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Kritik am Kahlschlag am Kanal

Gehölzschnitt Kritik am Kahlschlag am Kanal

Ein massiver Gehölzschnitt am Mittellandkanal durch die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung bleibt offenbar ohne Konsequenzen. Am Kanal sieht es nun an vielen Stellen kahl und trostlos aus. Die Kritik an dem Vorgehen ist bisher verpufft.

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Am Mittellandkanal zwischen Hebbelstrasse und Sahlkamp wurde etliche Bäume radikal beschnitten.

Quelle: Tim Schaarschmidt

Hannover. Vom kräftigen Grün ist nichts geblieben - trist und grau wirken die Ufer des hannoverschen Mittellandkanals, auf etwa 20 Kilometern sind Bäume und Büsche abrasiert. Zahlreiche Spaziergänger, Anlieger und Naturschützer sind entsetzt vom Kahlschlag. Das Umweltamt der Stadt will die Schäden erfassen, die Region fordert Nachpflanzungen - doch bei der zuständigen Wasser- und Schifffahrtsverwaltung (WSV) nimmt man das Thema sehr gelassen.

„Vom Lister Damm bis zur Noltemeyerbrücke ist die Natur am Mittellandkanal komplett plattgemacht worden“, ärgert sich Christopher Steiner. Der Grünen-Politiker im Bezirksrat Bothfeld-Vahrenheide ist verärgert und ratlos. Er könne nicht nachvollziehen, warum die WSV die ufernahe Bepflanzung bis auf die Wurzeln entfernt hat. „Es gibt ein trostloses Bild ab, jede Form von Unterschlupf für Tiere kann man vergessen“, sagt Steiner.

Viele Naturschützer, Anwohner und seine Kollegen aus dem Bezirksrat sind aufgebracht. „In den letzten Jahren wird zu meinem Entsetzen alles sehr rücksichtslos und grob kahl geschlagen“, sagt Anwohnerin Kordula Kulawig. Birgit Christiansen aus dem Sahlkamp findet noch deutlichere Worte: „Die Natur ist unsachgemäß abgemetzelt worden, die Maßnahme war total sinnlos.“

Die WSV hatte am gesamten Mittellandkanal in Hannover sogenannte Gehölzpflegearbeiten durchgeführt, um ihre Betriebswege und die Wasserstraße frei zu halten. Mehrere Anwohner mutmaßen, dass die WSV dabei gegen die Baumschutzsatzung der Stadt verstoßen hat. Auch der Bezirksrat Bothfeld-Vahrenheide wunderte sich darüber, dass die WSV keine Genehmigung für die Fällungen vorweisen musste, und forderte eine Überprüfung durch die Stadt. „Die betroffenen Bäume fallen nicht unter die Baumschutzsatzung“, sagt jetzt aber Stadtsprecher Dennis Dix.

Zur Gehölzpflege rücken die Landschaftsgärtner der WSV immer im Herbst und Winter an - diesmal auch mit schwerem Gerät und großen Baggern. Entsprechend sehen die Ergebnisse aus. Die Schifffahrtsverwaltung hält den Gehölzschnitt aber für angemessen. Brombeeren und Neophyten, also nicht heimische Pflanzen, hätten den vorhandenen Bewuchs aus Hecken und Sträuchern bedroht.

„Einzelne Neophyten werden massiv zurückgeschnitten, um ihre schädliche Ausbreitung zu unterdrücken“, sagt Torsten Wenig von der WSV-Außenstelle in Seelze, die für Hannover zuständig ist. Der Befall mit Brombeeren habe „eine bodentiefe Einkürzung erforderlich gemacht“. Im Klartext: Bis auf die Wurzeln musste alles weggemäht werden.

„Das ist Quatsch“, sagen Anwohner und Naturschützer. Sie halten den Verweis auf Neophyten und Brombeerbewuchs für eine Schutzbehauptung der Behörde, um den Kahlschlag zu rechtfertigen. „Auch von der WSV nach der Kanalverbreiterung gepflanzte Sträucher wie Flieder, der schon 15 Jahre vor unserer Tür stand, wurden komplett bis auf Erdbodenhöhe zerstört“, sagt Anwohner Gerhard K., der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchten.

Die Untere Naturschutzbehörde der Region hat bereits Nachpflanzungen gefordert. „Denn es sind auch Pflanzungen betroffen, die die Eingriffe durch den Kanalausbau in den Neunzigerjahren ausgleichen sollen“, sagt Sprecher Klaus Abelmann. Diese Ausgleichspflanzungen gehören quasi zur Bauerlaubnis für den Kanal und dürfen nicht einfach gerodet werden. Die Naturschutzbehörde fordert die WSV auf, „so schnell wie möglich“ zu Handeln. Dort sieht man aber offenbar keine Eile. „Es ist vorgesehen, eine Pflanzung im Herbst auszuführen“, sagt WSV-Mitarbeiter Wenig. Wie groß das ganze Ausmaß der Naturzerstörung ist, bleibt offen. Naturschutzbehörde, WSV sowie der städtische Fachbereich Umwelt hätten sich zwar gemeinsam einen Überblick verschafft. „Genaue Zahlen liegen aber nicht vor“, sagt Abelmann.

Nachdem die Region der WSV anfangs noch mit einer gestrengen E-Mail auf die Finger klopfte, schlägt sie nun sanftere Töne an. „Grundsätzlich wollen sich WSV und Untere Naturschutzbehörde in weiteren Gesprächen über die Standards von Unterhaltungsmaßnahmen am Kanal intensiver abstimmen“, sagt Abelmann.

Vonseiten der Unteren Naturschutzbehörde muss die WSV offenbar keine weiteren Konsequenzen befürchten. Auch die Stadt sieht keine Handhabe gegen die Schifffahrtsverwaltung. „Die Vorwürfe wurden bereits bei einem Außentermin von einer Mitarbeiterin des Baumschutzteams geprüft“, sagt Sprecher Dix. Die radikal zurückgeschnittenen Bäume hätten an der Böschung gestanden. „Dieser Bereich unterliegt bundesgesetzlichen Regelungen, hier sind Maßnahmen zulässig, die der Sicherstellung des Schiffsverkehrs dienen.“ Weitere Vorwürfe könne die Stadt nicht mehr überprüfen. „Bei den betroffenen Sträuchern oberhalb des Böschungsbereichs war die ehemalige Höhe leider nicht mehr feststellbar“, sagt Dix.

Baumschutzsatzung greift nicht immer

Die Baumschutzsatzung der Stadt Hannover sorgt immer wieder für Streit. In der Regel, weil baumfällende Bürger die Regelungen als Repressalien empfinden. Manchmal haben die Hannoveraner aber auch das Gefühl, dass die Stadt bei der Durchsetzung mit zweierlei Maß misst. Zu den größten Kritikern gehören die Kleingärtner sowie die Ratsopposition, bestehend aus CDU und FDP.Grob gesagt will die Satzung verhindern, dass gesunde Bäume und Sträucher willkürlich gestutzt und abgesägt werden. Als schützenswerte Pflanzen gelten alle Bäume mit einem Stammumfang von mehr als 60 Zentimetern (gemessen auf einer Höhe von einem Meter über dem Boden) und zudem alle Sträucher, die mehr als drei Meter hoch sind. Seit der jüngsten Satzungsänderung zum Jahresbeginn ist es auch verboten, gesunde Äste von mehr als zehn Zentimetern Durchmesser abzusägen. Neben vielen Verboten kennt die Baumschutzsatzung aber auch zahlreiche Ausnahmen und Befreiungen.

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Ausgleich für Kanalerweiterung

Das Bundesnaturschutzgesetz erlaubt Eingriffe in Natur und Landschaft nur in Ausnahmefällen. Als das Wasser- und Schifffahrtsamt in den Neunzigerjahren den Mittellandkanal in Hannover verbreiterte, wurde die Behörde deswegen zu Ausgleichsmaßnahmen verpflichtet. Obwohl das Bundesamt einen „Kanalausbau im Einklang mit der Natur“ versprach, musste sie im Rahmen der Kanalerweiterung zwölf Ersatzflächen schaffen. In diesen Bereichen wurde die Natur durch zahlreiche Neupflanzungen aufgewertet. „Diese Pflanzungen sind Bestandteil der Baugenehmigung“, sagt Regionssprecher Klaus Abelmann, „das Wasser- und Schifffahrtsamt hat die Verpflichtung, sie dauerhaft zu erhalten.“ Der Ausbau des Mittellandkanals in Hannover erfolgte in den Jahren 1995 bis 1999 als Teil des Verkehrsprojekts Deutsche Einheit Nummer 17. Aus Angst vor dem Verlust ihrer Biotope hatte sich die Stadt Hannover zunächst gegen den Ausbau gewährt. Später wurde er unter dem Strich als Gewinn betrachtet.

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