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Die Milch macht’s nicht mehr

Besuch auf dem Bauernhof Die Milch macht’s nicht mehr

Dass die Milchpreise seit Monaten im Keller sind, merkt auch Heidemarie Narten-Struß aus Schloß Ricklingen. Sie hat nach drei Generationen Milchwirtschaft auf dem Familienhof im Garbsener Ortsteil die Reißleine gezogen. Ihre Kühe sind weg, den Melkstand will sie verkaufen. Narten-Struß hat aufgegeben.

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Abschied und Neustart: Heidemarie Narten-Struß aus Schloß Ricklingen hat ihre Milchviehhaltung aufgrund des geringen Milchpreises aufgegeben und konzentriert sich stattdessen in Zukunft auf Exportviehzucht.

Quelle: Philipp von Ditfurth

Hannover. Gedankenversunken blickt Heidemarie Narten-Struß in den Raum ihres Melkstands. Der Laie sieht hier nur ein Gewirr von Stangen, Schläuchen und Behältern, doch Narten-Struß kennt jedes Detail dieser Anlage, sie weiß, wie alles zusammenarbeitet. Über Jahrzehnte hat sie diese Maschine jeden Tag bedient, 50 Milchkühe morgens in die Anlage geholt, sie gemolken und dann wieder in den Stall gebracht. Narten-Struß hat das meistens allein gemacht, jeden Tag, auch sonntags und an Weihnachten. Bei ihr ging das schnell, jeder Handgriff saß. Doch jetzt braucht die Landwirtin diese Routine nicht mehr, und den Melkstand will sie verkaufen. Ihre Kühe sind weg, Narten-Struß hat aufgegeben: Weil die Milchpreise seit Monaten im Keller sind, hat sie nach drei Generationen Milchwirtschaft auf dem Familienhof im Garbsener Ortsteil Schloß Ricklingen die Reißleine gezogen.

Ein Schritt, über den die 48-Jährige lange nachgedacht hat. „Ich habe seit dem Winter angefangen zu überlegen, ob ich weitermachen soll wie bisher“, sagt die Landwirtin. Sie bewirtschaftet den Hof mit seinen 70 Hektar Ackerland und 55 Hektar Grünland allein - ihre beiden Kinder sind in Schule und Ausbildung, ihre Mutter ist 84 Jahre alt. Auf Hilfe von außen kann sie nicht zurückgreifen: „Der Betrieb ist so klein, dass er sich keine Fremdarbeitskräfte leisten kann.“ Sie habe gemerkt, dass die Arbeit beschwerlicher werde, und zuletzt sei der wirtschaftliche Druck immer größer geworden: „Ich arbeite schlappe 13 Stunden am Tag und muss jeden Tag außerdem noch 120 Euro dafür bezahlen.“ So groß war der Verlust, den sie zuletzt mit der Milchproduktion einfuhr.

Die wirtschaftliche Lage macht der gesamten Branche schwer zu schaffen. Im Mai ist der Kilopreis für Rohmilch auf 20 Cent gefallen. Um wirtschaftlich arbeiten zu können, brauchen die rund 10 000 Milchbauern in Niedersachsen aber 35 bis 40 Cent. Diesen Preis konnten sie zuletzt Mitte 2014 erzielen. Und die ersten Molkereien in Niedersachsen haben ihren Bauern bereits angekündigt, dass die Preise für die Milch in der zweiten Jahreshälfte unter 20 Cent fallen könnten. Immer mehr Landwirte müssten Kredite aufnehmen, um ihre laufenden Kosten bestreiten zu können, warnt das Landvolk. „Auf gewisse Schwankungen im Preis können die Landwirte sich einstellen, aber dieses Tal ist zu lang und zu tief“, sagt deren Sprecherin Gaby von der Brelie.

Als Tierquäler beschimpft

Dazu komme das gesellschaftliche und politische Klima, meint Narten-Struß. „Die Arbeit von uns Landwirten wird nicht mehr wertgeschätzt. Grundnahrungsmittel sind nichts mehr wert“, sagt sie. Sie erlebt das in den öffentlichen Debatten, aber auch früher im Dorf, wenn sie ihre Kühe mit einem Transportgatter über die Straße brachte: Dann hätten Autofahrer angehalten und sie als Tierquäler beschimpft.

Die Stimmung ist nicht gut unter den Landwirten. Viele machen trotzdem weiter, solange es geht. Landwirtschaft sei ohne Idealismus nicht zu schaffen, ist ein Satz, den man häufig hört. Ginge es nur nach den betriebswirtschaftlichen Zahlen, dann würden viele wohl viel schneller das Handtuch werfen. Doch viele Familien leben seit Jahrhunderten auf ihrem Hof und haben seit Generationen dem wirtschaftlichen Auf und Ab getrotzt. Es fällt dann schwer, den Schlussstrich unter diese Familiengeschichte ziehen zu müssen.

Auch für Narten-Struß war es nicht einfach, als die Lkw kamen, um ihre Tiere abzuholen, die sie an einen anderen Milchviehhalter verkauft hat. „Man hat zu jeder Kuh eine Geschichte“, sagt die Bäuerin. Die große Leere kam aber erst am nächsten Tag: Das Füttern um 5.30 Uhr, das Melken, das Reinigen des Stalls - alles das war weg. „Die ersten Tage kommt man sich ziemlich verloren vor.“

Nun probiert sie den Neustart. „Der Stall und das Grünland müssen genutzt werden“, sagt Narten-Struß. Sie versucht es jetzt mit der Aufzucht von jungen Rindern, die noch keine Milch geben. Fünf bis sechs Monate vor der ersten Kalbung sollen sie in den Export verkauft werden, eventuell in die Türkei oder nach Nordafrika. Damit lässt sich vielleicht noch Geld verdienen, aber auch der Preis für Jungrinder richtet sich nach dem Milchpreis.

„Wie es wirtschaftlich weitergeht, kann ich noch nicht so richtig abschätzen“, sagt Narten-Struß. Den Abschied von der Milchwirtschaft bereut die Landwirtin dabei nicht: „Ich mache mir keinen Vorwurf, dass ich den Schritt gemacht habe.“

Ein Milchgipfel in Berlin soll die Lösung bringen

Die Not der Milchbetriebe ist längst auch bei der Politik angekommen. Am Montag lädt Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) zu einem Milchgipfel nach Berlin. Erwartet werden Vertreter des Deutschen Bauernverbandes, des Deutschen Handelsverbandes und Vertreter von Molkereiverbänden. Der eher alternativ eingestellte Bund Deutscher Milchviehhalter (BDM) ist nicht dabei. Die Vorschläge zur Lösung der Krise weisen in zwei verschiedene Richtungen. Der BDM und die Grünen verlangen eine Reduzierung der Milchmenge. Die Politik soll die Landwirte dafür bezahlen, dass sie über eine Reduzierung des Leistungsfutters und weniger Tiere die Milchproduktion drosseln um so den Preis wieder nach oben zu treiben. Der Bauernverband und das Landvolk lehnen das als Wiederkehr der Milchquote und untaugliches Rezept ab. Sie fordern stattdessen Finanzhilfen und Steuererleichterungen, um den Bauern die akute Notsituation zu erleichtern. In diese Richtung tendiert auch Agrarminister Schmidt: „Wir werden eine Reihe von Betrieben über Bürgschaften, Kredite sowie steuerliche Erleichterungen stützen“, sagte er dem Nachrichtenmagazin „Focus“. In den Supermärkten liegt der Preis für einen Liter Milch derzeit bei 46 Cent pro Liter. Udo Folgart, Vizepräsident des Deutschen Bauernverbands, forderte ein Ende der „Preisdrückerei“. Die Supermarkt- und Discounterketten könnten den Beweis erbringen, dass sie mit ihren Milchpreisen nicht die Existenz der Bauern zerstören. Gründe für den Preisverfall sind das Auslaufen der Milchquote in der EU vor gut einem Jahr, das Embargo Russlands und eine schwächere Nachfrage aus China.

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