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Aus der Stadt Herrn Meyers Menschenkenntnis
Hannover Aus der Stadt Herrn Meyers Menschenkenntnis
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00:18 25.08.2014
Von Veronika Thomas
„Eine sehr deutliche Körpersprache“: Klaus Meyer und seine Menschenaffen im Zoo Hannover. Quelle: Philipp von Ditfurth
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Hannover

Respekt ist die Basis eines jeden Miteinanders. Für Klaus Meyer gilt das nicht nur im Umgang mit Menschen, sondern generell - und ganz besonders mit Menschenaffen. Wenn der Revierleiter von Urwald- und Tropenhaus im Zoo Hannover mit den Gorillakindern spielen möchte, holt er sich vorher das Okay des Familienoberhaupts - meist per Blickkontakt. Antwortet ihm der 230 Kilogramm schwere Silberrücken Buzandi mit zusammengepressten Lippen, verschiebt der Tierpfleger den Besuch auf später. Blickt der Gorilla-Boss ihn aber entspannt an, ist alles in Ordnung. „Wenn ich das nicht mache, wird er sauer“, erzählt der 55-Jährige und fügt hinzu: „Ich respektiere ihre Rangordnung.“

Er selbst steht an zweiter Stelle der Rangfolge - zumindest bei Schimpansen und Gorillas. „Bei Drills, Gibbons oder Meerkatzen ist es nicht ganz so kompliziert.“ Seit 40 Jahren arbeitet Klaus Meyer als Tierpfleger im Zoo; 1974 begann der junge Mann mit dem „Tierknall“, wie es seine Familie damals formulierte, die Ausbildung gegen den Widerstand seines Vaters. Der Sohn sollte Einzelhandelskaufmann werden. „Ich wollte aber unbedingt Tierpfleger werden, und zwar in einem Zoo“, erzählt der Vater eines inzwischen 24-jährigen Sohnes. Der ist ebenfalls Tierpfleger geworden, im hannoverschen Zoo. „Das wiederum wollte ich erst nicht, aber er macht seine Sache gut“, urteilt Klaus Meyer über seinen Sohn Revin, der Tiere auf der Showbühne präsentiert.

Klaus Meyer hätte auch Elefanten- oder Antilopenpfleger werden können, doch der damalige Revierleiter des Tropenhauses, Dieter Drießlein, wollte ihn unbedingt im Tropenhaus behalten. Ausgerechnet dort aber passierte das folgenschwere Missverständnis, bei dem Meyer nicht nur Zeige- und Mittelfinger seiner rechten Hand, sondern für Jahre auch das Vertrauen in die Arbeit mit ausgewachsenen Affen verlor. Weil der damals 19-Jährige die Körpersprache von Max, dem damaligen Boss und heutigen Seniorchef der Schimpansensippe, falsch deutete, kam es zu dem Zwischenfall. „Max hatte sich wahnsinnig gefreut, als er mich nach drei Monaten zum ersten Mal wiedersah“, erzählt der 55-Jährige, der damals seinen Grundwehrdienst absolviert hatte. Als er aber Max über die Schulter strich, obwohl in diesem Moment seinen Kopf abwandte, habe der zwölfjährige Menschenaffe sofort zugebissen. „Es war nicht Max’ Schuld. Er wollte in diesem Moment nur nicht berührt werden“, beurteilt Meyer die Situation rückblickend. Heute sind Max und er Freunde. „Wenn ich nach drei Wochen aus dem Urlaub zurückkehre, nimmt er meinen Kopf in seine Hände.“ Als wollte er sagen: Schön, dass du wieder da bist.

Nach dem Beißunfall kümmerte sich Meyer erst mal fünf Jahre um die Aufzucht verwaister Affenbabys - Orang-Utans, Schimpansen, Gibbons, Totenkopfäffchen. „Ich habe wochenlang im Zoo übernachtet, das war zeitweise mein zweites Zuhause“, erinnert er sich. Anders als heute hatten die Tierpfleger damals noch direkten Kontakt zu den Tieren. Heute wäre das undenkbar. Affen sollen Affen bleiben, die Flaschenaufzucht wird nur noch im Heidelberger Zoo praktiziert. „Dort haben die Säuglinge aber von Anfang an Kontakt zu ihren Artgenossen, damit sie nicht fehlgeprägt werden“, erzählt Meyer. Wenn er heute mit Jungtieren spielt, bleibt er außerhalb des Geheges, wo er seine schwarz- und rothaarige Familie, wie er sie insgeheim nennt, mit Erdnüssen füttert und mit ihnen kuschelt. Eine wichtige Kontaktpflege, auch, um im Krankheitsfall mit ihnen umgehen zu können.

Wer Klaus Meyer fragt, warum ihn der Umgang mit Menschenaffen so fasziniert, erhält eine überraschende Antwort: „Weil mich Menschen interessieren.“ Die Charaktere von Menschenaffen seien genauso verschieden wie die von Menschen, erzählt der Experte. Da gebe es beispielsweise, analog zu den Menschen, die übervorsichtigen Affenmütter, die ihr Erstgeborenes keinen Moment aus den Augen ließen, während erfahrene Mütter wie Gorillaweibchen Zazie mal ganz froh seien, wenn sich ein junges Weibchen für ihren Nachwuchs interessiere. „Aber auch Zazie hat immer ein Auge auf ihr Kleines.“

Den Umgang vor allem mit Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans bezeichnet er als harmonisches, partnerschaftliches Miteinander, wenn man auf ihre Psyche eingehe. „Menschenaffen haben eine sehr deutliche Körpersprache“, erklärt der fürsorgliche Pfleger, kein Tier werde zu irgendetwas gezwungen. Das gäbe nur Stress. Wenn der fast 50-jährige Senior Max mal nicht nach draußen wolle, weil es ihm zu kalt sei, dann bleibe er halt drinnen. Normal, meint Meyer. „Das würde man mit einem alten Menschen doch auch so machen.“

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