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Aus der Stadt Kooperation von Schulen: „Neustädter Modell“ erhält Auszeichnung
Hannover Aus der Stadt Kooperation von Schulen: „Neustädter Modell“ erhält Auszeichnung
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20:31 13.05.2010
Von Bärbel Hilbig
Realschüler als Mechatroniker: Henry und Enrico (von links) führen Lehrerin Martina Klenke und Kultusminister Bernd Althusmann ihre selbst gebaute Presse vor. Quelle: Martin Steiner
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Das Innere des Schaltkastens sieht für Laien respekteinflößend aus. Unzählige kleine Kabel kreuzen sich, verlaufen zu Schaltern und verbinden den Schaltschrank schließlich mit einer außen liegenden Presse, die durch die Steuerungstechnik in dem Kasten in Gang gesetzt wird.

Den beiden Realschülern Enrico di Stefano und Henry Mundhenke ist der Aufbau bestens vertraut: Sie haben das Ganze in zwei Schuljahren zusammengebaut. „Aber am Anfang haben wir alle gedacht: ,Oh Gott, das schaffen wir nie!’“, erinnert sich Enrico. Die beiden 16-Jährigen stehen kurz vor dem Realschulabschluss. Doch gleichzeitig haben sie mit ihrem Schaltkasten bereits alle Inhalte des ersten Ausbildungsjahres für Mechatroniker gelernt.

Denn ihre Schule, die Kooperative Gesamtschule Neustadt, hat ihren Unterricht mit der Berufsbildenden Schule Neustadt eng verzahnt. Dafür dürfen beide Schulen sich seit Donnerstag „Ausgewählter Ort 2010“ im bundesweiten Innovationswettbewerb „Deutschland – Land der Ideen“ nennen. Die beiden Schulleiter sind über die erneute Auszeichnung angemessen stolz, doch vor allem freuen sie sich über den Nutzen der Zusammenarbeit für ihre Schüler.

2004 haben sie ihr „Neustädter Modell“ zunächst für die Hauptschüler der KGS gestartet. Die Jugendlichen gehen in der neunten und zehnten Klasse zwei Tage pro Woche in die Berufsschule, lernen dort Grundzüge des Konditor-, Friseur-, Maler- oder Metallhandwerks. Seit 2007 gibt es für Realschüler der KGS außerdem eine Mechatronikerklasse. „Disziplinprobleme gibt es so gut wie keine. Die Schüler entwickeln Selbstbewusstsein, sie sind belastbar, fehlen kaum noch“, berichtet Bernhard Marsch, Leiter der BBS Neustadt. Den verbreiteten Klagen der Betriebe über eine mangelnde Ausbildungsreife der Schulabgänger nehmen sie in Neustadt den Wind aus den Segeln.

In den vergangenen drei Jahren haben alle Hauptschüler die Schule mit einem Abschluss verlassen, rund 45 Prozent sogar mit dem Realschulabschluss. Dieses Mal haben 55 Prozent bereits einen Lehrvertrag in der Tasche, der Wert lag in einem anderen Jahr sogar bei 68 Prozent. „Das ist etwas Besonderes“, lobte Kultusminister Bernd Althusmann bei der feierlichen Preisverleihung am Mittwoch, und fügte gleich an, „und es müsste etwas Selbstverständliches sein.“

Die Lehrer an beiden Schulen hatten am Anfang genau überlegt, was sie im Stundenplan der Hauptschule streichen können, weil es an der Berufsschule unterrichtet wird. „Es ist verrückt. Wir haben unseren Unterricht gekürzt und die Lernergebnisse haben sich verbessert“, sagt Herwig Dowerk, Leiter der KGS Neustadt. Doch Dowerk weiß natürlich genau, was seine Schüler so packt: Sie merken plötzlich, wofür sie lernen.

So erging es auch Enrico und Henry, die für ihren Schaltschrank Metallplatten schnitten und zusammenbauten, viele Kabel verlegten und den Schaltbetrieb programmierten. „Vorher haben viele von uns gedacht, Mathe bräuchten wir später nicht mehr“, sagt Enrico, der inzwischen das Fachabitur anvisiert. Henry wird eine Ausbildung zum Industriemechaniker beginnen. „Das Projekt spornt an, die Schule weiterzumachen und für einen guten Abschluss zu lernen“, sagt er. Enrico geht allerdings davon aus, dass der Nutzen für Schüler begrenzt ist, wenn ihnen das angebotene Berufsfeld nicht liegt. Doch KGS-Lehrerin Martina Klenke lässt das nicht gelten. Die praktischen Erfahrungen und die Teamarbeit seien für das Selbstbewusstsein ihrer Hauptschüler äußerst wertvoll. Auch weil der Zwei-Jahres-Plan vorher feststeht und dem ersten Lehrjahr entspricht, wollen die Schüler nichts verpassen. Die Betriebe erlassen den KGS-Schülern zwar kein Ausbildungsjahr. „Manche haben aber gemerkt, wie gut unsere Hauptschüler sind und verkürzen die Ausbildung dann doch“, sagt Dowerk. Das sei aber nie Hauptziel des Projekts gewesen.

Der Kultusminister erzählt, inzwischen habe ein regelrechter Bildungstourismus nach Neustadt eingesetzt. KGS-Leiter Dowerk kann das sogar genau beziffern: Im vergangene Jahr kamen mehr als 400 Lehrer und Bildungspolitiker. In Niedersachsen und selbst in Süddeutschland ahmen Schulen die Neustädter nach. „In Hessen gibt es Bestrebungen, das Projekt in ein Gesetz zu gießen“, sagt Dowerk. Kürzlich durften die beiden Schulleiter ihr Erfolgsmodell sogar in Brüssel vorstellen.

Die Region lässt sich das Modell jährlich 13.000 Euro kosten. „Wir haben es uns in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland erlaubt, Jugendliche ohne Schulabschluss quasi vorzeitig in Rente zu schicken“, sagte Ulf-Birger Franz, Schuldezernent der Region. Projekte für Jugendliche ohne Abschluss oder ohne Lehrstelle würden jährlich bundesweit Milliarden verschlingen, sagte Dowerk.

In Neustadt gehen sie ihren Weg weiter: 2011 wollen sich sechs weitere Hauptschulen der Kooperation anschließen.

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