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Krankenkasse auf Türkisch

Integrationshilfe Krankenkasse auf Türkisch

Das Ethno-Medizinische Zentrum lotst Migranten durch das Gesundheitssystem – sein Geschäftsführer bekommt nun das Bundesverdienstkreuz.

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Ihrem Rat vertrauen die Besucherinnen des Gesundheitskurses: Ömür Türk (hinten links) klärt über das deutsche Gesundheitssystem auf.

Quelle: Chris Finn

Der Weg zur Moschee am Weidendamm liegt etwas versteckt. Ömür Türk tritt durch das Eisentor, geht vorbei an dem Parkplatz und an den Kisten mit türkischen Lebensmitteln, die Treppe hinunter in einen Veranstaltungsraum, in dem es ein bisschen nach Schwimmbad riecht.

Während oben in der Moschee gebetet wird, sitzen unten etwa 20 türkische Frauen und warten auf ihre Unterrichtsstunde zur „Seelischen Gesundheit“. Türk, selbst gebürtige Türkin, arbeitet als Mediatorin für das Ethno-Medizinische Zentrum (EMZ) in Hannover und hilft im Projekt „Mit Migranten für Migranten“ (MiMi) ihren Landsleuten, sich im deutschen Gesundheitssystem zurechtzufinden. Sie erklärt geduldig, was genau die Krankenkasse bezahlt und welcher Facharzt bei Depressionen helfen kann.

Dabei redet die 40-Jährige nicht auf Deutsch mit den Frauen, sondern in ihrer Muttersprache, Türkisch. Es ist lebhaft, so wie es eben ist, wenn viele Frauen aufeinander treffen. Es wird Tee gereicht und die Kinder toben im Hintergrund mit Fußbällen durch den kargen Raum, während Ömür Türk erklärt, welche zahnärztlichen Vorsorgeuntersuchungen jedem Krankenkassenmitglied zustehen. „Ihr könnt zweimal im Jahr zur Untersuchung gehen“, sagt sie.

Es geht um vieles an diesem Vormittag: Wie man mit Depressionen umgeht, wer helfen kann, wenn das Kind hyperaktiv ist, oder woran man bei jungen Mädchen eine Essstörung erkennen kann. Türk ist heute die einzige Frau ohne Kopftuch, viele der Teilnehmer des Seminars können kaum Deutsch, manche weder lesen noch schreiben. Sie werden von ihren Töchtern und Nichten begleitet, die auch sonst bei Arztbesuchen und Behördengängen dabei sind.

„Seit ich klein bin, gehe ich mit meinen Eltern zum Arzt, um zu übersetzen“, erzählt Selma Gürbüz und hofft, dass die Informationen des EMZ ihrer Mutter helfen, sich in Gesundheitsfragen auch allein zurechtzufinden. „Wir haben es ja einfach und können uns im Internet informieren, die meisten Frauen hier können das wegen der Sprache nicht“, fügt die 33-jährige Aysel Cinar hinzu.

Das Konzept, die Migranten in ihrer Landessprache über Gesundheitsthemen zu informieren und sie in ihrer vertrauten Umgebung abzuholen, hat Erfolg. So großen, dass das EMZ aus Hannover und sein Gründer und Geschäftsführer Ramazan Salman die Idee inzwischen in zehn Bundesländer exportiert hat. Seit 20 Jahren vermittelt das Zentrum in der Königstraße zwischen den Kulturen, seitdem wurden 20.000 Migranten im Bereich Gesundheit von etwa 800 ausgebildeten Mediatoren aus 69 Herkunftsländern in ihrer Landessprache aufgeklärt. „Es geht darum, die Migranten in das bestehende Gesundheitssystem zu integrieren“, sagt Salman

Es seien manchmal profane Situationen, an die der gebürtige Türke denkt, wenn er davon spricht, dass es in Deutschland im Gesundheitsbereich noch an Verständnis für Migranten mangelt. Er denke daran, dass zur Geburt eines Kindes bei Muslimen gleich die ganze Familie im Krankenzimmer sitzt, weil „sie überzeugt sind, dass die ganze Familie ein Kind kriegt“. Schickt das Klinikpersonal die Angehörigen nach Hause, könnte das sogar gesundheitliche Konsequenzen für die Schwangere haben, sagt der Medizinsoziologe.

Um Verständigungs- und Vertrauensprobleme abzubauen, vermittelt das EMZ zwischen Migranten und dem deutschen Gesundheitspersonal, bietet Informationsveranstaltungen und Broschüren in verschiedenen Sprachen an, beteiligt sich an Forschungsprojekten und stellt Dolmetscher. Etwa 180 speziell medizinisch geschulte Dolmetscher für 50 Sprachen und Dialekte kann das EMZ in Kliniken, Asyl- und Flüchtlingseinrichtungen und Beratungsstellen einsetzen.

Shahram Jennati Lakeh ist einer von ihnen. Der Iraner, der auch den afghanischen Dialekt Dari spricht, übersetzt im Auftrag des Ethno-Zentrums vorwiegend in psychiatrischen Einrichtungen. „Es sind manchmal erschütternde Schicksale. Menschen die in ihrer Heimat misshandelt, gesteinigt und verfolgt wurden“, erzählt er. Lakeh vermittelt dann sprachlich zwischen dem Patienten und dem Therapeuten. „Da braucht man auch kulturelles Fingerspitzengefühl.“

Doch die Finanzierung ist schwierig: Zwar arbeiten die EMZ-Dolmetscher lediglich für eine Aufwandsentschädigung, doch die Kosten müssen von den ohnehin finanziell nicht gut aufgestellten Kliniken oder Sozialeinrichtungen bezahlt werden. Und auch die niedergelassenen Ärzte haben wenig finanziellen Spielraum für diesen kostenpflichtigen Extraservice.

Die Stadt Hannover plant zurzeit, den Dolmetscherservice finanziell zu unterstützen, um die Übersetzer besser einsetzen zu können. Grundsätzlich wird das EMZ mit etwa 280.000 Euro jährlich an Förderungen vom Land Niedersachsen bedacht, hinzu kommen Gelder der EU und Krankenkassen.

Die Gesundheitsnachhilfe am Weidendamm ist für die türkischen Frauen kostenlos. Nach der Stunde wird Ömür Türk belagert und gibt noch Tipps für den Arztbesuch. Sie spricht immer noch türkisch, nur das Wort „Krankenkasse“ übersetzt sie nicht. „Das lässt sich nicht so gut auf türkisch sagen.“

Der Kulturvermittler

Ramazan Salman, Geschäftsführer und einer der Gründer des Ethno-Medizinischen Zentrums (EMZ), ist ein Beispiel gelungener Integration – und mag das doch nicht mehr so recht hören.

Zu oft haben Journalisten betont, dass er in den sechziger Jahren mit seiner Familie einer der ersten türkischen Migranten in Hannover war und schon als kleiner Junge so gut Deutsch sprach, dass er Dolmetscher für Familie, Nachbarn und Freunde wurde – und zu oft lobten ihn Politiker dafür, dass er aus seinen persönlichen Erfahrungen ein Konzept mit großem Erfolg entwickelt hat.

Nachdem der 49-Jährige im vergangenen Dezember bereits den Preis als Sozialunternehmer des Jahres bekommen hat, wird dem ehemaligen Tellkampfschüler am Montag im Kanzleramt in Berlin nun das Bundesverdienstkreuz verliehen.

„Das ist wirklich eine persönliche Auszeichnung“, sagt der studierte Medizinsoziologe dann doch ein wenig stolz. Seit Jahrzehnten kämpft der Türke für die Vermittlung zwischen den verschiedenen Kulturen. Er wolle keine Parallelwelten, sagt er, kein „die Migranten hier, die Deutschen dort“.

Sein Engagement geht über das Ethno-Medizinische Zentrum hinaus: Er beteiligt sich an Forschungsprojekten und ist als Integrationsexperte in verschiedenen Gremien tätig, arbeitet in der Integrationskommission im niedersächsischen Landtag und auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hat ihn schon zum Integrationsgipfel nach Berlin eingeladen.

Ob die Kanzlerin selbst am Montag auch das Bundesverdienstkreuz überreichen wird, steht noch nicht fest. „Ach, das ist auch nicht so wichtig“, sagt er.

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