihrer elfjährigen Schwester.

Ursula Beyrodt, promovierte Juristin und Richterin im Ruhestand, spricht ruhig, wenn sie ihre Lebensgeschichte erzählt. Gelegentlich lächelt die elegante Dame, die der Liberalen Jüdischen Gemeinde angehört, souverän. Es wirkt, als hätte sie mit ihrem Schicksal ihren Frieden gemacht.

Rettung der Kinder hatte hohen Preis

Damals gehörte sie zu den rund 10 000 jüdischen Kindern, die Deutschland 1938/39 verlassen durften. Das britische Parlament hatte nach der Pogromnacht entschieden, sie aufzunehmen. Die BBC verbreitete Aufrufe, Kinder aus Deutschland in Familien unterzubringen; jüdische Helfer und Flüchtlingsorganisationen kümmerten sich um sie. Die Rettung der Kinder hatte einen hohen Preis: Die Jungen und Mädchen mussten ohne ihre Eltern ausreisen. Diese blieben in Deutschland - und wurden meist ermordet: „Von den anderen Mädchen in unserem Heim hat keins seine Eltern je wiedergesehen“, sagt Ursula Beyrodt.

Für eine Ausstellung hat das städtische Projekt Erinnerungskultur jetzt die Geschichte hannoverscher Transportkinder erforscht. Mit Fotos, Dokumenten und Habseligkeiten, die Kinder mit ins Exil nahmen, zeichnet die Schau die Biografien der minderjährigen Flüchtlinge nach: „Bisher konnten wir 63 Jungen und Mädchen ermitteln, die mit einem Kindertransport in die Niederlande, die USA oder nach England ausgereist sind“, sagt die Historikerin Edel Sheridan-Quantz. Es gab also 63 Fälle, in denen Eltern ihren Kindern in Hannover die kleinen Koffer packten, ohne zu wissen, ob es je ein Wiedersehen geben würde. 63 herzzerreißende Abschiede auf Bahnhöfen. Das älteste der hannoverschen Kinder war 18, das jüngste gerade drei Jahre alt.

Ausstellung zu Kinderschicksalen

Die Ausstellung „Fremde Heimat – Rettende Kindertransporte aus Hannover 1938/39“ wird im Neuen Rathaus am Mittwoch, 28. Oktober,
18 Uhr, eröffnet. Dazu werden auch Zeitzeugen und deren Angehörige aus Großbritannien und den Niederlanden erwartet. Es spricht unter anderem der Historiker Wolfgang Benz.

Zur Ausstellung sind ein gleichnamiger Begleitband (10 Euro) sowie eine Sammlung von Biografien auf Englisch (5 Euro) erschienen.

Die Historikerin Edel Sheridan-Quantz hält am 3. November, 19 Uhr, in der Nikodemuskirche, Lüneburger Damm 2 , einen Vortrag über die Ausstellung.

Das Kino in Künstlerhaus, Sophienstraße 2, zeigt am 10. November, 19.30 Uhr, den Dokumentarfilm „Kindertransporte – In eine fremde Welt“.

Zum Abschluss der Ausstellung spricht am 18. November, 18 Uhr, im Neuen Rathaus die Zeitzeugin Ursula Beyrodt.

Am 20. November werden in der Eichstraße Stolpersteine für die Familie des ermordeten Kindes Ulrich Herzberg verlegt.

Einige holte der Krieg doch noch ein - wie Ulrich Herzberg, der mit elf Jahren in die Niederlande kam. Als die Nazis das Land besetzten, wurde er interniert und schließlich in Sobibor ermordet. Doch 53 der 63 bislang ermittelten Kinder überlebten die NS-Zeit im sicheren Exil.

„An unseren Abschied kann ich mich nicht erinnern“, sagt Ursula Beyrodt. Sie, die aus einer liberalen jüdischen Familie stammte, kam in Blackpool in ein streng religiöses Heim und musste die englische Sprache lernen. Viele der Kinder hatten mit dem Kulturbruch zu kämpfen. Ihr Vater Fritz Blankenburg verlor in der NS-Zeit seinen Posten als Richter und machte eine Gärtnerausbildung an der Gartenbauschule Ahlem. Später wurde er nach Theresienstadt deportiert und dort befreit. Erst nach fast acht Jahren fand die Familie wieder zusammen.

„Wir mussten uns erst aneinander gewöhnen“

„Als wir im Januar 1947 nach Deutschland zurückkehrten, konnte ich kein Deutsch mehr“, sagt Ursula Beyrodt. Zu Fuß waren ihre Eltern in jenem bitterkalten Winter von Oberricklingen zum Hauptbahnhof gelaufen, um die Schwestern in Empfang zu nehmen: „Sie hatten ein paar Worte Englisch gelernt, um sich mit mir überhaupt verständigen zu können“, sagt die 83-Jährige. „Wir mussten uns erst aneinander gewöhnen.“

Man darf sich ihre Heimkehr wohl nicht als glorioses Happy-End vorstellen, sondern eher wie einen Neubeginn mit Brüchen und Mühen - der dennoch gelang: Ursula Beyrodt eroberte sich die deutsche Sprache zurück. „An der Wilhelm-Raabe-Schule saß ich teils neben früheren BDM-Führerinnen, aber ich wurde von allen gut aufgenommen“, sagt sie. „Bis heute pflege ich Freundschaften aus der Schulzeit.“

Tiefe Dankbarkeit gegenüber den Briten

Einige ihrer Schicksalsgefährten hingegen lehnten es ab, jemals nach Deutschland zurückzukehren. Die frühe Entwurzelung, die jähe Trennung von den Eltern - für viele der geretteten Kinder wurde die biografische Zäsur zum lebenslangen Trauma. „Die Aufarbeitung begann erst relativ spät, Anfang der Achtzigerjahre“, sagt Historiker Karljosef Kreter. Damals schlossen sich in Großbritannien und den USA Kinder von damals zusammen, die teils schwer an ihrer Geschichte zu tragen hatten. Später nahmen sich Forscher des Themas an.

Hannover ist eine der ersten Städte, die die Geschichte ihrer Kindertransporte gründlich erforscht. Auf beklemmende Weise passt das Thema in eine Zeit, in der wieder alleinreisende, minderjährige Flüchtlinge unterwegs sind. Die Vita von Ursula Beyrodt zeigt, dass deren Integration durchaus gelingen kann: „Englisch ist noch immer meine zweite Muttersprache“, sagt sie. „Und ich empfinde bis heute tiefe Dankbarkeit gegenüber den Briten, die uns damals aufgenommen haben.“

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