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Kreißsäle dicht – weil Hebammen fehlen

Personalengpass Kreißsäle dicht – weil Hebammen fehlen

Der Engpass in der Geburtshilfe in der Region Hannover ist dramatischer als bislang bekannt. Das Henriettenstift, eines von zwei Geburtshilfekrankenhäusern des Diakovere-Verbundes, musste am Wochenende wegen eines Personalengpasses bei den Hebammen an beiden Tagen jeweils von etwa 14 bis 21.30 Uhr seine Kreißsäle schließen.

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„Fünf kurzfristige Krankmeldungen“: Wie die Geburtshilfe des Henriettenstifts in Kirchrode suchen mehrere Kliniken dringend Hebammen. Archivfoto: Steiner

Quelle: Martin Steiner/Archiv

Hannover. Grund waren nach Angaben von Unternehmenssprecher Achim Balkhoff „fünf kurzfristige Krankmeldungen“. Man habe in dieser Zeit die Geburtshilfe auf das Friederikenstift konzentriert.

Das Henriettenstift ist aber keine normale Geburtsklinik wie das Friederikenstift (Level 4), sondern ein Perinatalzentrum mit dem Prädikat Level 1: eine wesentlich höher zertifizierte Schwerpunktklinik zur Versorgung von Neu- und Frühgeborenen. Dass kleinere Geburtskliniken in Niedersachsen wegen Personalmangels bei Hebammen nur tagsüber geöffnet seien, habe sie schon gehört, auch bundesweit gebe es das, sagte Veronika Bujny, Vorsitzende des Niedersächsischen Hebammenverbandes Montag. Dass eine niedersächsische Level-1-Klinik Kreißsäle nicht mit Hebammen besetzen könne, sei neu: „Das ist ein richtiger Notstand.“ Beim Diakovere-Verbund räumte man zudem ein, dass eine Level-1-Klinik eigentlich verpflichtet sei, eine Hebamme vor Ort und eine zweite in Notbereitschaft vorzuhalten. Man habe dies erstmals nicht gewährleisten können.

Für Frauen mit Risikoschwangerschaften kam am Wochenende erschwerend hinzu, dass auch die zweite Level- 1-Geburtsklinik Hannovers, die MHH, Frauen abweisen musste. Grund hierfür sei gewesen, dass die zehn Intensivbehandlungsplätze auf der Frühchenstation belegt gewesen seien, sagte ein Sprecher Montag. Ein Intensivbehandlungs- platz sei aber zwingend nötig, um eine Frau mit Risikogeburt aufzunehmen.

Gitta Scholz, Kreissprecherin des Hebammenverbandes für die Region Hannover, kritisierte, dass seit der Schließung der Geburtshilfe im Nordstadtkrankenhaus im Mai 2015 kein Konzept entwickelt worden sei, um die Lücke in der Versorgung schwangerer Frauen zu schließen. Beziehe man auch die Schließung der Geburtshilfe in der Paracelsusklinik in Langenhagen 2013 mit ein, müssten die verbliebenen Geburtskliniken in Hannover eine Mehrbelastung von fast 2000 Geburten kompensieren. Für die Hebammen bedeute das eine extreme Verdichtung der Arbeitsbelastung. Sie müssten bis zu fünf Schwangere gleichzeitig betreuen, könnten Überstunden nicht nehmen, würden schlecht bezahlt. Folge sei eine große Fluktuation in den Krankenhäusern, in vielen Kreißsälen gebe es offene Stellen.

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Braucht Hannover ein neues Konzept für die Versorgung von Schwangeren?

Dies ist auch im Henriettenstift der Fall. Das Problem habe aber nicht nur der Diakovere-Verbund, sagte Sprecher Balkhoff. Man stelle laufend neue Hebammen ein, allein 2016 seien es fünf gewesen. Man gehe, weil der Markt für Hebammen in Deutschland leer gefegt sei, neue Wege, habe Personalanzeigen in Tschechien, Österreich und Italien geschaltet. Fünf neue Hebammen habe man in Rom gefunden, sie würden zurzeit mit Deutsch-Intensivkursen auf die Arbeit vorbereitet.

Das Henriettenstift habe sich für die Fehlzeiten komplett bei der Rettungsleitstelle abgemeldet, hieß es. Zwei Schwangere, die spontan in die Klinik gekommen waren, um zu entbinden, habe man ins Friederikenstift geschickt. Eine Frau, bei der eine Frühgeburt drohte und die mit einer aktuellen Blutung vor der Tür stand, habe im Perinatalzentrum mithilfe einer Kinderkrankenschwester entbunden. Diese habe allerdings keinerlei Ausbildung in der Geburtshilfe, deshalb sei gesetzlich geregelt, dass bei jeder Geburt eine Hebamme anwesend sein müsse, sagte Hebammensprecherin Gitta Scholz Montag.

Von Jutta Rinas, Jörn Kießler und Tobias Morchner

Wie sieht es in anderen Kliniken aus?

Der bundesweite Mangel an Hebammen wirkt sich in den Kliniken in der Region offenbar sehr unterschiedlich aus:
 An der MHH beispielsweise heißt es, in der Geburtsklinik seien pro Schicht immer mindestens drei bis vier Hebammen anwesend. Ein Problem bei der Stellenbesetzung gebe es auch nicht. Man habe 28 Hebammen im Team, dazu zwei Beleghebammen.


Auch im Regionsklinikum hat man nach Angaben von Sprecher Bernhard Koch noch keine Kreißsäle wegen Personalmangels bei den Hebammen schließen müssen. In der Klinik in Großburgwedel seien derzeit keine Stellen offen, in Neustadt und Gehrden werde aber jeweils eine Hebamme gesucht. Es gebe Bewerbungen, aber die angespannte Situation auf dem Markt für Hebammen sei bemerkbar.


Im Vinzenzkrankenhaus ist es nach Angaben von Sprecher Florian Grewe zu Engpässen gekommen. Rund ein Dutzend Mal seien die Kreißsäle im vergangenen Jahr wegen „krankheitsbedingter Ausfälle“ abgemeldet worden. Im Jahr 2016 sei dies aber noch nicht vorgekommen.

jr

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Engpass bei der Geburtshilfe
Foto: Personalmangel führt an der Geburtsklinik im Henriettenstift zu unterbesetzten Schichten – und auch zur Schließung.

Der Engpass in der Geburtshilfe im Henriettenstift ist offenbar noch weitaus dramatischer als bislang bekannt. So war die Schließung der Kreißsäle wegen eines personellen Notstandes bei den Hebammen Anfang Juni kein Einzelfall. Ende August gab es eine weitere Schicht, in der die Kreißsäle geschlossen blieben.

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