Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Pleiten, Pech und Pannen
Hannover Aus der Stadt Pleiten, Pech und Pannen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 24.03.2014
Seit 2007 beweist Marlis Drevermann als Kultur- und Schuldezernentin ein beachtliches Gespür für die Probleme in der Stadt. Quelle: Julian Stratenschulte
Hannover

Wer sich nach Hannovers höchster Kulturgestalterin erkundigt, bekommt im Rathaus, in Kulturinstitutionen und von Künstlern nicht unbedingt Gutes zu hören: Persönlich bisweilen cholerisch, politisch eher hilf- und glücklos agiere Marlis Drevermann als Kulturdezernentin. Richtungweisendes habe die Frau, die seit mehr als sechs Jahren die kulturpolitischen Geschicke der niedersächsischen Landeshauptstadt lenkt, bislang nicht auf die Beine gestellt.

Dabei hat Marlis Drevermann seit ihrem Start als Kultur- und Schuldezernentin 2007 ein beachtliches Gespür für die Probleme in der Stadt an den Tag gelegt. So hat sie gesehen, dass das Potenzial von Herrenhausen wenig entwickelt war, und hat die Kunstfestspiele als durchaus elitäres Exzellenzprojekt mit Leuchtturmfunktion aus der Taufe gehoben. Sie hat Probleme des Museums August Kestner wahrgenommen, das unter Platzmangel, internen Streitereien und einer überladenen Dauerausstellung leidet. Sie hat an diesen und anderen kulturpolitischen Baustellen allerdings auch immer wieder Personalquerelen eskalieren lassen. Die haben sich zuletzt im angekündigten Abgang von Elisabeth Schweeger, der Intendantin der Kunstfestspiele, niedergeschlagen - und davor in der Ankündigung von Kestner-Museumschefs Wolfgang Schepers, statt erst 2017 bereits zum September 2014 in den Ruhestand zu wechseln.

Beide Personalien haben Ursachen, die keineswegs nur im Persönlichen wurzeln. So hat Schepers zwar familiäre Gründe für seinen Rückzug angegeben. Doch längst war bekannt, dass sein Konzept, von der ägyptischen Sammlung bis zum Gegenwartsdesign „6000 Jahre angewandte Kunst“ im Kestner-Museum zu präsentieren, ohne Rückhalt bei Drevermann war. Auf der Grundlage eines Papiers der Münchener Beratungsgesellschaft Metrum, deren Dienste 34 000 Euro gekostet haben, wurde monatelang die Umwandlung in ein Museum der Alten Kulturen favorisiert - unter Verzicht auf eine dauerhafte Präsentation der Design-Sammlung. Die hatte Schepers seit seinem Start in Hannover 1999, anfangs mit einem Ankaufsjahresetat von 100 000 Mark, in wesentlichen Teilen erst aufgebaut.

Inzwischen soll diese faktische Zerschlagung der Sammlung vom Tisch sein, versichert Wolfgang Gebler, Vorsitzender des Vereins „Antike und Gegenwart“, in dem sich die Freunde des Museums zusammengeschlossen haben. Gleichwohl grassieren im Umfeld des Museums Unmut und Sorge: Unmut darüber, dass architektonische Entwürfe für eine Neugestaltung des Museums, die bereits 10 000 Euro gekostet haben, die Ausstellungsfläche weiter verringern und damit die Präsentation der Sammlung von Hannovers ältestem Museum in dessen 125. Jahr weiter erschweren sollen. Und Sorge über die Eile, mit der die aus Kostengründen geplante Fusion des Hauses mit dem Historischen Museum zum 1. Juli 2014 vorangetrieben werde. „Drevermann drückt aufs Tempo, weil sie unter starkem Erfolgsdruck steht“, heißt es da. Intern bestünden bereits „tiefe Kluften“, bei einem wenig behutsamem Wandel drohe es „verbrannte Erde“ zu geben.

Auf die kann man bei den Kunstfestspielen Herrenhausen immer wieder stoßen. Der Tonfall, mit dem sich Kritiker gegenüber der von Drevermann geholten Intendantin Elisabeth Schweeger geäußert haben, war früh unverhältnismäßig scharf. Als Schweegers Vertrag im vergangenen Jahr mit der Auflage, das Konzept der Festspiele massiv zu überarbeiten, bis 2016 verlängert wurde, glich das eher einer Gnadenfrist als einem echten Angebot.

Natürlich kann man sich eine Festspielleitung wünschen, die das Programm leidenschaftlicher und kontinuierlicher in der Öffentlichkeit vertritt, als Schweeger es bisher getan hat. Doch ausgerechnet in einer Zeit, in der ein Erfolg der Kunstfestspiele erkennbar wurde und gute Hoffnung bestand, dass sich auch ein ambitioniertes Programm in Hannover etablieren könnte, gelang es Drevermann offensichtlich nicht, sich für ihre Intendantin einzusetzen.

Wenn Schweeger sich nun aus der Stadt verabschiedet, noch bevor die zähneknirschend beschlossene Verlängerung in Kraft tritt, kann man sich zwar fragen, wie das rechtlich überhaupt möglich ist. Verübeln aber kann man der Intendantin den Schritt nicht: Ohne wirkungsvollen Rückhalt der Kulturdezernentin steht sie endgültig auf verlorenem Posten. Und mit ihrem Abgang ist die Frage nach einem Kulturkonzept für Herrenhausen so offen wie vor 2007 und der Handlungsbedarf größer denn je. Doch wer soll jetzt über eine Nachfolge für Elisabeth Schweeger und noch weitreichendere neue Konzepte entscheiden? Mehr als ein halbes Dutzend Mitarbeiter haben im Laufe von Drevermanns Amtszeit ihr berufliches Glück inzwischen anderswo gesucht, was Kritiker als „Exodus kulturpolitischer Kompetenz“ aus dem Kulturdezernat beschreiben. Drevermann allein, die noch etwas mehr als ein Jahr im Amt bleibt, dürfte kaum noch die politische Überzeugungskraft für eine wirklich tragfähige Lösung haben. Mag sein, dass sie nun wie beim Museum August Kestner aufs Tempo drücken wird. Bringen wird das vermutlich wenig: An einer der exponiertesten Baustellen des hannoverschen Kulturlebens droht nun der Stillstand.

So präsentiert sich die Dezernentin einmal mehr als Kulturpolitikerin, die Probleme zwar erkennt, Baustellen eröffnet, sie aber nicht wieder zu schließen vermag. Immerhin hat dieser Stil viele Anlässe zur Debatte geliefert - und damit der Kulturpolitik immer wieder neue Aufmerksamkeit und öffentliche Teilnahme beschert. „Diese Frau hinterlässt nichts Bleibendes“, sagt Prof. Cord Meckseper, Architekt und Kunsthistoriker in Hannover sowie viele Jahre Mitglied von „Antike und Gegenwart“ über die 61-Jährige. „Allenfalls die Zerschlagung von Hannovers ältestem Museum.“

Daniel Alexander Schacht und Stefan Arndt

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die Anbieter von Fernbusreisen fechten einen gnadenlosen Preiskampf aus. Das geht auch auf Kosten der Sicherheit: Bei einer Kontrolle am ZOB in Hannover hat die Polizei jetzt 104 Verstöße festgestellt. 14 von 21 kontrollierten Bussen wiesen Mängel auf.

24.03.2014

In der Galeria Lunar hängt die Kunst nicht nur an der Wand – die Macher präsentieren auch Konzerte. Schumacher und Wolfstein wollen in der Galeria Lunar nicht wenigen Leuten Häppchen reichen, sondern vielen Leuten einen Zugang zur Kunst verschaffen.

Stefanie Nickel 20.03.2014

Die vom Bund geplante Mietpreisbremse soll starken Preisanstieg bei Neuvermietungen verhindern. Trotz des verstärkten Wohnungsmangels in zentralen Stadtteilen Hannovers rechnen aber weder Mieterverein noch Eigentümerlobby damit, dass die Landesregierung die Mietpreisbremse in der Landeshauptstadt anordnet.

Conrad von Meding 23.03.2014