Mats ist zwei, aber sein erstes Bewerbungsschreiben liegt schon vor. Es ist eine kleine Mappe mit blauem Muster, einem Foto von Mats, Bildern seiner Eltern und Informationen über das Nötigste: Wie sie heißen, was sie so machen, was die Pläne des Lehrerehepaares für die nahe Zukunft sind. Und dass Mats einen Kita-Platz sucht. Möglichst in der List.
Mats’ Eltern Lea und Jost Bitter wollten früh dran sein bei der Suche nach dem Kindergartenplatz. Zu frisch ist ihre Erinnerung daran, wie schwierig es war, den Kleinen in einer Krippe unterzubekommen. Als Lea Bitter schwanger war, ging das Ehepaar erstmals die Betreuungseinrichtungen in ihrer Umgebung ab. Ohne Namen und Geburtsdatum des Kindes aber könne man noch nichts machen, hörten die werdenden Eltern. „Als Mats dann da war, hieß es, wir seien zu spät dran“, sagt Lea Bitter.
Die Suche nach einem Krippenplatz wurde zur mühsamen Odyssee. Zwar finde man in der List in fast jeder Straße eine Einrichtung, sagen sie. Und doch dauerte es lange, bis die Bitters eine Elterninitiative fanden, die Platz hatte für Mats – durch Zufall und persönliche Bekanntschaft. „Ohne Beziehungen läuft nichts“, sagt Lea Bitter. Auch nach einem Kita-Platz sucht die junge Familie jetzt schon seit einem knappen halben Jahr. Bisher ohne Erfolg.
Stadtweit gibt es zurzeit für etwas mehr als jedes vierte Kind unter drei Jahren einen Betreuungsplatz. Bis 2013 will die Stadt zusätzlich zu den bestehenden 4042 Plätzen 1800 neue schaffen, dann soll die von der Bundesregierung kalkulierte Quote von 35 Prozent in jedem Fall übertroffen werden. Der Bund geht davon aus, mit dieser Zahl dem Rechtsanspruch gerecht werden zu können, den Eltern von Kleinkindern dann auf einen Krippenplatz haben.
Experten aber zweifeln daran, dass eine Quote rund um 40 Prozent ausreichen wird, den Bedarf an Krippenplätzen zu decken. „Ich denke, die Nachfrage wird weitaus höher sein“, sagt Ute Dalluhn, Geschäftsführerin der Kinderladeninitiative Hannover. „Ich halte 60 Prozent für eine realistischere Schätzung.“
Auch bei der Zahl der Kita-Plätze wird die Stadt über kurz oder lang nachsteuern müssen. Noch gibt es an der Stelle eine Vollversorgung, aber wie lange das so bleibt, ist ungewiss. „Aus meiner Sicht hat sich die Stadt verschätzt und nicht damit gerechnet, dass die guten Ansätze greifen, Hannover kinderfreundlicher zu machen“, sagt Dalluhn.
Die Bitters hören die Nachrichten vom Ausbau der Krippenplätze mit gemischten Gefühlen. Denn ein bisschen schmücke man sich im Rathaus auch mit fremden Feder, finden sie. Natürlich kommt von dort die finanzielle Förderung. „Aber wer hat denn die ganze Arbeit gemacht, wer hat denn die Erzieher eingestellt?“, fragt Jost Bitter. Fast immer machen Elterninitiativen für die Aufnahme eines Kindes zur Bedingung, dass die Eltern sich in irgendeiner Form in der Einrichtung engagieren. Die Bitters selbst arbeiten jetzt im Vorstand ihrer Elterninitiative mit und können dem auch etwas abgewinnen. „Auf diese Weise kann man das Konzept der Betreuung beeinflussen. Und man kommt sich nicht wie ein Bittsteller vor.“
Wie eine Bittstellerin kam sich auch Sigrid Dorndorf vor. Die 27-jährige Geowissenschaftlerin ist derzeit nicht berufstätig, sie ist verheiratet und somit nicht alleinerziehend – und stand mit ihrer Bewerbung für ihre Tochter Lydia daher auf allen Listen von Kindergärten ganz weit hinten. Denn bei der Zusammenstellung von Krippen- und Kita-Gruppen gehen die Träger nach ganz bestimmten Maßstäben vor: Kinder von Alleinerziehenden haben Vorrang, ebenso solche aus Familien, in denen beide Elternteile berufstätig sind. Danach spielen Faktoren der Ausgewogenheit eine Rolle: Denn was Alter und Geschlecht der Kinder angeht, sollen die Gruppen möglichst durchmischt sein.
Also klapperte Sigrid Dorndorf ein gutes Dutzend Kindertagesstätten in der Umgebung ihrer Eigentumswohnung in der Nordstadt ab – und war nirgendwo erfolgreich. „In manchen Einrichtungen hieß es, fast alle Plätze seien durch nachrückende Krippenkinder belegt“, sagt sie. Von anderen hörte sie schlicht und einfach gar nichts. „Eine Rückmeldung erhält man ohnehin nur dann, wenn man einen Platz bekommt – kein Wunder bei den großen Stapeln von Bewerbungen, die überall liegen.“
Zusätzlich zerrt vielen Eltern das Nachrückverfahren an den Nerven, da niemand vorher weiß, wie lange es dauert. „Schließlich melden sich alle Eltern überall an“, sagt Jost Bitter. Er würde es begrüßen, wenn es für Elterninitiativen eine zentrale Bewerberdatei gäbe. Auch ohne diese Datei hat Sigrid Dorndorf für ihre Tochter nach langem Suchen einen Platz bekommen. Immer nachmittags. In Hainholz. Anderthalb Jahre nach ihren ersten Anmeldungen.
Die Bitters sind zwar beide berufstätig, aber auch sie scheitern auf der Suche nach einem Kita-Platz bisher an äußeren Umständen: Mats’ Geburtstag im Oktober sorgt dafür, dass der Kleine zu Beginn des Kindergartenjahres im August noch nicht drei Jahre alt sein und damit keinen Anspruch auf einen Platz haben wird. Gleichzeitig aber kann er als Dreijähriger eigentlich auch nicht in der Krippe bleiben. Für Herbstkinder wie Mats sei es am schwierigsten, sagen die Bitters. „Für die Krippe sind sie zu alt, für die Kita zu jung“, sagt Jost Bitter. Eine Bekannte der Bitters, die dasselbe Problem hat, hat ihre vergeblichen Versuche bei hannoverschen Kindergärten dokumentiert. Ihre Liste reiht knapp 30 Einrichtungen auf, deren Antworten sich grob auf einen Nenner bringen lassen: Für Herbstkinder haben wir leider keinen Platz.
FDP-Ratsherr Jens Meyburg hat nun versucht, das Thema in die öffentliche Diskussion zu bringen. Er spricht von einer Betreuungslücke, die es an dieser Stelle zu schließen gelte, und fordert die Stadt auf zu prüfen, ob Krippenkinder nicht so lange in ihrer Einrichtung bleiben können, bis sie einen Kita-Platz bekommen. Bei den Bitters ist das jetzt so – weil der Vorstand ihrer Elterninitiative eine entsprechende Regelung beschlossen hat.
Die Bitters sind dennoch optimistisch, dass sie Mats weiterhin gut unterbringen können. Erst mal kann er ja in der Krippe bleiben. „Und irgendwann wird er auch einen Kindergartenplatz bekommen.“
Felix Harbart
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