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Aus der Stadt Sterben die Kioske in Hannover langsam aus?
Hannover Aus der Stadt Sterben die Kioske in Hannover langsam aus?
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00:15 18.07.2017
„Ich bleibe, bis ich geräumt werde“: Esengül Türk bedient an der Limmerstraße Kunde Klaus Glaser. Quelle: Samantha Franson
Hannover

Die Lebensgrundlage der Familie Türk hat gerade einmal 38 Quadratmeter. Esengül Türk betreibt mit Mann und zwei Söhnen auf dieser Fläche einen Kiosk, vielleicht sogar den populärsten der ganzen Stadt. Er liegt an der Limmerstraße. Ganz vorne, da, wo das „Limmern“ beginnt. Und der kleine Laden ist voll bis unter die Decke: Zigaretten, Zeitschriften, Kühlschränke voller Bier, Cola und Mate - und natürlich bunte Tüten. Die Kunden drängen sich zwischen Getränkekästen und Theke, stehen Schlange bis auf die Straße. Esengül Türk, die hier alle nur Gül nennen, kennt die meisten Kunden. Und sie duzt alle. Eine Frau kommt in den Kiosk, will Tabak kaufen. Türk überlegt, welche Marke. „Ducal“, souffliert die Kundin. „Du warst so lange nicht hier, junge Dame! Ich weiß schon gar nicht mehr, was du rauchst, mein Schatz“, sagt Türk und lacht. Dann steigt die kleine, zierliche Frau auf eine Bierkiste und streckt sich zu den oberen Regalreihen.

Auf 38 Quadratmetern verkauft Familie Türk an der Limmerstraße ihre Kioskwaren. Doch wie lange gibt es das Geschäft noch?

Wie lange Türk den Kiosk noch betreiben kann, weiß sie nicht. Sie teilte sich das Gebäude mit Rewe und Rossmann. Rossmann ist auszogen, Rewe will erweitern. Der Vermieter hat Türk schon zu Ende Mai gekündigt. Doch auch im Juli steht sie noch hinter dem Tresen. „Ich bleibe, bis ich geräumt werde“, sagt sie, Trotz in der Stimme. Ihre Existenz hängt von diesen 38 Quadratmetern ab. „Ich lasse alles drauf ankommen. Wenn ich raus bin, bekomme ich Hartz IV.“ Der Vermieter klagt nun.

So wie Türk geht es vielen Kioskbetreibern. Hannover zählt zu den Städten mit den meisten Trinkhallen pro Einwohner. Doch die Zahl geht zurück. Waren es 2013 noch rund 340 Kioske, sind es derzeit zwischen 240 und 280. „Eine genaue Zahl zu bestimmen ist schwierig - wegen der hohen Fluktuation, aber auch, weil die Definition schwierig ist“, sagt Nora Hesse, die in den vergangenen Jahren zwei Studien zu Kiosken an der Leibniz-Uni betreut hat. Denn wer Bierausschank und Sitzmöglichkeiten biete, habe meist ein Gastronomiegewerbe angemeldet.

Konkurrenz durch Supermärkte

„Es zeichnet sich ein Kiosksterben ab“, sagt Hesse. Das hat mehrere Gründe. Die größte Konkurrenz sind Supermärkte mit langen Öffnungszeiten, die eine Gesetzesänderung in Niedersachsen seit 2007 möglich macht. Dort sind die Produkte meist günstiger, zudem liegen Supermärkte oft ebenso zentral wie Kioske. „Eher abseits gelegen sind Tankstellen, diese werden aber auch als Konkurrent wahrgenommen“, sagt Hesse - Gleiches gilt für Bäckereien.

Auch andere Trinkhallen können Konkurrenten sein - besonders im Bezirk Linden-Limmer. Dort findet sich gut ein Fünftel aller hannoverschen Kioske.

Hannover ist eine der Städte mit der größten Kioskdichte pro Einwohner in Deutschland. Schon früher gehörten Anlaufstellen zum Stadtbild. Ein Blick ins Foto-Archiv.

Das Problem hat Ilknur Kuru nicht. Die 34-jährige Türkin betreibt seit 2011 mit ihrem Mann einen Kiosk an der Lutherstraße in der Südstadt und schätzt die Lage sehr. „Mit vielen Kunden sind wir befreundet“, sagt sie. Als Ende Juni das große Unwetter über Hannover hinwegzog, standen die Nachbarn sofort mit Eimern vor der Tür und halfen beim Aufräumen. Doch obwohl Kuru viel Spaß an der Arbeit habe, will sie den Kiosk nicht für immer behalten. „Das Privatleben und die Kinder leiden. Für ein frisch verheiratetes Paar würde ich das nicht empfehlen“, sagt die ausgebildete Rettungsassistentin. Jeden Tag öffnet ihr Kiosk von 7 bis 0 Uhr.

Kioskguide

Eine Übersicht aller Trinkhallen in Hannover.

Eine weitere Erkenntnis aus Hesses Studien: Rund 70 Prozent der hannoverschen Kioskinhaber wurden bereits Opfer von Straftaten wie Diebstahl, Vandalismus oder Raub. Daher statten viele die Läden mit Kameras, speziellen Schlössern oder Sicherheitsglas aus. „Oder sie verzichten auf Zigaretten, diese werden am häufigsten gestohlen“, sagt Hesse. Zudem sei Zigaretten und Zeitschriften zu verkaufen „wie Geld tauschen“. Getränke bringen Gewinn. Ob die Kioske auch deshalb weniger werden, weil das Geschäft zu gefährlich ist, kann Hesse nicht eindeutig sagen. „Es ist aber möglich, dass das auch ein Grund ist“, sagt sie.

Hannove ist spitze - und zwar wortwörtlich: Auf diesen Gebieten ist Hannover Spitzenreiter.

Auch Diskriminierung spielt in der Branche eine Rolle. Knapp die Hälfte der Kioskinhaber in Hannover haben ihren höchsten Bildungsabschluss im Ausland gemacht, die meisten in der Türkei, im Iran oder Irak. Auf dem deutschen Arbeitsmarkt bleibt ihnen trotz Schulabschluss, teilweise auch Abitur und Uni-Abschluss kaum eine andere Möglichkeit als der Kiosk. Denn die Befragung zeigt auch: Rund die Hälfte betreibt das Geschäft aus der Not heraus, ist mit Job und Umsatz unzufrieden. Die anderen 50 Prozent gehen dem Beruf aus Überzeugung nach.

Demo gegen Schließung

Zu denen zählt auch Esengül Türk. Seit fünf Jahren arbeitet sie an der Limmerstraße - zuvor hatte sie bereits einen Kiosk in Limmer. „Ich finde es toll, mit Menschen zu arbeiten. Ihnen zuzuhören, wenn sie Probleme haben“, sagt Türk. Auch die Kunden wollen sich nicht damit zufriedengeben, dass Türk schließen muss. 250 Menschen haben am Küchengarten demonstriert. Knapp 17.000 haben eine Onlinepetition unterschrieben. Rewe bleibt bisher jedoch bei seinem Standpunkt. „Eine Untervermietung an die Kioskbetreiberin ist nicht möglich, weil das neue Konzept einen Kiosk ausdrücklich ausschließt“, sagt Sprecherin Daniela Beckmann.

250 Menschen haben gegen die Schließung des Kiosk von Esengül Türk an der Limmerstraße demonstriert.

Hoffnung gibt es dennoch, meint auch Nora Hesse: „Ich glaube nicht, dass die Kioske jemals ganz verschwinden.“ Viele entwickeln ein Alleinstellungsmerkmal, um zu überleben. „Onkel Olli’s“ in der Nordstadt führt 200 Biersorten. Andere bieten eine Frischetheke, integrieren Paketdienst oder Lottoannahmestelle. Und auch Esengül Türk gibt nicht auf. „Es kommen ständig Kunden und sagen: ‚Gül, schau mal, da ist eine Ladenfläche frei‘“, erzählt sie. Vielleicht, so hofft sie, kann sie sich einen neuen Kiosk aufbauen. Neue 38 Quadratmeter.

Ausstellung: Kioskkult(ur)

Dass die Kioske wichtiger Bestandteil des hannoverschen Stadtbilds sind, findet auch Anna Morawek. „Schon im ersten Semester haben mich die vielen Kioske begeistert“, sagt sie. In ihrer Bachelorarbeit hat die Innenarchitekturstudentin nun eine Ausstellung mit dem Titel „Kioskkult(ur)“ erarbeitet. „Damit möchte ich den Kiosken wieder mehr Aufmerksamkeit verschaffen“, sagt sie. Mit dem Historischen Museum erarbeitet die 25-Jährige derzeit einen Plan, die Ausstellung an mehreren öffentlichen Orten in Hannover zu präsentieren – an der Lutherkirche, am Küchengarten und am Lister Platz.

Von Johanna Stein

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