Navigation:
AboPlus Online-ServiceCenter
Hannover Aus der Stadt Übersicht

Tellkampfschule als Bühne

Junges Schauspiel zeigt Stück zum Thema Amoklauf

Die Tellkampfschule wird zur Bühne: Ein Jahr nach dem Amoklauf in Winnenden zeigt das Junge Schauspiel Hannover ein Stück zum Thema Amoklauf.

Lesezeichen setzen:
Gespielt: Aaron (Arthur Leis) im Stück „komA“.

Gespielt: Aaron (Arthur Leis) im Stück „komA“.

© Florian Wallenwein

Bereits die erste Szene verstört. Dominik Maringer alias Lehrer Stach sitzt am windschiefen, hölzernen Schulklavier und haut etwas kraftvoller als nötig in die Tasten. Sein Rücken ist gerade, sein Blick starr, ebenso wie der seiner fünf Schüler, die sich um das Klavier gruppiert haben. Sie singen „I don’t like Mondays“ (Ich mag keine Montage). Das Lied, das Bob Geldof vor 21 Jahren als Reaktion auf den Amoklauf einer 16-Jährigen an ihrer Schule im amerikanischen San Diego schrieb, spricht für sich.

„And he can see no reasons. ’Cause there are no reasons. What reason do you need to be shown?“ (Und er kann keine Gründe erkennen, weil es keine Gründe gibt. Welchen Grund brauchst du?) Die Schüler singen laut und hart, jeder für sich, abgekapselt, geistesabwesend. „And the lesson today is how to die“ (Und heute lernen wir, wie man stirbt). Jemand brüllt diese Liedzeile, es kommt irgendwo aus dem Flur nebenan. Dann knallt es. Peng, peng, peng. Es sind bunte Luftballons, die zerplatzen, oder doch nicht? Die Tür wird aufgerissen. Ein Junge rennt hochrot im Gesicht am Klavier vorbei. Er brüllt wie von Sinnen. Die Schule ist groß. Er ist schnell Stockwerke weit weg. Doch sein Schreien ist noch immer zu hören.

Es sind beklemmende Szenen, die sich mitten in den Osterferien in der Tellkampfschule am Maschsee abspielen – und es ist ein Stück Präventionsarbeit. Denn nicht der Amoklauf selbst steht im Mittelpunkt des Stückes „komA“ der österreichischen Autoren Volker Schmidt und Georg Staudacher, sondern die Vorgeschichte. Wie konnte es dazu kommen? Auf eben diese Frage, die nach „School Shootings“ (Schulschießereien) wie sie an der Columbine High School in Littleton, in Emsdetten oder Winnenden geschehen sind, in den Medien gestellt wird, versuchen die Akteure von „komA“ Antworten zu finden. Antworten, die mit ihrem Leben zu tun haben und nicht mit den Analysen der Erwachsenenwelt.

Regisseur Mirko Borscht, er ist 38 Jahre alt und stammt aus Cottbus, arbeitet bei „komA“ lediglich mit zwei Ensemblemitgliedern des Schauspiels Hannover zusammen. Die übrigen Schauspieler sind Schüler sowie zwei Lehrer. Die 19 Jugendlichen sind zwischen 15 und 20 Jahre alt. Sie stammen aus 15 Schulen der Region, die Bandbreite reicht vom Otto-Hahn-Gymnasium in Springe über die Glockseeschule und die Integrierte Gesamtschule Mühlenberg bis zum Fachgymnasium für Wirtschaft.

Spielort ist die Tellkampfschule, von der Aula bis zum Physikraum, von der Turnhalle bis zum Keller. Das zweieinhalbstündige Stück ist ein Stationentheater. Das Publikum entscheidet, wohin es geht. Musikunterricht mit Herrn Stach oder Werte und Normen bei Frau Bartosch? Dabei werden die Ängste und Sehnsüchte der Schüler, die Wut über Ungerechtigkeiten, die Spannungen im Verhältnis zu den Lehrern nicht nur im Unterricht deutlich. Ein beklemmendes Gefühl beschleicht den Zuschauer vor allem in den endlosen, von Neonröhren beleuchteten Schulfluren, in denen Putz von der Wand bröckelt und es nach Scheuermittel und Schulklo riecht.

Dort auf den Gängen trifft man Emma. Sie schiebt mit ausdruckslosem Gesicht einen Tageslichtprojektor über das Linoleum. Ein Pärchen steht knutschend an der Wand. Aaron sucht seine Schwester Elena. Als er sie mit Moritz schmusend auf einer Turnmatte findet, flippt er aus, verprügelt Moritz brutal. Dieser schlurft später auch wieder über die Flure. Er sieht aus wie in Trance, sein Eastpack-Rucksack rutscht ihm von den Schultern. Er merkt es nicht.

Die Zuschauer fragen sich vor allem eines: Wer wird Amok laufen? Der aggressive Aaron, die stille Emma, der verletzte Moritz? Spannung baut sich auf und auch ein vages Gefühl: So in etwa könnte es gewesen sein, das Licht, der Geruch, die Stimmung, alles scheint zu passen.

Das empfindet auch Paula Skalbiana so. Die 16-jährige Wilhelm-Raabe-Schülerin spielt die Streberin Leni. „Alles, was wir hier spielen, kommt mir sehr bekannt vor. Mobbing zum Beispiel. Das passiert. Egal, wie gut Lehrer hinschauen“, sagt Paula. „Ganz ehrlich: So ein Amoklauf ist für mich nachvollziehbar. Man weiß doch nie, was sich im Kopf von Menschen abspielt, wo gerade ein wunder Punkt ist.“
Dass es bei „komA“ am Ende nicht einen Amokläufer gibt, sondern mehrere, dass es unklar bleibt, ob alles nur Phantasie war oder wirklich geschehen ist, dass es eigentlich völlig egal ist, wer es getan hat, weil jeder es hätte tun können – das alles ist gewollt.

„Das Stück präsentiert am Ende eigentlich einen konkreten Täter“, sagt Regisseur Borscht. Doch das wollten die Schüler nicht. Die letzte Szene ist nicht die einzige, auf die die Schüler Einfluss nahmen. „Das Stück dient mir lediglich als Grundlage“, erklärt Borscht, „ich habe Konflikte definiert und damit ein Grundgerüst vorgegeben, aber den Schülern keine Rollen und keinen Text übergestülpt. Jeder hat sich mit seinen individuellen Eigenschaften eingebracht.“

Dieses Vorgehen sorgt für Authentizität und Dynamik. Die Texte, die die Schüler sprechen, sind ihre eigenen. Sie variieren in den Aufführungen. Für den stellvertretenden Schulleiter Bernhard Bock ist „komA“ ein mutiges Präventionsprojekt. „Es ist gut, wenn einem der Spiegel vorgehalten wird“, sagt er, „mir zeigt das Ganze, wie wichtig es ist, dass die Kommunikation zu den Schülern nie abreißt und man sich Zeit nimmt, auch wenn es im Schulalltag alles andere als einfach ist, diese Zeit zu finden.“

Das sehen auch Gerlinde Griepenburg-Burow und ihr Mann Torsten Burow so. Das Lehrerehepaar spielt bei „komA“ alternierend die Lehrerfigur Bartosch und ist eng mit der Tellkampfschule verbunden. Die 66-Jährige hat bis vergangenen Sommer hier unterrichtet, ihr zwei Jahre jüngerer Mann ist noch im Schuldienst. Er wird im kommenden Jahr pensioniert. „Es ist unglaublich wichtig, die stillen Schüler nicht aus den Augen zu verlieren. Und das passiert leider allzu oft bei Klassenstärken von 30 Kindern oder mehr“, sagt die Lehrerin. Sie und ihr Mann sind sich sicher, dass es Gewaltphantasien, auch die der brutaleren Art, bei pubertierenden Jugendlichen schon immer gegeben hat. „Nur die Hemmschwelle, diese Phantasien auch umzusetzen, die scheint zu sinken“, sagt Burow nachdenklich.

Premiere des Stücks ist am 9. April, 19 Uhr, in der Tellkampfschule, Altenbekener Damm 83 (ausverkauft). Weitere Aufführungen: 13., 14., 15., 20., 21., 22. April jeweils 19 Uhr (nur noch wenige Restkarten) sowie 4., 5., 6., 18., 19., 20. Mai. Karten gibt es unter Telefon (05 11) 99 99 11 11 für 18 Euro, ermäßigt 7,50 Euro.

Julia Pennigsdorf


Fahrradstadt

Hannover ist als fahrradfreundlichste Kommune in Niedersachsen ausgezeichnet worden. Zu Recht?

Anzeige

Bilder der Woche

Kussminute: Beim 2. Christopher Street Day demonstieren in Hannover 900 Menschen für die Gleichberechtigung von Homosexuellen.

zur Galerie

Einkaufen in Hannover

Shops in the City

Shops in the City

Einkaufen macht Spaß. Wir haben für Sie Hannover nach tollen Angeboten durchsucht - vom Beautytipp über Mode und Wohnaccessoires bis zu essbaren Leckereien. mehr


 

Stadtteil-Rätsel

Stadtteilrätsel

Welcher Stadtteil ist gemeint?

Erkennen Sie die Stadtteile, die in unseren Rätseltexten und Bildern beschrieben werden? Dann machen Sie mit beim Stadtteil-Rätsel des Stadt-Anzeigers. mehr


 

Special




10 Jahre Expo Hannover

Expo 2000: HAZ-Redakteure erinnern sich an Ereignisse, Menschen und Erlebtes. 2. September: Päivi Kuivanen wird durch einen kleinen Versprecher zur beliebtesten Hostess der Expo.

zur Galerie

Anzeige

Garten-Kultur-Veranstaltungen 2010