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Aus der Stadt Kröpcke wird heute nach Umbau eröffnet
Hannover Aus der Stadt Kröpcke wird heute nach Umbau eröffnet
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06:15 12.11.2012
Von Bernd Haase
Nach mehr als zwei Jahren Umbauphase strahlt jetzt der vordere Teil des neuen  Kröpcke-Center. Peek & Coppenburg hat einen Tag früher als geplant Teileröffnung gefeiert. Quelle: Rainer Surrey
Hannover

Die Straßenarbeiter, die vor dem Magis-Haus die letzten Steine des neuen Kröpcke-Pflasters in die Lücken drücken, tragen dicke Rollis mit hochgezogenem Kragen. Wind pfeift über den Platz, man weiß nicht so genau, ob die Nässe, die er mit sich bringt, noch Luftfeuchtigkeit oder schon Sprühregen ist. Der Bratwurstmann, der hier sonst steht, ist nicht zu sehen, auch die Schmuckverkäufer mit ihren Bauchläden haben sich verdrückt. Passanten hasten über den Kröpcke, als müssten sie dringend irgendwo an seinen Rändern Deckung suchen. An solchen Tagen ist der Kröpcke ein unwirtlicher Ort und nicht viel mehr als eine Drehscheibe für den Fußgängerverkehr in der City.

Es ist noch gar nicht so lange her, da waren die Terrassenplätze vom Café Mövenpick bis in den Abend hinein voll besetzt. Straßenmusiker und Straßenhändler versuchten ihr Glück, eigentlich warb immer irgendjemand für irgendwas oder demonstrierte gegen etwas anderes. Man sah Menschen, die sich an der Kröpcke-Uhr zur Begrüßung in die Arme fallen, andere, die in Gruppen beieinanderstehen, um zu schwatzen, Getränkeflaschen kreisen zu lassen, Musik zu hören oder einfach, um nichts weiter zu tun. An solchen Tagen ist der Kröpcke das, was ein Platz nach städtebaulicher Definition sein soll – ein Ort des Repräsentierens, der Begegnung und der Kommunikation, des Sehens und Gesehenwerdens.

„Der Kröpcke ist beides, Begegnungsort und Fußgängerdrehscheibe“, sagt Bauhistoriker Sid Auffarth. Welches Element stärker zum Tragen kommt, hängt erstens vom Wetter ab und zweitens davon, ob auf dem Platz gerade mal wieder gebaut wird. „Es gibt wenig andere Städte in Deutschland, deren zentraler Platz so oft umgekrempelt worden ist“, meint Auffarth.

Das pralle Leben im höfischen Hannover spielte sich lange Zeit anderswo ab, in der Altstadt und rund ums Welfenschloss. Dann plante Hofbaumeister Laves seine Ernst-August-Stadt als nordöstliche Stadterweiterung – „ein Geniestreich“, wie Auffarth findet. Sie ist
deckungsgleich mit der heutigen Fußgängerzone in der Innenstadt. Der Kröpcke war damals Teil des Opernplatzes und fungierte als Gelenk an der Straße vom neu errichteten Bahnhof in die Altstadt und der Georgstraße.

Als 1879 die Karmarschstraße per Durchbruch an den Kröpcke angeschlossen wurde, entwickelte der sich endgültig zum Verkehrsknotenpunkt. Unvorstellbar aus heutiger Sicht: Bis zum Wiederaufbau der zerstörten Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg führten nicht nur die meisten städtischen Stadtbahnlinien über den Kröpcke, sondern auch die heutigen Bundesstraßen 3 und 6. Wäre das immer noch so, müsste an jedem Tag ein gigantischer Blechhaufen aus der Innenstadt gebracht werden. Der starke oberirdische Verkehr führte dazu, dass Hannovers erste Fußgängerampel am Kröpcke errichtet wurde.

Der Chocolatier und Konditor Johann Robby hätte sein gleichnamiges Café vielleicht auch am Ernst-August-Platz bauen lassen können; und vielleicht könnte als Folge heute dieser den Status als zentralster Platz Hannovers für sich verbuchen. Robby entschied sich aber für den Platz am Opernhaus, und zwar aus gutem Grund, wie Auffarth findet: „Der Bahnhof war nur ein Zielpunkt für Reisende. Der Kröpcke war ein Schnittpunkt, an dem die Leute zusammenkamen.“ Das Café, das wie nach dem Krieg auch der gesamte Platz nach dem einstigen Oberkellner und späteren Pächter Wilhelm Kröpcke benannt wurde, schuf die Grundvoraussetzung für den Platz als Treffpunkt der Menschen. In ihm saßen sowohl die städtische Boheme als auch jene, die ihr zusehen und zuhören wollten. Zweimal durch Neubauten ersetzt ist das Café eine der Konstanten am Platz.

Mit dem großen hannoverschen Stadtumbau nach dem Zweiten Weltkrieg verschwand zunächst der Autoverkehr vom Kröpcke. Anfang der siebziger Jahre blickten die Passanten dort in ein Loch, und zwar nicht in irgendeins, sondern ins größte, das sich je in der Stadt aufgetan hatte, 10.000 Quadratmeter groß und 25 Meter tief. Hannover baute sich eine U-Bahn und wurde gleichzeitig städtebauliches Experimentierfeld. Planer propagierten „massive Ballung verschiedener Funktionen auf engstem Raum“. Eines der Betonmonstren, die nach dieser Leitlinie entstanden, war das Kröpcke-Center – „ein Jahrhundertbauwerk“, wie bei der Grundsteinlegung 1972 gejubelt wurde.

Nun ja. Viele sind nicht glücklich geworden mit dem Center: Die Stadt nicht, weil sie für den Bau der Immobilie Millionen zubuttern musste. Die Kaufhauskette Wertheim/Hertie nicht, weil ihr Versuch, dort ein Kaufhaus im Stil von Harrods in London einzurichten, grandios scheiterte. Und viele Architekturkritiker nicht, denen der Klotz als städtebauliches Gräuel galt.

Nach einigen Wendungen übernahm die Investorengesellschaft Centrum den Pflegefall im Herzen Hannovers und ließ 2009 die Bagger anrollen. Für 200 Millionen Euro wird das Kröpcke-Center umgebaut. Als markanteste Neuerung für die, die nach oben schauen, verschwindet der Turm der einstigen Betonburg. Auch unten tut sich etwas. Das Loch über der Niki-Promenade, dass einen guten Teil des Platzes für Jahrzehnte in das Kellergeschoss verlegt hatte, ist zugeschüttet worden. Und die Stadt hat ihm eine neue Pflasterung gegönnt.
Der Kröpcke hat also wieder einmal ein neues Gesicht erhalten. Ob es zum letzten Mal war? Man darf es bezweifeln – nach allem, was bisher geschah.

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