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Aus der Stadt Kochen nach Kladde
Hannover Aus der Stadt Kochen nach Kladde
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06:15 10.08.2012
Von Stefanie Kaune
Grafikerin Catharina Siemer sammelt "Rezepte auf Reise" in ausgelegten Notizbüchern Quelle: Michael Thomas
Hannover

Die Erinnerung an Omas Rinderroulade, der Duft des selbst gebackenen Apfelkuchens oder die Freude über die Pastakreation, die perfekt al dente gelungen ist: Kochen und Essen sind immer mehr als Nahrungszubereitung und -aufnahme. „Jeder hat da persönliche Erfahrungen und Erinnerungen“, sagt Catharina Siemer. Und darum hat sie eine Rezeptsammlung der besonderen Art angelegt. Die Absolventin des Studiengangs Medien und Design an der Fachhochschule hat schlichte Schulkladden an ihr nicht näher bekannte Menschen verteilt oder an bestimmten Orten der Stadt anonym ausgelegt - mit der Bitte, die Notizbücher doch mit dem persönlichen Lieblingsrezept und der Geschichte dazu zu füllen.

„Rezepte auf Reise“ hat die freiberufliche Grafikerin ihr Projekt genannt. Schließlich sollten die Menschen, die in die Kladden hineingeschrieben haben, sie auch wieder an die Urheberin zurückschicken. „Dafür habe ich vorne neben meinen Einleitungstext sogar Briefmarken geklebt.“ Es ist das Prinzip des guten, alten Poesiealbums - weggeben, wiederbekommen, ein wenig von einem Menschen behalten. Im Februar hatte die 28-Jährige das Projekt begonnen, das zugleich ihre Abschlussarbeit an der Fachhochschule war. 16 Kladden hat sie in Umlauf gebracht. Drei der offenen Bücherschränke an der Marktkirche, in der Nord- und in der Südstadt waren ebenso „Verteilstationen“ wie das Café „Mezzo“ am Weißekreuzplatz, eine Stadtbahn, die Buchhandlung Hugendubel oder das Antiquariat Adam in der List. „Auch Leuten in meiner Nachbarschaft und dem Kioskbesitzer um die Ecke habe ich die Bücher gegeben“, sagt die Südstädterin.

Lediglich sechs der 16 kulinarischen Kladden sind bisher wieder angekommen, doch das betrübt Catharina Siemer nicht. Sie ist allen dankbar, die ihre Idee verstanden und Rezepte auf Reise geschickt haben. 44 Kochanleitungen plus Erlebnis hat die Sammlerin zusammen - alle auf ihr Bitten handgeschrieben und manchmal sogar mit Zeichnungen oder eingeklebten Bildern versehen. Da findet sich etwa ein mit bunten Filzstiftzeichnungen illustriertes Rezept für Schokomuffins von einem Mädchen namens Tessa Mathilda. Alter und Adresse fehlen, es war keine Pflicht, bestimmte Daten anzugeben. „Ich finde es schön, wenn Geheimnisse bleiben“, sagt Catharina Siemer. „Das ist das Gegenteil zu Facebook, wo jeder so viel von sich preisgibt.“

Jedenfalls kam die Kladde mit dem Muffinrezept aus Köln zurück. Und irgendwo in Nordrhein-Westfalen könnten daher vielleicht auch die im gleichen Rezeptbuch genannten Oma Luise und Opa Paul wohnen oder gewohnt haben, deren Enkelin sich mit Wonne an die selbst gemachten Pommes aus den Kartoffeln aus Opas großem Garten erinnert. Oder die hannoversche Antiquarin Ute Adam, eine ältere Dame, erzählt von ihrem „Tiko-Salat“. Er verdankt seinen Namen einem ausgerissenen Wellensittich, der eines Sommers ins Zimmer flog, als der Lieblingswurstsalat der Familie mit Gurken, Tomaten und Eiern auf dem Tisch stand. Der Vogel, der danach bei den Adams wohnte, wurde „Tiko“ getauft - und ebenso der Salat. Außerdem wäre da noch die mit einer Comiczeichnung verzierte Geschichte eines wahrscheinlich in der Region Hannover lebenden Herren namens Helmut Knocke, der sich beim Kochen hat ablenken lassen und daher nach eigenen Worten lediglich „Eilige Kohlrouladen und gescheiterten Obstsalat“ zu Wege brachte.

Der Organisation Slow Food, die sich für bewusstes und genussvolles Essen einsetzt, gefällt das. Sie hat die Ideengeberin bei ihrem Projekt unterstützt, ebenso die Schlossküche Herrenhausen. Doch so persönlich, „slow“ und im besten Sinne altmodisch das alles ist - Catharina Siemer ist noch keine 30 Jahre alt und Absolventin eines Medienstudienganges. Und darum gibt es natürlich alles aus den Kladden auch in einem Blog im Internet zu lesen (www.rezepteaufreise.de). „Mein Ziel war es, klassische und moderne Medien zu verbinden“, sagt sie.

Das strebt sie auch mit dem nächsten Projekt „Papergirl“ an, das Vorbilder in Berlin und Hamburg hat (www.papergirl-hannover.de). Künstler werden dabei aufgerufen, ihre auf Papier gezeichneten, geklebten oder auch fotografierten Werke an „Papergirl“ Catharina zu senden. Sie macht im Oktober eine Ausstellung damit - und lässt dann die Papierkunst in Hülsen einrollen und per Fahrradboten an Passanten verteilen. „Das ist ein Statement für die Kunst.“ So wie die Kladde fürs Kochen.

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