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Auf Stimmenfang - im Netz und auf der Straße

Kommunalwahl Auf Stimmenfang - im Netz und auf der Straße

Noch knapp zwei Wochen bis zur Kommunalwahl. Die Parteien wollen vor allem eines erreichen: Wähler für sich gewinnen. Neue Möglichkeiten eröffnen die sozialen Netzwerke – haben aber ihre eigenen Gesetze. Der Straßenwahlkampf dagegen ist weiterhin der Klassiker.

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Hannover. Die Trinkerszene am Weißekreuzplatz ist ein echtes Konfliktthema. „Was ist denn der Lösungsvorschlag von euch für den Platz?“, fragt ein Nutzer auf der Facebook-Seite der hannoverschen CDU. In ihrer Antwort nennt die Partei „Ordnungsmaßnahmen“ und begleitend oder ergänzend Umbauideen. Auch auf der Seite des SPD-Stadtverbands Hannover müssen sich die Politiker erklären. „Ihr habt auch mehr Krippenplätze versprochen. Und dass Hannover kinderfreundlicher wird. Pustekuchen“, kommentiert ein Nutzer. Die SPD hält dagegen: „In den vergangenen Jahren sind 2000 neue Krippen- und 400 neue Kindergartenplätze eingerichtet worden“, meldet sich die Partei zu Wort: „Trotzdem wissen wir, dass es oft noch an Plätzen fehlt.“ Der Wahlkampf findet zunehmend nicht mehr nur auf der Straße statt, sondern auch im Internet.

Zahlreiche Kommunalpolitiker sind ohnehin in sozialen Medien wie Facebook aktiv, teilen dort seit Jahren Erfahrungen und Einschätzungen mit Hunderten Hannoveranern. Das hat auch den Wahlkampf verändert. Er läuft wie bisher mit Plakaten, Wahlständen, Podiumsdiskussionen und Nachbarschaftsbesuchen, aber neuerdings immer stärker auch in Facebook-Gruppen, auf Twitter oder mit eigenen Internetseiten. Auf Bundesebene klappt das seit Jahren sehr gut: Leistet sich die Politik in Berlin einen Fehltritt, bekommt sie die Quittung in Echtzeit übers Internet. Aber funktioniert das bereits auf lokaler Ebene in Hannover?

„Man kann sagen, dass es sich gerade bei Kommunalwahlen sehr lohnen kann“, sagt Thorwald Erbslöh. Der 36-Jährige ist Geschäftsführer der hannoverschen Web- und Social-Media-Agentur Bluehouse. Twitter, das stellt Erbslöh klar, eigne sich in Hannover noch nicht als Wahlkampfmedium: „Das ist kein Kanal, mit dem man die Bürger erreichen kann.“ In dem etwas elitären Kurznachrichtendienst seien eher Personen des öffentlichen Lebens und Medienschaffende unterwegs, nicht aber die Menge der potenziellen Wähler. Facebook dagegen tauge sehr gut als Kanal im Wahlkampf.

Das Zauberwort dabei ist Reichweite. Wie kommt die Botschaft bei möglichst vielen Menschen an - und am besten noch bei jenen, die sich eher weniger für Politik interessieren? Das Rezept: reizvoller Inhalt. Ein Paradebeispiel lieferte vor Kurzem SPD-Chef Sigmar Gabriel. Ein Handyvideo zeigte, wie er rechten Demonstranten den Mittelfinger entgegenreckte. Das sorgte für Aufsehen und für Diskussionen. Am Ende zählte für die SPD jedoch im Kern, dass sie im Gespräch war. Das ist die Währung im Internet: öffentliche Erregung. Ob zustimmend oder ablehnend ist da zuweilen fast egal. Gabriel erntete gleichermaßen Ablehnung wie Zustimmung. Ein Punktsieg.

In kurzen, gescripteten Spots versuchen sich die hannoverschen SPD-Politiker Frank Straßburger und Lars Kehlich gelegentlich vor der Kamera. Dort ahmen sie als „Zwei bärenstarke Sozis“ die Italo-Western von Bud Spencer und Terence Hill nach. Social-Media-Experte Erbslöh findet: „Das hört sich so an, als wenn sie das Medium verstanden hätten.“ Doch er kennt auch die Kehrseite: „Es wird vielleicht nicht unbedingt helfen, als seriöser Politiker wahrgenommen zu werden.“

Der SPD-Stadtverband veröffentlicht auf seiner eigenen Netzseite eifrig Inhalte zur Wahl. Die Nachrichten wenden sich nach innen und nach außen. „Wir wollen gemeinsam das Gefühl vermitteln, dass wir Wahlkampf machen“, erklärt Geschäftsführerin Uta Biermann. Zugleich richteten sich die Botschaften aber auch an Nichtmitglieder. In kurzen Clips zeigt die SPD ihre Kandidaten. Dass diese Beiträge professionell erstellt und gestochen scharf daherkommen müssen, sei ein Trugschluss, erklärt Social-Media-Experte Erbslöh. „Ein Bild aus dem Lister Biergarten, das mit dem Handy aufgenommen wurde, wird mehr Aufmerksamkeit erregen als ein Bild aus dem Fotostudio.“ Wichtig sei die Authentizität.

Der Internetbeauftragte der hannoverschen CDU, Hartwig Jeschke, freut sich über teils lebhafte Diskussionen unter den Faceboo-Nachrichten seiner Partei. Dort komme man regelmäßig mit Bürgern ins Gespräch - wenn auch nur digital. So sei die CDU nicht nur mit Sympathisanten, sondern auch mit anderen Politikinteressierten in Kontakt. Jeschke sieht die sozialen Medien eher als eine ergänzende Stütze im Wahlkampf. „Viel wichtiger ist bei manchen Themen, wenn man auch auf den eigenen Internetseiten über das politische Geschehen berichtet“, sagt er.

Agentur-Geschäftsführer Erbslöh warnt: „Man sollte die Social-Media-Kanäle nicht als Zubringer zu anderen Plattformen benutzen“, sagt er. Im Kern gehe es um die Interaktion. „Wenn ich nicht auf die Kommentare reagiere, überlasse ich den Gegnern das Feld“, sagt Erbslöh. Stattdessen können die Parteien hier aufklären, überzeugen und beeinflussen - mit echten Inhalten, ganz konkret. Fast wie früher, auf der Straße.

Von Nils Oehlschläger

Nachgefragt bei Michael Jankowski

„Der Idealfall ist, dass Inhalte sich verselbstständigen“

Herr Jankowski, wie Erfolg versprechend ist der Einsatz von sozialen Medien im Kommunalwahlkampf?

Grundsätzlich muss man sagen, dass die Chancen von sozialen Medien begrenzt sind. Zwar gibt es auch dort Potenzial. Inwiefern das ausgenutzt wird, ist aber eine andere Sache. Wichtig ist, dass die Kommunikation dort nicht einseitig geschieht. Denn wenn es keine Nachfrage von den Wählern gibt, passiert auch auf den Facebook-Seiten der Parteien nicht viel.

Was ist denn wichtiger: Werben im Web oder auf der Straße?

Als Ersatz für Fernsehwerbespots, Plakate und so weiter dient Social Media nicht. Vielmehr ist einfach ein Kanal hinzugekommen, der damit punktet, dass man sehr gut neue Zielgruppen ansprechen kann. Wie erfolgreich das sein kann, zeigt die Obama-Kampagne von 2008. Die hat in der Bevölkerung Fuß gefasst und sich verselbstständigt. Beschränkt man sich auf das reine Anlegen von Accounts und langweiliges Ausspielen von Informationen, bringt das persönliche Gespräch auf der Straße vermutlich mehr. Wenn es hingegen richtig gemacht wird und auch Interaktion stattfindet, dann zahlt sich auch die Arbeit in den sozialen Netzwerken aus. Durch das Aufstellen von Plakaten erreicht man in der Regel mehr Menschen. Aber auch hier gilt: Durch das reine Aufstellen von Plakaten gewinnt man noch keine Wahlen.

Oft machen Bürger ihrem Ärger im Netz Luft – und überschreiten in ihren Kommentaren die Grenze des Angebrachten.

Social Media kann den negativen Effekt haben, dass durch die scheinbare Anonymität des Internets Aussagen getätigt werden, die auf der Straße so vermutlich nicht getroffen würden. Da gibt es zum Beispiel abscheuliche Kommentare zu Flüchtlingsthemen. Das würden sich viele Leute auf der Straße nicht trauen. Im Internet bietet sich bei Verdruss die Möglichkeit, diesen viel leichter öffentlich zu kommunizieren.

Wie machen Parteien denn sinnvoll Wahlkampf im Netz?

Das ist ein schwieriges Thema. Es herrscht in der Politik die Überzeugung, dass man mit Social Media arbeiten muss. Aber keiner weiß genau wie. Ob es wirklich was bringt, ist schwierig zu messen. Der Idealfall ist, dass Inhalte sich verselbstständigen, also viral gehen und geteilt werden. Aber wenn man bestimmen könnte, wann ein Posting viral geht, wäre man wahrscheinlich ein reicher Mann. Letztendlich stellen die sozialen Netzwerke keine Zauberformel dar, um die aktuellen Probleme zu lösen.

Wie beispielsweise die Politikverdrossenheit in der Bevölkerung?

Der vermehrte Verdruss in der Bevölkerung und der Vertrauensverlust gegenüber den Parteien werden allein durch die Existenz von Social Media nicht verschwinden. Die politischen Positionen der Parteien werden nicht überzeugender oder glaubwürdiger dadurch, dass sie den Bürgern auf einer neuen Plattform dargestellt werden. Und auch für die Wähler gilt: Wer sich grundsätzlich von der Politik abgewendet hat, wird wohl kaum durch einen Facebook-Beitrag neues Vertrauen gewinnen.

Interview: Nils Oehlschläger

 

Im Gespräch mit wütenden Bürgern und zweifelnden Wählern

Es ist nicht so das Superwetter für Wahlkampf. Grauer Himmel, kurze Böen, Haare von Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten wehen im Wind, wobei: eher von Sozialdemokratinnen. Umständehalber muss der rote Sonnenschirm mit Parteilogo heute geschlossen bleiben. In der Umgebung des SPD-Standes an der Peiner Straße hängen Plakate. „Reichtum besteuern, Armut bekämpfen“, fordert eines, aber das ist von den Linken. Es herrscht sechsspuriger Feierabendverkehr auf der Hildesheimer Straße, Busse und Stadtbahnen bringen Menschen nach Hause, und hier, an den Haltestellen, steigen sie aus. Gelegenheit, mit Leuten ins Gespräch zu kommen. Adolf und Gertrud Göbel arbeiten im Hintergrund und sortieren auf einem Plastiktisch Material, Kugelschreiber, Parkscheiben, Luftballons, Flyer mit Programmatik und Kandidatenlisten. SPD to go, Futter für eilige Passanten.

Es mag das Internet geben und die sozialen Medien, aber die Straße ist der Ort, wo Menschen sich begegnen, seit jeher auch Wähler und Kandidaten. Analoger Wahlkampf ist, wenn man sich ins Auge sieht und erzählt, was man denkt.
Das ist nicht immer erfreulich. Antje Kellner, die Bezirksbürgermeisterin, kann davon berichten. Sie ist schon mit ihrem schwarzen Hut nicht sehr groß, aber als sich vor Kurzem drei Männer mit kahl rasierten Schädeln vor ihr aufbauten, da wurde ihr doch etwas komisch zumute. „Drei Schränke waren das, so groß“, Antje Kellner zeigt eine Höhe an, beim Gespräch musste sie immer hochgucken. Die Männer hatten manches gehört: Flüchtlinge im Stadtteil würden klauen und den Deutschen Wohnungen wegnehmen, Häuser in der Umgebung verlören an Wert, und drüben, die Geschorenen zeigten auf einen Rohbau, kämen noch mehr Asylbewerber hin. Antje Kellner machte „diffuse Ängste“ aus, „eine Stunde habe ich mit denen geredet“, eine bewundernswerte Geduld, und immerhin konnte sie die Männer überzeugen, dass die Reihenhäuser nicht für Flüchtlinge sind. Gertrud Göbel, die schon lange dabei ist, sieht auch in solchen Gesprächen den Sinn von Marktplatzwahlkampf: „Man kann vieles auffangen, was die Leute so sagen.“ Dann steckt sie weiter Stifte und Flyer zu einem sozialdemokratischen Gesamtpaket zusammen. Es muss immer weitergehen.

Fisch und Brot und Wurst und Obst und Grüne und CDU, das ist auf dem Wochenmarkt Ecke Plathnerstraße im Zooviertel das reichhaltige Angebot für die Kundschaft. Die beiden Parteien stehen Luftlinie zwei Meter voneinander entfernt, die Grünen verteilen Sonnenblumen, die CDU Kugelschreiber, Luftballons, Taschentücher, Deutschlandfahnen und Flugblätter mit Programmatik und Kandidatenlisten. Christoph-Justus Loskant, Unionsbewerber für ein Regionsmandat, ist eher ein Offensiv-auf-die Leute-Zugeher. Teile seines Wahlkampfes verbringt er damit, zu erklären, was es mit den drei Stimmen auf dem Wahlzettel auf sich hat. Norbert Gast, grüner Kandidat für den Stadtrat, ist eher der zurückhaltende Typ. Er sagt, er müsse viel erklären, wer in Stadt und Region überhaupt für was zuständig ist. Beide betreiben hier am Stand gegenüber vom Markt auch ein wenig kommunale politische Aufklärung. Nicht die Stadt holt den Müll ab, sondern die Region. Aha, mancher Wähler lernt was dazu. Später geht Loskant zu Gast rüber und rechnet ihm frohen Mutes die Chancen für einen Machtwechsel in der Region vor, die SPD wäre dann weg vom Fenster, Norbert Gast hört sich das an und schweigt beredt. Aber auf der Straße sein, darum geht es. Gast sagt: „Bei Facebook, da ist man doch nur in seiner eigenen Blase.“ Loskant, der sich drei Stunden freigenommen hat in seiner Kanzlei, sagt, er habe gar keine Zeit, regelmäßig eine Internetseite zu pflegen.

Unterdessen hört Christa Albrecht am CDU-Stand seit einer Dreiviertelstunde zu, wie ein Mann mit Kleinkind auf dem Arm seine Lebensgeschichte erklärt, mit dem Zusatz allerdings, dass er die Union immer weniger für eine christliche Partei hält. Frau Albrecht hält dagegen. Am Ende sagt der Mann, er überlege, was er mit seiner Stimme am 11. September macht, vielleicht doch CDU. Es könnte für die Straßenwahlkämpferin Albrecht ein später Erfolg dieses Tages sein.

Von Gunnar Menkens

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