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Aus der Stadt Keine Zeit für historische Zusammenhänge
Hannover Aus der Stadt Keine Zeit für historische Zusammenhänge
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16:52 03.12.2015
Von Saskia Döhner
Zu wenig Unterricht in den niedrigen Klassen, zu viel in den höheren – das bemängeln Hannovers Geschichtslehrer. Quelle: Marijan Murat/dpa
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Hannover

Warum verlassen Menschen ihre Heimat? Müssen religiöse Konflikte eigentlich immer zu Kriegen führen? Eigentlich könnte der Geschichtsuntericht Antworten auf diese drängenden Fragen geben, die Schüler heute umtreiben, meint Johannes Heinßen, Vorsitzender des niedersächsischen Geschichtslehrerverbandes. Doch leider mache die Umstellung auf das verlängerte Abitur an Gymnasien das zunichte, sagte er am Donnerstag beim diesjährigen Treffen der Geschichtslehrer in Hannover.

„Die Hälfte des Geschichtsunterrichts in der Mittelstufe findet in den Jahrgängen 5 und 6 statt“, sagte Heinßen, „aber mit Elfjährigen kann man Migrationsbewegungen und die Gründe für das Scheitern in der arabischen Welt nicht diskutieren.“ Geschichte sei das politischste Fach des klassischen Bildungskanons. Aber dadurch, dass man gerade in den unteren Jahrgängen die Stundenzahl erhöht habe, während in den Klassenstufen 7 bis 9 der Unterricht meist nur noch halbjährlich stattfinde, verliere das Fach an Bedeutung. Statt komplexe Zusammenhänge zu erklären, müssten die Pädagogen von den Schülern Plakate malen oder Filme schneiden lassen, aber: „Das ist doch kein Geschichtsunterricht“, kritisierte Heinßen, Lehrer aus Stade, beim Treffen seiner Zunft.

Immer wieder beklagen sich Geschichtslehrer an hannoverschen Gymnasien hinter vorgehaltener Hand, dass sie schwierige Themen wie das Römische Reich in unteren Jahrgängen vermitteln müssten, nur weil es von der Chronologie her dran sei. Auch die Grundlagen der Französischen Revolution seien mit Siebtklässlern eigentlich kaum hinreichend zu bearbeiten. Besser ausgestattet sehen die Lehrer ihr Fach seit der Rückkehr zu G 9 hingegen in Jahrgang 11 und in der Oberstufe. Das Thema Nationalsozialismus stehe gleich mehrfach auf dem Lehrplan, während für andere wichtige Themen, etwa die Antike, immer weniger Zeit bleibe, klagen manche Lehrer – und auch Schüler.

Im nächsten Jahr sollen beispielsweise die Reformation und Martin Luther ein Schwerpunkt der Abiturprüfung sein. Seit der Umstellung der Lehrpläne vor gut zehn Jahren sind auch in Geschichte Kompetenzen wichtiger als historische Ereignisse. Schüler sollen keine Jahreszahlen pauken, sondern Entwicklungslinien aufzeigen können. Bei der Reformation bedeutet dies, dass es hier weniger auf das Jahr ankommt, an dem Luther seine 95 Thesen an die Kirche in Wittenberg nagelte (1517), sondern dass es um ein Beispiel gehe, wie Menschen im Spätmittealter auf Krisen reagiert hätten, betonte Heinßen. Inhaltliche Sprünge über 20, 30 Jahre im Stoff sind deshalb im Unterricht keine Seltenheit, sondern die Regel. Doch wenn die Lehrpläne so strukturiert seien, dass Schüler manchmal ein Jahr gar keinen Geschichtsunterricht hätten, sei es unmöglich, Zusammenhänge zu vermitteln.

Der Verband, der derzeit rund 400 Mitglieder hat, will beim Land auf eine Umstellung des Lehrplans dringen. 

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