Volltextsuche über das Angebot:

6 ° / 4 ° Regen

Navigation:
Käte Steinitz Nachlass soll an Sprengelmuseum gehen

Bedeutende Kunstwerke Käte Steinitz Nachlass soll an Sprengelmuseum gehen

Käthe Steinitz war in den Zwanzigerjahren der Mittelpunkt der jungen Kunstszene in Hannover, bevor sie 1936 nach Amerika fliehen musste. Die Enkel wollen ihren Nachlass nun dem Sprengel-Museum schenken.

Voriger Artikel
Regiobus-Chef tritt zurück
Nächster Artikel
Zwölf Preise für Ideen

Gespräch im Sprengel-Museum: Der Calder-Saal ist voll besetzt, als Henry Berg von seiner Großmutter berichtet.

Quelle: Wiechers

Hannover. Henry Berg überlegt. Die Zuhörer im Sprengel-Museum wollen wissen, wann der Enkel der Künstlerin Käte Steinitz zum ersten Mal in Hannover war. In der Stadt, aus der seine Großeltern, die Mutter und die beiden Tanten vor den Nazis fliehen mussten, weil sie jüdischer Herkunft waren. Der 73-jährige Berg, der in den USA lebt, schaut ratlos in die voll besetzten Reihen im Calder-Saal, als finde er dort die Antwort. Nein, er kann sich nicht erinnern. Aber er ist überzeugt, dass er Anfang der Fünfzigerjahre einmal in Hannover war.

Damals versuchten seine Eltern in Berlin wieder Fuß zu fassen; nach ein paar Jahren kehrten sie jedoch mit Henry nach Amerika zurück. Erst mit 70, vor drei Jahren, hat er zum ersten Mal die Orte aufgesucht, die er aus den Erzählungen von Zuhause kennt – und von den unzähligen Bildern, Zeichnungen und Fotografien, die seine Großmutter, Käte Steinitz, hinterlassen hat und die nun ans Sprengel-Museum gehen könnten.

Einer der Orte, von dem früher oft gesprochen wurde, lag in der Georgstraße 34, im Basse-Haus vis-à-vis der Oper; dort, wo vor gut 100 Jahren Käte und Ernst Steinitz wohnten, wo sich die Stadtgesellschaft traf und renommierte Künstler nach der Vernissage oder nach einer Theateraufführung vorbeischauten, um zu diskutieren, zu feiern und sich im (noch heute erhaltenen) Gästebuch zu verewigen. Zu den Freunden des Hauses gehörten der Merz-Künstler Kurt Schwitters und Ehefrau Helma aus Waldhausen ebenso wie der Hochschulprofessor Theodor Lessing mit seiner Frau Ada aus der Südstadt und das Maler-Paar Otto und Lotte Gleichmann, die in der Osterstraße ebenfalls ein offenes Haus pflegten.

Die Enkel der bekannten Künstlerin wollen dem Sprengel-Museum den Nachlass von Käte Steinitz zukommen lassen. 

Zur Bildergalerie

1927 erinnerte sich der spanische Surrealist Ernesto G. Caballero an seinen Besuch in Hannover und schwärmte von Käte Steinitz als einer „Gastgeberin, Künstlerin, Dame und Bohemienne in einer Person“. „Das graue Hannover“ war nicht ihr Wunschort gewesen. In Berlin hatte sie mit 19 Jahren Malstunden bei Käthe Kollwitz genommen, die „Malschule für Frauen“ besucht und war in Begleitung der Mutter zum Kunststudium nach Paris gereist, zu einer Zeit, da im gesamten Deutschen Reich gerade einmal 1400 Frauen studierten.

1913, mit 24 Jahren, heiratet sie den Sanitätsarzt Ernst Steinitz, der 1917 zum Chefarzt der Lazarette am Döhrener Turm berufen wird. Zwei Jahre später, der Krieg ist vorbei, eröffnet er eine Nervenarztpraxis in der Georgstraße. 1922 wird er zudem Leitender Arzt am Krankenhaus Siloah. Da hat Ehefrau Käte, mittlerweile Mutter von drei Töchtern, längst „die Farbflecken“ gefunden, die sie in Hannover gesucht hat. In den Räumen der neu gegründeten Kestner-Gesellschaft in der Königstraße hat sie Paul Erich Küppers, den künstlerischen Leiter, und seine Ehefrau Sophie kennen gelernt, die sie in die junge Künstlerszene einführen.

Zusammenarbeit mit Schwitters

Es sind keine einfache Zeiten. Während das Geld fast stündlich an Wert verliert, man stundenlang für Brot anstehen muss und die Kohlen knapp werden, wird begeistert experimentiert – mit Stil, Sprache, Musik und Tanz. Freundschaften entstehen; wie jene der Gleichmanns, Steinitz', Schwitters' und Küppers', die regelmäßig gemeinsam mit den Kindern auf Baltrum die Sommerferien verbringen.

Käte Steinitz und Schwitters werden ein Team; sie gründen einen Verlag. Steinitz arbeitet an Büchern wie „Hahnepeter“ und „Märchen vom Paradies“ mit, verfasst für Schwitters ein Opernlibretto und organisiert „mit der Besessenheit einer praktischen Hausfrau“ Avantgarde-Abende und Kostümfeste wie das Zinnoberfest im Januar 1928 im Konzerthaus an der Goethe-Brücke. Dabei trägt sie eine Seidenbluse, auf der das Festprogramm abgedruckt ist. Mäzene wie Pelikan-Chef Fritz Beindorff und Keksfabrikant Hermann Bahlsen sind begeistert. „Kabarettbomben platzten wohlgezielt in den geheiligten Bestand der hannoverschen Selbstgefälligkeit“, erinnert sich Käte Steinitz später.

„Sie war eine sehr emanzipierte Frau“

Isabel Schulz, Leiterin des Kurt Schwitters Archivs im Sprengel-Museum im Interview über Käte Steinitz:

Die Nachkommen von Käte Steinitz wollen dem Sprengel-Museum ihren Nachlass überlassen. Kommt die Nachricht überraschend?
Den Kontakt zur Familie gibt es bereits seit über drei Jahren. Schon mit Ilse Berg, der ältesten Tochter von Käte Stei­nitz, gab es 1989 im Zusammenhang einer Ausstellung des Museums zum 100. Geburtstag von Käte Steinitz einen regen Austausch und einige Schenkungen.

Die „Steinitz Family Art Collection“ umfasst etwa 1700 Werke, darunter rund 1200 Werke von Käte Steinitz selbst. Was darf man erwarten?
Es geht unter anderem um Zeichnungen, Bilder, Skizzen und Fotografien. Käte Steinitz war Malerin und ist ihrer künstlerischen Sozialisation bei Käthe Kollwitz und Lovis Corinth in Berlin treu geblieben. Aber die Malerei war nicht alles. Sie hat hat Gedichte geschrieben, wunderschöne Bilderbücher verfasst und zum Beispiel mit dem Fotografen Hein Gorny gearbeitet – er machte die Fotos, sie schrieb dazu Texte. Dieses unveröffentlichte Projekt ist kaum bekannt.

Woran liegt das?
Es ist erst sehr wenig erforscht und leider auch wenig dokumentiert, weil die Nationalsozialisten und der Krieg vieles, darunter auch Ausstellungsunterlagen und Kataloge, zerstört haben. Wenn man Käte Steinitz’ Spuren nachgeht, stößt man immer wieder auf neue Projekte. Der Nachlass würde eine gute Gelegenheit bieten, diese Forschung nachzuholen.

Hat es auch damit zu tun, dass sie eine Frau und kein Mann war?
Ja, sicherlich auch. Man kann schon sagen, dass dies ein typisches Schicksal einer Künstlerin ist. Frauen wurden in der Kunstgeschichte immer schnell vergessen. Hinzu kommt der Bruch in der Biografie durch das Exil.

Käte Steinitz war in Hannover nicht die einzige Malerin.
Es gab in den Zwanzigerjahren in Hannover eine auffallend große Gruppe an Künstlerinnen, wie zum Beispiel die Malerin Martel Schwichtenberg, die für Bahlsen Werbegrafik entwarf, oder Carry van Biema. 1927 wurde die Ortsgruppe der Künstlerinnenvereinigung Gedok gegründet, in deren Beirat Käte Steinitz saß. Sie hat heftig dafür geworben, dass sich Künstlerinnen organisieren.

War es nicht auch eine Zeit des Aufbruchs? Frauen wollten nicht mehr nur Hausfrau und Mutter sein.
Käte Steinitz hat diese Bewegung sehr ernst genommen. Das Neue war, dass die Frau nicht mehr unbedingt verheiratet sein musste, sondern auch selbst für sich sorgen konnte. In gewisser Weise hat sie das auch vorgelebt, in einem bürgerlich-liberalen Milieu mit einem sehr toleranten Ehemann. Als Arztgattin, Mutter und als professionelle Künstlerin, die ernst genommen wurde. Das Niedersächsische Provinzial-Museum hat Werke von ihr gekauft, sie hat regelmäßig ausgestellt. Und sie hat vor allem als Autorin gearbeitet ...

...  unter dem Pseudonym Annette Nobody. Warum?
Wir wissen es nicht. Vielleicht war es Ernst Steinitz doch zu peinlich, dass es so aussehen könne, seine Frau müsse Geld verdienen. Denn es gab schon gesellschaftliche Grenzen. Aber sie hat diese mit Leichtigkeit überspielt und zwar, wie ihre Texte zeigen, mit einem feinen Gespür für die Ambivalenzen der modernen Frau. Käte Steinitz ist auch Auto gefahren und hat Pannen selbst gemeistert, was für eine Frau nicht selbstverständlich war. Sie war schlicht für ihre Zeit eine sehr emanzipierte Frau.

Interview: Gabi Stief     

Als guter Geist des hannoverschen Kunstlebens beweist sie vor allem Humor, „meine beste Gottesgabe“, wie sie in einem Brief der Freundin Tucki, Gertrud Basse, anvertraut. So schreibt sie einen Sketch namens „Die schöne Helena im Lister Bade“ zur Operettenmusik von Offenbach, bei dem Titelheldin und Backfische von prominenten Hannoveranerinnen gespielt werden – der „Bild-Kurier“ empfiehlt im Juli 1929 ihren „Lido-List-Schlager“.

Kannte sie Zweifel?

„Sie war eine starke Frau voller Energie, die immer wusste, was sie wollte“, sagt Enkel Henry Berg. „Und für sie war alles Kunst.“ Ständig habe sie ihr Skizzenbuch dabei gehabt und gezeichnet, mit Bleistift, Kugelschreiber oder Pinsel. Aus Erlebnissen wurden Erzählungen, selbst ein Unfallbericht an die Autoversicherung geriet zur Anekdote. In Hannover widmet sie sich neben der Familie und den vielen Schwitters-Projekten weiterhin dem Malen im eigenen Atelier.

Sie beginnt zu fotografieren und schreibt ab 1925 unter dem Pseudonym Annette Nobody für den „Hannoverschen Kurier“ – „damit mein guter Dr. Steinitz nicht noch mehr Defizite bezahlen musste“. In diesen Artikeln fürs Feuilleton rät sie Frauen, nicht jünger sein zu wollen als ihre Töchter, lobt die Baskenmütze und den Bubikopf der emanzipierten Frau, schwärmt von ihrem „lieben 6/24, einem Damenwagen“, und erklärt der Leserschaft, dass die Frau mit einem Auto ebenso gut fertig werden kann „wie mit Staubsauger und Schreibmaschine“.

Anfang der Dreißigerjahre enden die unbeschwerten Tage. Im März 1933 wird Ernst Steinitz das Betreten des Krankenhauses untersagt, im Mai erhält er die Kündigung. Es folgt der Ausschluss aus der Kassenärztlichen Vereinigung wegen „Kulturbolschewismus der übelsten Art“. Käte Steinitz darf nicht mehr veröffentlichen und wird 1935 „aufgrund ihrer Eigenschaft als Nichtarierin“ aus der Reichsschriftumskammer ausgeschlossen.

Im März 1936 folgt sie mit den Kindern ihrem Mann nach Amerika. Dort findet Käte Steinitz nach dem frühen Tod ihres Mannes eine neue Berufung: Für einen Arzt in Los Angeles baut sie eine Privatbibliothek mit der größten Literatursammlung über Leonardi da Vinci auf und wird zur gefragten Da-Vinci-Expertin. Bis ins hohe Alter bleibt sie eine Förderin, Gastgeberin und Freundin junger Künstler an der Westküste. Sie stirbt 1975 im Alter von 85 Jahren.

Von Gabi Stief

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Die Debatte wurde beendet
Die Debatte zu diesem Artikel ist beendet. Auf HAZ.de können Sie die Themen des Tages diskutieren – hier finden Sie die aktuellen und vergangenen Themen im Überblick.
Mehr Aus der Stadt
Es war einmal in Hannover. Aber wo?

Auf in eine neue Runde: Sie kennen sich in Hannover aus? Zeigen Sie es! Schauen Sie sich die historischen Stadtansichten an, und erraten Sie, wo die Aufnahmen gemacht wurden. Direkt hinter dem historischen Foto sehen Sie die Auflösung – in Form eines aktuellen Vergleichsbildes.

Anfang Juli heiratete Ernst August Erbprinz von Hannover Ekaterina Malysheva. Auf unserer Themenseite finden Sie Bilder, Videos und Berichte zur Promi-Hochzeit des Jahres in Hannover.

Obike in Hannover

Der Leihfahrradanbieter Obike startet in Hannover.