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Aus der Stadt Konflikt um Boehringer hat ersten Höhepunkt erreicht
Hannover Aus der Stadt Konflikt um Boehringer hat ersten Höhepunkt erreicht
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16:41 07.11.2009
Von Gunnar Menkens
Argumente gegen Boehringer: Eckhard David (von links), Karl-Heinz Krause und Klaus Neudahm. Quelle: Rainer Surrey
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„Emotionale Antipathien“, sagt Rechtsanwalt Eckhard David ganz sachlich, dürften keine Rolle spielen. Der Jurist steht an einem Tisch, hinter ihm hängt das Logo der Bürgerinitiative, deren Interessen er vertritt. Wer das Forschungszentrum des Boehringer-Konzerns in Kirchrode auf juristischem Weg stoppen wolle, das habe er der Bürgerinitiative gleich erklärt, der müsse den wissenschaftlich-fachlichen Nachweis führen, dass Genehmigungen für den Bau nicht das Ergebnis rechtmäßiger Planung seien. Diesen Nachweis hält die Bürgerinitiative endlich für gelungen, seit das von ihr beauftragte Gutachten vorliegt. „Das Gutachten, das uns immer verweigert wurde“, sagt Initiativensprecher Klaus Neudahm im Wintergarten seines Restaurants „Alte Hahnenburg“. Am Ende der Präsentation reicht er Wurstbrötchen.

Natürlich kommt die 38 Seiten umfassende Arbeit des Sachverständigen Karl-Heinz Krause zum Ergebnis, dass Boehringer nicht in direkter Nähe von Wohnungen an Krankheitserregern forschen dürfe. Neudahm hätte sonst kaum zur Pressekonferenz gebeten. Die Inititative hofft auf die Kraft guter Argumente, aber auch auf Krauses Reputation als öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger. Potenzielle Gegner sind ja nicht allein Stadt, Region, Gewerbeaufsichtsamt und Boehringer, mit Krauses Papier wird Rechtsanwalt David notfalls vor Gericht gegen den renommierten TÜV Nord argumentieren, der dem Standort in Kirchrode bereits die Unbedenklichkeit bescheinigte. Man will, wie David sagte, „auf Augenhöhe“ antreten.

Gutachter Krause, das wird schnell deutlich, kann sehr, sehr viel erzählen über sein Fachgebiet. Seine Ergebnisse über das Forschungszentrum sagen, dass der Pharmakonzern nicht wie geplant in Kirchrode forschen darf. Entscheidende Größe sei, dass Boehringer im Versuchsstall an der Bemeroder Straße 200 so genannte Großvieheinheiten halten darf, was in echten Tieren rund 1500 Mastschweine bedeute. Bei dieser Größenordnung aber müsse das Forschungszentrum mindestens 287 Meter von der nächsten Wohnbebaung entfernt sein, um Geruchsbelästigungen zu vermeiden. Er beruft sich auf eine Richtlinie des Verbandes deutscher Ingenieure. Die benachbarte Lebenshilfe für Behinderte liegt praktisch direkt gegenüber und wird Krause zufolge „mit Geruchseinwirkungen überzogen“, die zum Teil über zulässigen Grenzwerten lägen. Wer so viel Tiere auf einem Fleck hält, muss laut Krause auch damit rechnen, dass geschätzte vier bis fünf Tonnen Ammoniak an die Luft gelangen – zum Schaden des Ökosystems Eilenriede, wo bereits jetzt Grenzwerte deutlich überschritten seien. Mindestens 418 Meter, so stehe es in der Technischen Anleitung Luft, müsse der Abstand zwischen Bau und Stadtwald sowie nahen Kleingärten betragen. Krause findet, dies Problem werde „verniedlicht“.

Die größten Sorgen aber machen sich Anwohner wohl um mögliche Gesundheitsgefährdungen. Zu Recht, wenn man Anwalt David hört. Keime, Viren und Bakterien könnten an feinsten Staubpartikeln haften bleiben, trotz Filter ins Freie gelangen und bis zu neun Kilometern weit ins Land hineintreiben. „Ein nach oben offenes Risikopotenzial.“ Weil es für diese Mikroteile weder Abstands- noch Grenzwerte gebe und Gefahren im Interesse der Menschen zu vermeiden seien, darf nach Ansicht von David wohnortnah nicht mit Erregern experimentiert werden.

Mit dem Gutachten im Rücken fühlt es sich für die Bürgerinitiative nun nach Waffengleichheit an. Krauses Arbeit ist das erste Papier in der kontroversen 
Boehringerdebatte, das Argumente gegen die Ansiedlung findet. Auf einer für diesen Sonnabend in Hannovers Innenstadt geplanten Demonstration dürften sie schon zu hören sein. Sprecher von Unternehmen und Stadtverwaltung wollten das Sachverständigenurteil gestern nicht kommentieren. Für den Konzern verwies Heidrun Thoma auf vorliegende Gutachten: „Sie halten die Anlage am geplanten Standort für genehmigungsfähig, auch, was Abstände und Emissionen betrifft.“

Der TÜV Nord dürfte damit zum Kronzeugen für die 40 Millionen Euro teure Ansiedlung werden. Der Verein stellte fest, dass selbst bei einem mit Schweinen und Rindern voll besetzten Stall keine Gerüche in die Umgebung dringen würden, sie lägen „an der Grenze der Wahrnehmbarkeit“. Der Grenzwert für Ammoniak werde sogar „bei Weitem“ unterschritten“. Argumente, mit denen die Stadt auch eine Vielzahl der 1101 Einwände ablehnte, die während des Genehmigungsverfahrens besonders aus Kirchrode und Umgebung abgegeben wurden. Eine von Boehringer bezahlte Studie bescheinigte die Sicherheit der Anlage.

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