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Stefan Schmidt

Kapitän der "Cap Anamur" zu Gast in Hannover

Früher war Stefan Schmidt der Kapitän eines Handelsschiffes. Dann heuerte er auf der „Cap Anamur“ an – und wurde so zu einem politischen Menschen. Jetzt war er zu Gast in Hannover.

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Kapitän Stefan Schmidt

Kapitän Stefan Schmidt

© Uwe Dillenberg

Es ist der 7. Oktober 2009, als Stefan Schmidt auf sein Urteil wartet. Er ist nervös, es kann alles passieren – sie sind in Italien, wo Staatspräsident Silvio Berlusconi Gesetze maßschneidern lässt. Vielleicht muss Schmidt ins Gefängnis. Weil sie mit dem deutschen Rettungsschiff „Cap Anamur“ der gleichnamigen Hilfsorganisation im Juni 2004 37 afrikanische Bootsflüchtlinge vor dem Tod bewahrten, sind Schmidt, der Chef der Hilfsorganisation, Elias Bierdel, und der Erste Offizier Vladimir Daschkewitsch wegen „Beihilfe zur illegalen Einreise in einem besonders schweren Fall“ angeklagt – Schleuser sollen sie sein.

Drei Jahre lang waren sie jeden Monat zum Prozess vor dem italienischen Gericht in Agrigent geflogen. Drei Jahre hat es sie Geld, Kraft und Nerven gekostet, und dann, bei der Urteilsverkündung, sagt die Richterin nur einen Satz, den die Dolmetscherin vor lauter Aufregung zu übersetzen vergisst. Aber dann jubeln sie hinter ihnen, und Schmidt weiß: Sie sind freigesprochen.

Schmidt, weißer Vollbart, charismatisches Gesicht mit Kerben und Linien, ist ein Kapitän wie aus dem Bilderbuch. Gut 20 Jahre war er auf See, bis auf Indien habe er die ganze Welt gesehen, sagt er. Auf der „Cap Anamur“ war er nur wenige Monate, doch die haben aus dem Handelskapitän einem politischen Menschen gemacht.

Im Juni 2004 sorgte die Aktion für weltweites Aufsehen. Die „Cap Anamur“ ist auf dem Weg von Lübeck nach Westafrika, um dort Medikamente und andere Hilfsgüter abzugeben. Zwischen Lampedusa und Malta trifft das Rettungsschiff auf ein Schlauchboot, darin 37 dicht gedrängte und entkräftete afrikanische Bootsflüchtlinge ohne Trinkwasser und Kraftstoff. „Die hätten höchstens noch zwei bis drei Stunden überlebt“, sagt Schmidt in der Rückschau. Er nimmt sie auf, um sie vor dem Tod zu retten, will sie, „wie es üblich ist“, in den nächsten Hafen bringen und wieder auslaufen. Doch die erteilte Einfahrtgenehmigung wird ihm ohne Begründung wieder entzogen.

Es folgt eine dreiwöchige Blockade gegen das Rettungsschiff, die „Cap Anamur“ wird von Kriegsfregatten, Schnellbooten und einem Polizeihubschrauber umkreist. Die Situation vor Sizilien wird immer grotesker. Täglich kommen 50 Reporter und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen an Bord. „Es war wie eine Völkerwanderung“, erinnert sich Schmidt. Später werden Kritiker behaupteten, Bierdel und er hätten das Medienspektakel inszeniert.

Als die Flüchtlinge ungeduldiger werden und in einen Hungerstreik treten, droht Schmidt, einen internationalen Seenotstand auszurufen – dann läuft er ein. Es war der Anfang einer juristischen Willkür. Schmidt, Bierdel und Daschkewitsch werden verhaftet. Die Afrikaner kommen in Abschiebehaft, das Schiff wird für acht Monate beschlagnahmt, am Ende müssen zehn Tonnen Medikamente weggeworfen werden. Er sei nicht frustriert, sagt Schmidt, und seine Augen werden schmal: „Ich bin immer noch wütend, und deshalb möchte ich darüber informieren, was passiert ist.“ Auf Einladung der Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat Schmidt nun also in der Volkshochschule Hannover einen Vortrag gehalten und viele Fragen beantwortet. Ein kleines Mädchen meldete sich, wollte wissen, was denn so schlimm daran sei, wenn Menschen gerettet werden und warum da so ein Theater darum gemacht worden wäre. „Ja warum“, sagt er da und wirkt hilflos. „Das ist eben Politik.“

Schmidt benutzt solche Allgemeinplätze oft, wohl deshalb, weil er sich genau diese Fragen selbst noch stellt. Am Ende seiner Vorträge zeigt der in Stettin geborene und im Zweiten Weltkrieg nach Lübeck geflüchtete Schmidt gern seinen eigenen Flüchtlingsausweis.

Schmidt besuchte einst die Seefahrtsschule in Travemünde, an der er heute unterrichtet. Später fuhr er als Kapitän für die Hamburger Reederei Leonhardt und Blumberg zur See. Wegen seiner Familie war er an Land gegangen, hatte als Reedereiinspektor gearbeitet und als Honorarkonsul für eine Insel in der Südsee. Als die drei Söhne groß und Schmidt geschieden war, hielt es ihn nicht mehr an Land. Die Arbeit der „Cap Anamur“ habe ihm imponiert, sagt er, für 1100 Euro brutto Einheitslohn übernahm er das Steuer.

Auch sechs Jahre nach den Ereignissen fährt der frühere „Cap Anamur“-Kapitän aus der Haut, wenn er über die Rolle der Politik spricht. Innenminister Otto Schily, der die italienischen Behörden unterstützte, habe damals erklärt, es gelte einen „gefährlichen Präzendenzfall“ zu verhindern. „Ich habe damals alles richtig gemacht und würde es heute genauso wieder machen“, sagt Schmidt. Mit Elias Bierdel hat er den Verein „Borderline“ gegründet, der beobachtet, was an den europäischen Seegrenzen passiert. Schmidts Fazit: „Jeder, der ertrinkt und nicht ankommt, ist uns willkommen.“ Solche Sätze sind nicht ganz ungefährlich für ihn: Die Staatsanwaltschaft in Italien kann noch Revision gegen den Freispruch einlegen. Es ist ihm aber egal.

Sonja Fröhlich


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