Immer mehr Familien in der Region sind bei Erziehungsfragen auf professionelle Unterstützung angewiesen. In den vergangenen drei Jahren ist die Zahl der Fälle, in denen der Fachbereich Jugend aktiv werden musste, um 17,3 Prozent gestiegen. Das geht aus dem Jahresbericht der Behörde für 2009 hervor. Demnach ordneten die Jugendschützer im vergangenen Jahr in 3017 Fällen ambulante oder stationäre Hilfsmaßnahmen an – von der sozialpädagogischen Familienhilfe bis zur Unterbringung in einem Heim. Mit der Zunahme der Einsätze stiegen die Kosten der Jugendhilfe auf 25,2 Millionen Euro – das sind rund 14 Prozent mehr als im Vorjahr.
Für Sozial- und Jugenddezernent Erwin Jordan sind die steigenden Fallzahlen nicht nur ein Indiz dafür, dass die Probleme in den Familien zunehmen. Er sieht die Bilanz auch als Beleg dafür, dass die Jugendarbeit der Region in den Kommunen gut vernetzt sei. Weil die Jugendhilfestationen in den Städten und Gemeinden eng mit Schulen, Kindertagesstätten und Polizei zusammenarbeiteten, werde der Jugendschutz immer häufiger eingeschaltet. Auch die Akzeptanz der Betroffenen sei gestiegen: „Unterstützung vom Jugendamt anzunehmen, ist heute nicht mehr anrüchig.“
Offenbar reagiert der Dezernent mit dieser Darstellung auch auf die jüngst laut gewordene Kritik an den Strukturen des Jugendschutzes. Politiker auf Regions- und Landesebene sowie führende Polizeibeamte hatten bemängelt, dass die Mitarbeiter der Jugendhilfe vor Ort zu schlecht vernetzt seien, um schnell Hilfe leisten zu können. Die Region Hannover ist in 15 der 21 Kommunen für die Jugendhilfe zuständig.
Laut Jahresbericht wurden insgesamt 2695 Minderjährige betreut. Zwei Drittel von ihnen erhielten ambulante oder teilstationäre Hilfe, in 833 dieser Fälle war eine Förderung bei Lese- und Rechtschreibproblemen sowie Rechendefiziten nötig. 873 Kinder und Jugendliche wurden in Heimen oder Pflegefamilien untergebracht. Auffällig ist nach Ansicht der Jugendschützer vor allem die Altersgruppe der Sechs- bis 14-Jährigen – 1154 von 1793 fortlaufenden Hilfsmaßnahmen betrafen im vergangenen Jahr diese Altersgruppe. Um dieser Entwicklung gegenzusteuern, setzt die Region nach den Worten Jordans verstärkt auf Prävention im Vorschulalter, um Kinder aus sozial benachteiligten und bildungsfernen Familien zu fördern und die Eigenverantwortung der Eltern zu stärken. Als Beispiele nannte er das Familienhebammenprojekt und die Sprachförderung in Kindertagesstätten. Auch der Anteil von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die von der Jugendhilfe betreut werden, wächst: Sie stellen mehr als ein Drittel der stationär betreuten Fälle und fast ein Drittel derjenigen, die ambulante Hilfe benötigen. Die Region will daher mehr Fachkräfte mit Migrationshintergrund einzusetzen.
In diesem Jahr hat der Bedarf nach Leistungen der Jugendhilfe im Vergleich zu 2009 erneut zugenommen. Das Personal werde aufgestockt, sagte Jordan.
Juliane Kaune
HAZ.de Anmeldung