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Aus der Stadt Die Flucht aus der Geschichte
Hannover Aus der Stadt Die Flucht aus der Geschichte
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00:15 05.10.2015
Von Simon Benne
Quelle: Symbolbild
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Hannover

Heute würde man keine Straßen mehr nach ihnen benennen. Zu Recht. Schließlich verfasste die Schriftstellerin Agnes Miegel nicht nur ostpreußische Heimatlyrik, sondern auch hymnische Lobesverse auf den „Führer“. Und dass Paul von Hindenburg 1933 Hitler zum Reichskanzler ernannte, lässt sich in jedem Geschichtsbuch nachlesen. Zehn Straßen sollen nach den Vorschlägen des zuständigen Beirats umbenannt werden, darunter Miegelweg und Hindenburgstraße. Tatsächlich muss jeder einzelne der genannten Namenspatrone mindestens als fragwürdig gelten. Dennoch: So billig darf man es nicht machen.

Wenn es darum geht, wer eines Straßennamens würdig ist, lassen sich kaum allgemeingültige Grenzen ziehen. So wurde in Hannover der Hinrich-Wilhelm-Kopf-Platz umbenannt, nachdem NS-Verstrickungen des früheren Ministerpräsidenten ruchbar geworden waren. Oldenburg hingegen behielt seine Hinrich-Wilhelm-Kopf-Straße, nach nicht minder gründlicher Diskussion.

Den Namen der Walderseestraße hat der Beirat seltsamerweise bislang nicht infrage gestellt - obwohl der unsägliche Generalfeldmarschall Alfred von Waldersee den Boxeraufstand in China blutig niederschlug. Auch der Trammplatz wird nicht beanstandet - dabei bezeichnete eine Ausstellung den früheren Oberstadtdirektor Heinrich Tramm vor zwei Jahren als „Wegbereiter der NS-Diktatur“. Wohl aber soll der Sauerbruchweg umbenannt werden: Ferdinand Sauerbruch gehörte in der NS-Zeit dem verbrecherischen „Reichsforschungsrat“ an - doch er gilt auch als bedeutender Mediziner, setzte sich für Juden ein und saß im Gestapo-Verhör.

Die jetzt für mögliche Umbenennungen zuständigen Kommunalpolitiker sollten sehr behutsam agieren. In vielen Fällen ist es nicht leicht, einfach den Daumen zu heben oder zu senken. Was ist an einer Biografie zentral? Was ist Fußnote? Was entwertet eine Lebensleistung so radikal, dass ein Name vom Straßenschild getilgt werden muss? Und was ist mit gebrochenen Biografien wie der von Julius Brecht? Der Beirat empfiehlt, die Julius-Brecht-Straße in Misburg-Nord umzubenennen. Tatsächlich war der Politiker Brecht NSDAP-Mitglied und an leitender Stelle im „Reichsverband des deutschen gemeinnützigen Wohnungswesens“ tätig. Doch danach saß er bis zu seinem Tod 1962 für die SPD im Bundestag.

Vielleicht ist es ein Missverständnis, Straßennamen als immerwährende Ehrungen zu verstehen. Eine Ehrung ist ein Straßenname eigentlich nur im Moment der Benennung. Später, mit Ablauf der Jahre, werden Straßennamen zur historischen Quelle. So, wie sie an einen Schiffgraben oder ein Aegidientor erinnern, die es längst nicht mehr gibt, lässt sich an Straßennamen auch ablesen, was Menschen früher wichtig waren. Bis heute erinnern die Straßennamen in der List daran, dass die Kaiserzeit nicht nur ein Faible für schmucke Fassaden, sondern auch für schneidigen Militarismus und für Kommissköppe wie Moltke und Manteuffel hatte.

Natürlich kann eine Stadt ihre Topographie nach eigenem Gusto alle 20 Jahre neu erfinden. Wäre man dann konsequent, müsste man jedoch nicht nur Straßen umbenennen, sondern auch Denkmale demontieren, um die Erinnerung an die peinliche Vergangenheit auszumerzen. Die bloße Entsorgung unliebsamer Straßennamen ist aber auch eine Flucht aus der Geschichte.

Möglicherweise könnte ja gerade ein Sauerbruchweg ein idealer Ort sein, um das Verhältnis von Medizin und Ethik zu thematisieren. Mit Skulpturen oder Gedenkplatten ließe sich gerade am Miegelweg problematisieren, wie Künstler als Verführer und Verführte agieren. An Straßenschildern ließen sich Tafeln anbringen, die über die Namenspatrone aufklären. Es gibt viele Wege, mit problematischen Straßennamen umzugehen. Jeder einzelne erfordert mehr Kreativität als das bloße Ausradieren.

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