Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / -3 ° Regenschauer

Navigation:
„Die Frauen haben unseren Schutz verdient“

Advent der anderen Art „Die Frauen haben unseren Schutz verdient“

Ein Fest der etwas anderen Art: Katholische Ordensschwestern und afrikanische Flüchtlingsfrauen feiern in diesem Jahr gemeinsam in Hannover Advent.

Voriger Artikel
Alle öffnen Sonntag – nur Hannover darf nicht
Nächster Artikel
Wer ist der Obdachlose vom Braunschweiger Platz?

Am schönsten ist es auf dem Schoß.

Quelle: Kutter

Hannover . Im Grunde erzählen die Speisen am Büfett schon die ganze Geschichte. Den guten, alten, deutschen Kartoffelsalat gibt es an diesem Tag bei der kleinen katholischen Ordensgemeinschaft Congregatio Jesu in der Hildesheimer Straße bei dieser Feier kurz vor Weihnachten zu essen. Meatballs mit Thunfisch und Bofrot, das sind eine Art Donuts aus Ghana, liegen daneben, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Den Kartoffelsalat haben die deutschen Ordensschwestern beigesteuert. Der Rest kommt von Flüchtlingsfrauen aus Ghana. Mit ihnen leben die Schwestern seit etwa einem Jahr unter einem Dach.

Die Schwestern aus dem kleinen hannoverschen Orden "Congregatio Jesu" feiern Advent mit Flüchtlingsfrauen und ihren Kindern.

Zur Bildergalerie

Wer jetzt nicht weiß, was für eine Geschichte ghanaische Flüchtlingsfrauen oft hinter sich haben, der könnte sich einfach an den vielen bezaubernden Momenten dieser Feier berauschen. Strahlenden Kinderaugen begegnet man allerorten, Kinderlachen, wohin man sieht. Da sind die zehnjährigen Zwillinge Chris und Angelos, die mit der Oberin Schwester Monika eine Weihnachtsgeschichte lesen. Da sind die wilde kleine Bridget und der vergleichsweise ruhige Marlon, die mit den Zwillingen und Schwester Monika andächtig in einer Sitzecke vor einem Krippenspiel sitzen und eine Maria aus Papier ausschneiden und den Esel sowie das Jesuskind dazu. Da ist der vierjährige Soloman, der an diesem Nachmittag statt Weihnachtskeksen oder Weihnachtsmännern aus Schokolade ein heißes Würstchen mit Fanta nach dem anderen verputzt. Das Bild des kleinen Jungen, der sich bei einer Weihnachtsfeier so sehr für Fast Food begeistert, ist so rührend: Es brennt sich einem für Tage ins Gedächtnis ein.

Kann man über diese kleine hannoversche Weihnachtsfeier also eine herzerwärmende Geschichte über die Begegnung von Flüchtlingen mit Deutschen erzählen? Es gibt viele solcher Geschichten in diesen Tagen, aber so schön sie gerade zu Weihnachten sind, so sehr verdecken sie auch, dass die Wirklichkeit oft viel komplexer, viel brüchiger ist.

Der Kindersegen der Frauen aus Ghana beispielsweise hat häufig einen unerwarteten Grund. Die Mütter kommen nicht aus Kriegsgebieten, sondern reisen illegal in Hannover ein – und sind oft schwanger, wenn sie sich bei der Stadt als obdachlose Flüchtlinge melden. Erkennt ein Mann mit EU-Pass die Vaterschaft an – die Behörden überprüfen das etwa per gentechnischem Vaterschaftstest nicht –, erhalten auch die Frauen eine Aufenthaltsgenehmigung.

Es ist also eine sehr unkonventionelle Wohngemeinschaft, die in dem unscheinbaren Ordenshaus in der Hildesheimer Straße entstanden ist. Tief gläubige Frauen, die ihr Leben ganz Gott gewidmet haben, leben mit Frauen unter einem Dach, für die Kinder nicht nur Lebensglück, sondern auch eine Art Lebensversicherung bedeuten.

Die afrikanischen Frauen selbst sagen nicht viel, wenn man sie nach ihrer Geschichte fragt. „Ich war ganz allein mit meinem ersten Kind, mein Vater und meine Mutter waren tot, mein Freund hatte mich verlassen“, erzählt Esther in stockendem Englisch. „Ich habe mir ein Leben in Freiheit, in Sicherheit gewünscht, und keine andere Lösung gesehen, als mein Land zu verlassen.“ Die heute 33-Jährige flieht mit ihrer kleinen Tochter nach Italien. Als es von dort weiter nach Deutschland geht, ist sie bereits wieder schwanger. Ob es Armut oder Gewalterfahrungen waren, die sie aus der Heimat vertrieben, was sie als Frau unter lauter Männern auf dem langen Weg nach Deutschland ausstehen musste, ob sie mit Schleppern kam und was sie für einen Preis zahlen musste, davon berichtet sie nichts. Ist es wegen der Sprachbarriere? Will sie nicht mehr sagen? Man weiß es nicht.

Das Bemerkenswerte ist: Den Ordensschwestern gegenüber sind die afrikanischen Frauen ähnlich verschlossen. Im Grunde erzählten sie alle dieselbe Geschichte, sagt Schwester Monika. Stört sie das nicht? Fragt sie nicht nach? Nein, kommt es ebenso prompt wie bestimmt. „Die Frauen sollen sich bei uns nicht rechtfertigen müssen oder ausspioniert fühlen“, sagt sie. „Sie sind hier. Sie brauchen Hilfe. Sie haben unseren Schutz verdient.“

Es ist wohl diese aus christlichem Glauben gespeiste Toleranz, die Vertrauen schafft, die ein gutes Miteinander-Auskommen der Bewohnerinnen des Ordenshauses der Congregatio Jesu überhaupt erst möglich macht. Dass sie erstaunliche Früchte trägt, zeigen Integrationsgeschichten, die an diesem Nachmittag unter den Schwestern und ehrenamtlichen Helfern die Runde machen – und die wie kleine Wunder klingen. Vom 15-jährigen Gideon ist die Rede, der, gerade in Hannover angekommen, beharrlich den Wunsch äußerte, er wolle bei Hannover 96 Fußball spielen. „Wir alle dachten, das wäre ein Witz“, sagt Schwester Monika. Bis sich herausgestellt habe, dass der Junge tatsächlich ein guter Kicker sei, der mittlerweile immerhin bei Arminia Hannover in der Bezirksliga spiele.

Die ghanaischen Mütter haben in ihrer eigenen kleinen Küche in der Flüchtlingsetage im dritten Stock nicht nur stundenlang Spezialitäten aus ihrer Heimat gekocht. Die gläubigen Baptistinnen haben sich auch extra für das Fest in Schale geworfen. Jetzt essen sie, singen ebenso hingebungsvoll wie ihre Kinder die Weihnachtslieder mit, die die Schwestern ausgesucht haben. Geredet wird gar nicht so viel an diesem Nachmittag zwischen den Ordensschwestern und den ghanaischen Müttern. Nur manchmal wandern ein paar englische Satzfetzen hin und her. Aber es herrscht dennoch eine ebenso ausgelassene wie besinnliche Stimmung. Die Verständigung findet ganz offensichtlich zwischen den Zeilen statt. Im einträchtigen Nebeneinander der so verschiedenen Frauen und der Kinder.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr Aus der Stadt
Es war einmal in Hannover. Aber wo?

Auf in eine neue Runde: Sie kennen sich in Hannover aus? Zeigen Sie es! Schauen Sie sich die historischen Stadtansichten an, und erraten Sie, wo die Aufnahmen gemacht wurden. Direkt hinter dem historischen Foto sehen Sie die Auflösung – in Form eines aktuellen Vergleichsbildes.

Unterwegs mit den Brandermittlern der Polizei

Ihr Job zählt nicht gerade zu den beliebtesten bei der Polizei, denn einen großen Teil ihrer Arbeitszeit wühlen Michael Muszinsky und Michael Krummel im Dreck. Sie müssen Ursachen von Bränden ermitteln und inmitten von Schutt nach Spuren auf die Täter suchen. Ein Besuch.