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Kommentator Marcel Reif kritisiert Fußball-Branche

Lesung "Nachspielzeit" Kommentator Marcel Reif kritisiert Fußball-Branche

Der Fußball-Kommentator Marcel Reif hat in der Buchhandlung Decius sein neues Buch mit einer Lesung vorgestellt. Dabei sprach er auch kritisch über die Fußball-Branche, die er als recht oberflächlich betrachte.

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Geschichten vom Fußball und vom Leben, was nur manchmal dasselbe ist: Marcel Reif in der Buchhandlung Decius.

Quelle: Villegas

Hannover. Die erste Geschichte über Fußball spielt im wirklichen, dem wahren Leben. Marcel Reif, 67, bis zu seinem Abschied je nach Vereinsbrille geliebter oder gehasster Fernsehkommentator, einen Beruf, den er skeptisch „eine leichte, schaumige Kunst“ nennt, erzählt von einer Rettung. Sein Vater saß in einem Zug Richtung Konzentrationslager, als ein Mann die Bewacher aufforderte, den Transport zu stoppen, er brauche Arbeitskräfte. Dieser Mann war Berthold Beitz.

Marcel - Sohn eines polnischen Juden und einer schlesischen, deutschstämmigen Katholikin - war noch nicht geboren, als der Industrielle seinen Erzeuger und Hunderte weitere Zwangsarbeiter vor der Vernichtung bewahrte. Jahrzehnte später dankte Marcel Reif Beitz für dessen Tat, in einem Brief nannte er ihn „eine Zierde der Menschheit“. Später begegneten sich die beiden Männer, Reif fast sprachlos vor Respekt, bis Beitz ihm die Hand auf die Schulter legte und sagte: „Es ist gut.“

Mit dieser Episode beginnt Marcel Reif an diesem Abend die Lesung aus seinem neuen Buch „Nachspielzeit“ in der Buchhandlung Decius. Nichts an ihr ist leicht und schaumig. Mit Fußball hat sie zu tun, weil sie für den Kommentator zum Maßstab für die eigene Arbeit wurde. „Diese Geschichte trägst du in der Unterströmung immer mit“, sagt er. „Auf dem Fußballplatz Helden finden zu wollen, das ist ein bisschen viel verlangt.“ Vielleicht rührte daher seine bei aller Hemdsärmeligkeit oft unterkühlte Art hinter dem Mikrofon, die weit entfernt war von der üblichen Atemlosigkeit zahlloser Sportreporter, für die alles geil ist, bis vor lauter Geilsein alles einerlei ist. Er wusste, dass er gut war.

Marcel Reif schreibt davon, wie groß der Fußball für Menschen sein kann - und wie klein er wird, wenn es wirklich zählt im Leben. Er ist ein Erzähler, der sein Publikum vor nahezu ausverkauftem Haus amüsant unterhält. Einen Besuch im stalinistisch regierten Nordkorea moderiert er launig an, bis er die Geschichte zu ihrem elenden Schluss führt. Keine Sekunde, sagte Reif, komme der Gedanke an Ironie auf, wenn man weiß, dass das Flugzeug nach Hause wartet, die freundlichen Gastgeber aber auf Lebenszeit zurück bleiben und weiter täglich dem großen Führer huldigen müssen. „Da habe ich verstanden, was Freiheit wirklich bedeutet.“

Er spricht von „Drecksäcken“

Auch so eine Geschichte, die die Verhältnisse zurechtrückt, wenn in Deutschland diskutiert wird, ob ein Milliardär einen Fußballverein mit seinem Geld päppeln darf, bis er fast alle anderen Klubs überholt hat. Gemeint ist Red Bull Leipzig. Reif findet, der Milliardär darf das, weil er nie einen Hehl daraus gemacht habe, dass er Getränkedosen verkaufen wolle. Wie ja auch Investoren in anderen Vereinen geschäftliche Interessen hätten.

Natürlich ist Marcel Reif ein Kritiker des mäandernden Profifußballs und seiner absurd überhöhten Bedeutung. Gehälter, die in keinem Verhältnis stehen zu dem, was Menschen mit nützlicher Arbeit verdienen. Korrupte Funktionäre, „Drecksäcke“ nennt er solche Fifa-Herren, die aufgeblähte Wettbewerbe und eine Finanzstruktur schaffen, die wenige Clubs stärkt und damit echte Konkurrenz fast verhindert. Bayern wird Deutscher Meister? Wen interessiert es, wenn es schon vor der Saison alle wissen. Allerdings war Reif lange Jahre auch ein Teil dieses Systems, denn sein früherer Arbeitgeber, der Privatsender Sky, ist es, der Preise für Fußball-Übertragungen in die Höhe getrieben hat.

Die Frau von Marcel Reif sagte einmal über ihren Mann, er wolle von allen geliebt werden. Er ist ihr bis heute nicht dankbar für diese öffentliche Äußerung. Aber wenn es wirklich so ist, kann er diesen Willen kontrollieren. An diesem Abend jedenfalls erzählt Reif noch eine Geschichte, die er hörbar sympathisch findet. Ein Club steigt aus der Bundesliga ab, hält aber dennoch an seinem Trainer fest und steigt dieses Jahr womöglich wieder auf. Die Zuhörer wissen Bescheid: Eintracht Braunschweig. Und Hannover 96? Passt für Reif in die Rubrik, dass es „Merkmal einer freien Gesellschaft ist, mit Geld zu scheitern“. Neue Trainer, neue Sportdirektoren, neue Spieler und am Ende stehst du nicht besser da als diese Braunschweiger. So viel zum Lokalen vom Mann, der geliebt werden will.

Inzwischen kommentiert Reif, der bei Zürich lebt, Spiele der Schweizer Liga. Vaduz gegen Lugano, „hinreißend“. Er wird nicht angepöbelt wie in Dresden und Dortmund, er muss nicht mehr in Fratzen voller Hass sehen. Die Frage zum Verhältnis von Medien und Fußball erledigt Reif rückblickend in einem Satz. „Ich war der Beste.“ Sehr eitel, schlimm, schlimm. Die Leute lachen, Reif freut sich. Aber kennt jemand einen besseren?

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