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Aus der Stadt Keller aus dem Mittelalter entdeckt
Hannover Aus der Stadt Keller aus dem Mittelalter entdeckt
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18:23 15.12.2013
Von Conrad von Meding
Die Grabungsexperten legen Schicht um Schicht den historischen Keller frei. Quelle: Archaeofirm
Hannover

„Das sind Zeugnisse des Frühmittelalters, die man in einer damals eher unbedeutenden Stadt wie Hannover niemals vermutet hätte“, sagt Landesdenkmalpfleger Henning Haßmann: „Wir müssen wohl zu einer archäologischen Neubewertung Hannovers kommen.“

Der Keller gilt mit sechs mal neun Meter Grundfläche als außergewöhnlich groß. „Außer in Lübeck habe ich noch bei keiner Mittelaltergrabung einen solch großen Hauskeller gesehen“, sagt Haßmann. Zur Überraschung der Experten fand sich darin gut erhaltenes Mittelalterspielzeug: vor allem Glasmurmeln, aber auch andere Gegenstände, die zur Beschäftigung von Kindern dienten.

Die Grabungen am Hohen Ufer sind abgeschlossen – und für die Archäologen mit einem sensationellen Fund zu Ende gegangen. Unter den Fundamenten der Stadtmauer wurde ein großer Keller entdeckt.

Drei Monate lang hat die Firma Archaeofirm den Untergrund am Hohen Ufer umgegraben. Dort entstehen neben dem Historischen Museum zwei Neubauten mit Tiefgarage, ein Teil des Kellers wird unter dem Uferboulevard hindurch als unterirdische Gastronomie bis zum Ufer der Leine geführt. Der Investor, die Lehrter Firma Helma, hat die Grabungen bezahlt. Von heute an darf sie auf der Baustelle selbst das Regiment übernehmen. „Wir haben im Zeit- und Kostenbudget alles geschafft, was wir uns vorgenommen haben“, sagt Denkmalschützer Haßmann: „Man kann immer noch tiefer und länger graben, aber es muss zumutbar sein – und nun bleibt noch etwas für spätere Generationen.“

Doch was die Grabungen zutage gefördert haben, lässt die Experten auch so schon staunen. Der historische Keller stammt nach erster Einschätzung von Grabungsleiter Markus Brückner aus der Mitte oder dem Ende des 12. Jahrhunderts, also etwa aus der Zeit der ersten urkundlichen Erwähnung Hannovers überhaupt (1150). Was für die Bewohner des Hauses damals wahrscheinlich eine Katastrophe war, ist für die Archäologen ein Glücksfall: Das Gebäude ist bis auf die Grundfesten abgebrannt. So haben sich die verrusten Holzbohlen erhalten, mit denen der Keller gegen Sandeinbruch abgesichert worden war.

Bei archäologischen Grabungen am Hohen Ufer haben die Bauteams Reste der historischen Stadtmauer gefunden.

Alle Exponate, auch Teile der Holzbohlen, befinden sich jetzt in der konservatorischen Werkstatt des Landesamts für Denkmalpflege. Eigentlich gehören sie dem Land. Doch bereits jetzt ist entschieden, dass sie dem benachbarten Historischen Museum übereignet werden, das die Stadtgeschichte Hannovers bewahrt und erforscht. Ob und wie die Artikel dort ausgestellt werden und ob etwa einige der Kellerbohlen als Deko in die unterirdische Kellergastronomie integriert werden, ist derzeit offen. Tatsächlich wären sie dann am Originalfundort, denn der mittelalterliche Keller befand sich exakt auf Höhe der künftigen Gastronomie.

Bei den Grabungen waren auch mittelalterliche Keramiken, Münzen, ein  Säbel und ein Schuh aus dem 15. Jahrhundert gefunden worden. Ganz aktuell ließ ein weiterer Fund die Experten staunen. Der Graben vor der Stadtmauer war am Beginenturm rund 15 Meter breit. „Das ist ein mächtiges Bauwerk“, sagt Haßmann. Die Archäologen zweifeln, dass jemand solch einen Graben direkt neben einen Flussarm baut. „Es gibt jetzt Zweifel, dass der Fluss dort sein natürliches Bett hat“, sagt Haßmann. Möglicherweise sei er künstlich umgelenkt worden, „das birgt vielleicht ganz neue Aspekte für die Erforschung der Leineinsel, die an der Stelle bis zum Krieg von zwei Flussarmen umschlossen war“.

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