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"Er hat die ganze Welt umarmt"

Zum Tod von Hannes Malte Mahler "Er hat die ganze Welt umarmt"

Bei einem schweren Verkehrsunfall in der Nähe von Pattensen ist der bekannte hannoversche Künstler Hannes Malte Mahler tödlich verunglückt. Ein glänzender Mittelpunkt der Künstlerszene Hannovers geht von uns. Ein Nachruf von Ronald Meyer-Arlt.

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Hannes Malte Mahler (1968-2016).

Pattensen/Hannover. Er hat die ganze Welt umarmt. Er hat gestrahlt, von innen geleuchtet und uns immer wieder überrascht. Er hat das Bunte geliebt und das Grelle und auch das Klare. Er hat wie wahnsinnig gearbeitet und er hat wahnsinnig tolle Sachen geschaffen. Und er war ein wunderbarer Farbtupfer in der Künstlerszene der Stadt.

Jetzt ist Hannes Malte Mahler gestorben. Er wurde 48 Jahre alt. Er hinterlässt fünf erwachsene Kinder. Der Künstler ist bei einem Unfall zu Tode gekommen. Hannes Malte Mahler fuhr gern Motorrad, aber er war auch gern mit dem Fahrrad unterwegs. Auf einem Wirtschaftsweg ist er am Montag mit dem Fahrrad verunglückt. Zwischen Koldingen und Ruthe wurde er vom Anhänger eines Traktors überrollt.

Kunst bei Instagram

Impressionen seines Schaffens zeigte Hannes Malte Mahler auf seinem Instagram-Account.

Sein Tod ist ein großer Verlust für die Kunstszene in Hannover. Hannes Malte Mahler, der an der Hochschule für Bildende Kunst in Braunschweig ausgebildet wurde, war ein hervorragend vernetzter Grenzgänger. Er war Künstler und Kurator, er war bei den Rotariern engagiert, und er kannte jeden, der in Hannover etwas mit Kunst zu tun hatte.

Hannes Malte Mahler hat immer gern an Schnittstellen gearbeitet. Auch in textiler Hinsicht. Sein letzter großer Coup war die Erfindung der „Mahlerwear“: T-Shirts, Sweatshirts, Pullover, Schürzen und Taschen, die er mit witzigen Motiven bedrucken ließ. „It is art“ hat er seiner neuen Marke als Erkennungssatz angefügt – eigentlich unnötig, denn dass es sich bei den Kleidungsstücken mit aufgedruckten Monstern, Luftballons oder Hubschraubern um Kunst handelt, kann man auch so erkennen. Viele Kunstfreunde in Hannover haben Mahler-Kleidung im Schrank.

Die Digitalkunst vom in Hannover lebenden Hannes Malte Mahler ist komplett auf dem iPad entstanden.

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Die Kleidungskunst war eine Grenzüberschreitung, und Grenzüberschreitungen liebte er. Er probierte gern Neues aus. Auch neue Techniken. In Hannover war er wohl der erste Künstler, der das iPad für seine Arbeit nutzte. Darüber haben wir Zeitungsleute den Kontakt zu ihm gefunden. 2012 gastierte Lady Gaga in Hannover – und wollte sich nicht fotografieren lassen. Wir wollten trotzdem ein Bild vom Konzert drucken und suchten einen Künstler, der bereit war, eine Schnellzeichnung anzufertigen. Für Hannes Malte Mahler war das kein Problem. Er hatte keine Angst vor Gebrauchsgrafik und machte für uns den Konzertzeichner. Er strichelte auf seinem iPad herum und lieferte den Lesern witzige Ansichten vom Konzert. 

Gemalte Lady Gaga: So sah Hannes Malte Mahler das Konzert in der TUI Arena in Hannover.

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Das war der Beginn einer Freundschaft zwischen Zeitung und Künstler. Für Zeitungsleute ist es ein bisschen heikel, mit Künstlern befreundet zu sein, über die man ja unvoreingenommen schreiben will. Aber von Hannes Malte Mahler stürmisch umarmt zu werden, war doch immer in Ordnung. Und schön. 

Für Mahler-Umarmungen fanden sich reichlich Gelegenheiten. Selbstverständlich war er Gast bei den Kunstfestspielen Herrenhausen, und natürlich sah man ihn bei Konzerten von Igor Levit, mit dem er eng befreundet war. Jedes Jahr im Advent veranstaltete er das „Glitterballshooting“ in seinem Atelier, dem „feinkunstraum“ in der Kronenstraße. Die Besucher durften mit dem Luftgewehr auf einen geschmückten Weihnachtsbaum schießen. Mahler engagierte sich bei den Sprengel-Freunden für die Museumserweiterung und schuf den roten Bagger, der zum Erkennungszeichen des Erweiterungsprojekts wurde. 
Und natürlich konnte man ihn auf Ausstellungseröffnungen treffen. Auch auf Ausstellungen eigener Arbeiten. Aktuell ist Mahler-Kunst in der Ausstellung „Die Erinnerung der Arbeit“ auf Schloss Salder in Salzgitter zu sehen. 

Grenzgänger Mahler war nicht nur Künstler, sondern auch Kurator. Seit 2004 ist er zusammen mit Hartmut Stielow für die Ausstellungsreihe „Neue Kunst in alten Gärten“ in Lenthe verantwortlich. Am Sonntag, 21. August, soll die nächste Ausstellung dort eröffnet werden. Die Organisatoren haben beschlossen, die Ausstellung nicht abzusagen. Titel und Thema der neuen Schau hat Hannes Malte Mahler erfunden: „Morgen“.

von Ronald Meyer-Arlt

„Er war mein engster Freund“ - Ein Nachruf von Igro Levit 

„Wir sind hier alle nur zu Besuch.“ Wie häufig hat er das gesagt? Täglich? Wir sprachen so häufig darüber. So viele Künstler, Musiker sind in diesem Jahr von uns gegangen, und wir saßen in seinem Studio bei einem Haselnussschnaps oder (und) Wein zusammen und fragten uns, was der Chor „da oben“ jetzt wohl singen würde.

Igor Levit und Hannes Malte Mahler.

Igor Levit und Hannes Malte Mahler.

Quelle:

Und jetzt? Jetzt ist Hannes Malte Mahler, Künstler, Performer, Maler, Lebensbejaher, Geschichtenerzähler gestorben. Von jetzt auf gleich. Ein Fahrradunfall kostete ihn das Leben. Ein Schock, ein Schlag, den zu verdauen kaum möglich scheint.

Er war mein engster Freund, wie ein Bruder. Gehört das hier rein? Wahrscheinlich nicht. Trotzdem muss es hier stehen. Ein Freund, der mir beim Aufstehen half, als alles zusammenzubrechen drohte, ein Freund, der immer einfach das exakt Richtige sagen konnte, ein Freund, der zuhören konnte, wie kein zweiter. Ein Freund, der beides war: neugierigstes Kind und weiser Mann. Ein Mensch, dessen Herz so groß, so warm, ja so menschlich war, wie man es sich nur vorstellen kann.

Hannes hat in seinen Bildern, seiner Kunst, in allem, immer Geschichten erzählen wollen. Er sprach so häufig von „dem Narrativ“, das ihm heilig war. Seine Kunst war offen für jeden. Umarmend, einladend, unverstellt und frei. Und auf die wunderbarste Art und Weise liebte er Musik. Er liebte Beethoven, Bach , er liebte Rzewski.

Zwei Erlebnisse möchte ich hier gerne teilen. Im Sommer 2012 sind Hannes und ich mit seinem roten Mercedes, er nannte es immer „Tante Lindes roter Mercedes“, nach Finsterwalde gefahren. In Finsterwalde spielte ich meine allererste Hammerklaviersonate. Aufgeregt und auf einhundert Volt habe ich an nichts anderes denken können. Und Hannes? Hat sich mit mir mitten in der Stadt an einen Tisch gesetzt, Kebab für vier gekauft und mich beruhigt. Wie? Ich weiß es nicht mehr. Aber alles Negative drehte sich mit ihm immer ins Grundpositive. Wir haben so häufig über Finsterwalde gesprochen. Wir wollten zusammen nochmals hinfahren, nur um Döner zu essen, in den Himmel zu starren und dann wieder zurückzufahren.

Die zweite Begebenheit war ein Abend in Hannover, als Hannes im Juni 2013 den großen Komponisten Frederic Rzewski kennenlernte. Frederic hat sich „schlechtes, deutsches, billiges Abendessen“ gewünscht und Hannes hat ihm genau das geliefert. Ein schlechtes, billiges deutsches Restaurant. Wir tranken für zehn, wir aßen für zehn, wir lachten und sprachen bis vier Uhr morgens, und am nächsten Tag war Hannes Pate des Konzertes, bei dem Frederic und ich Beethoven, Feldman und eben Rzewski spielten. Frederic Rzewskis Variationen über „El Pueblo Unido“ wurde für Hannes und mich zum wichtigsten Musikwerk überhaupt.
Er nahm sich nie zu wichtig, umso wichtiger waren ihm seine Mitmenschen. Jedem gab er Zeit und Raum. Er war sensibel, klug, mitfühlend. Hannes war irgendwie immer der Unbesiegbare. Nichts schien ihn umhauen können. Ich erinnere mich an den ersten Moment, als Hannes seine Ängste teilte. Wir weinten miteinander. Wir standen miteinander wieder auf. Er für mich. Ich für ihn.

Er war ein großer, warmer, wundervoller Mensch. Er war zu Besuch auf der Erde und er hat sie und uns auf unvergleichliche Art und Weise beschenkt. Es wird alles, alles anders ohne ihn.
Ruhe in Frieden mein Freund, mein Bruder. Und sei derjenige im Himmel, der Du in Deinen eigenen Augen auch immer warst: ein wunderbarer, lustiger Specht.

von Igor Levit

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