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Faust wird 25 Jahre alt

Kulturzentrum in Linden Faust wird 25 Jahre alt

Das Kulturzentrum Faust feiert am Dienstag seinen 25. Geburtstag. Früher gab es Demonstrationen und harte Auseinandersetzungen um die Nutzung des alten Fabrikareals.  Wer hätte damals gedacht, dass zur Feier der Oberbürgermeister und die Kulturministerin kommen würden?

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Das Gelände des großen Kulturzentrums.

Quelle: Insa Cathérine Hagemann

Hannover. Bei der ersten Begehung 1991 wehten noch Bettfedern durch die Luft. Das ist ein Vierteljahrhundert her. Am Dienstag feiert das Kulturzentrum Faust 25 Jahre Kultur, Gewerbe und Vielfalt in der ehemaligen Bettfedernfabrik am Lindener Ihmeufer. Wie sehr sich das Selbstverständnis von Gegenkultur gewandelt hat, lässt sich vielleicht am besten hieran erkennen: Vor 25 Jahren gab es Demonstrationen und harte Auseinandersetzungen um die Nutzung des alten Fabrikareals. Am Dienstag aber erscheint zum kleinen Festakt außer dem Oberbürgermeister auch die Kulturministerin des Landes. Die häufig zitierte Soziokultur ist salonfähig geworden: Ihre Zentren haben sich ebenso gewandelt wie die Gesellschaft.

Im Sommer auf ein Bier in die Gretchen-Freiluftgastronomie, am Wochenende zum Konzert in die Sechzigerjahre-Halle, am Sonntag über den proppenvollen, charmanten Flohmarkt bummeln: Für mehr als 200.000 Besucher im Jahr ist die Faust aus Hannover nicht wegzudenken. Gerade rechtzeitig zum Jubiläumsjahr wurde jetzt der Umbau der Kunsthalle abgeschlossen. Ein Tanzsaal ist entstanden, die Sanierung des historischen Kesselhauses steht kurz bevor, und das neue Café Der Nachbarin hat sich im Stadtteil und in der Szene bereits als Treffpunkt etabliert. Die Faust (Akronym für Fabrikumnutzung und Stadtteilkultur) ist nicht irgendein Stadtteilprojekt – sie ist zusammen mit dem Raschplatz-Pavillon eines der beiden großen Kulturzentren der Stadt. Neuerdings sogar wieder mit spürbar steigenden Besucherzahlen.

So viel Erfolg war nicht immer. Vor sechs Jahren erwischte eine Insolvenz das Veranstaltungs- und Kulturzentrum, manch einer sah schon das Ende der selbstverwalteten und damit hier und da aus der Kurve geflogenen Kulturwirtschaft gekommen. Die Faustianer aber zogen sich nach langem internen Ringen um den richtigen Kurs aus der Patsche. Manche liebgewordene Tradition musste über Bord geworfen werden, als plötzlich Controller an Bord kamen und Mietzahlungen ernsthaft eingetrieben wurden. Das hat offenbar geholfen. „Nach einem weiteren kleinen Tief vor zwei Jahren und kleineren Korrekturen am Programm läuft es inzwischen sehr gut“, sagt Faust-Aktivist Jörg Smotlacha. 2015 gab es in der Faust so viele Konzerte wie nie zuvor.

Aber auch, wenn die Faust manchem Gelegenheitsbesucher vor allem als Konzert- und Partyort vorkommen mag: Das Kulturzentrum hat sich seinen politischen Anspruch bewahrt, wie Faust-Geschäftsführer Hans-Michael Krüger betont. Mit der Flüchtlingskrise geraten die zahlreichen internationalen Kulturvereine und Beratungsstellen auf dem Faust-Gelände noch stärker als ohnehin zur Anlaufstelle. Seit einem Vierteljahrhundert ist die Faust zudem ein wichtiger Ort für Austausch und Integration.

Die iranische Gemeinde pflegt hier bis heute die größte iranische Bibliothek in Deutschland. Von Beginn an zählten auch türkische, kurdische oder vietnamesische Gruppen zu den Mietern. Der Verein Frauen-Tribunal berät Frauen etwa zum Thema Zwangsheirat. Der türkische Verein Günes unterstützt Jugendliche und betreibt außerdem den Pizza-Stand auf dem Hof. In den Obergeschossen sind nicht nur zahlreiche Ateliers beheimatet, sondern auch Einrichtungen wie der 1980 gegründete Verein Kargah, der Flüchtlings- und Migrationsarbeit betreibt und eine Beratungsstelle anbietet. Und natürlich gibt es Deutschkurse für Neuhannoveraner in dem Gebäude.

Zeitweilig gab es den Verdacht, dass selbst langjährige Nutzer nicht jeden Winkel auf dem Gelände kennen. Das soll sich zum Jubiläum ändern: Die Faust-Verwaltung hat erstmals einen Übersichtsplan mit allen Nutzungen und Nutzern drucken lassen. „Es gab auch unter den Mitarbeitern kaum jemanden, der alles kannte“, gesteht Smotlacha.

Demos und Protest mit fliegenden Bettfedern

„Faust will kulturelle Anstöße in Linden geben“. Mit dieser Zeitungsmeldung trat die Initiative im Januar 1991 erstmals öffentlich in Erscheinung. Ein Jahr nach der Pleite der 1861 gegründeten Bettfedernfabrik Werner & Ehlers hatten sich 25 Gruppen, Künstler und Vereine zusammengefunden. Ihre Forderung: die Industriebrache am Lindener Ihmeufer sinnvoll umzunutzen.

Zwar war innerhalb weniger Wochen ein gemeinnütziger Verein gegründet, und noch im Frühjahr verabschiedete die Stadt Pläne für eine Sanierung des Areals. Doch der Rest war nicht so einfach. Erst ab Dezember konnte ein knappes Dutzend Vereine die Gebäude nutzen, ab April 1992 standen Sechzigerjahre-Halle und Zinsser-Halle zur Verfügung. Im Herbst nahm auch der Ökologische Gewerbehof im Westteil des Areals seine Arbeit auf, der auch heute formal nicht zum Kulturzentrum Faust gehört.

Im Dezember 1992 aber begann der Ärger. Der Eigentümer erhöhte dreimal kurz hintereinander die Miete um insgesamt rund 600 Prozent und erwirkte eine Räumungsverfügung. Kein Wunder: Andere Investoren standen in den Startlöchern und wollten das Gelände kaufen. Der heutige Bezirksbürgermeister Rainer-Jörg Grube erinnert sich an Pläne, einen dem Ihme-Zentrum nicht unähnlichen Komplex namens El Dorado zu errichten.

Es kam zu Demos, Aktivisten warfen in einer Ratssitzung Flugblätter und Bettfedern von der Empore. Das Auto eines Investors brannte aus. Die „Faustianer“ forderten, die Stadt möge das Gelände kaufen – die aber sperrte sich. Immerhin gab es den Beschluss der Sanierungskommission, wonach auf dem Gelände nur Soziokultur erlaubt sein soll. Schließlich wurde Faust 1995 mit Unterstützung des Landes und der Stiftung Umverteilen für umgerechnet 1,9 Millionen Euro Fabrikeigentümer und bewältigte mit viel Eigenarbeit den Ausbau.

Das Abzahlen der Schulden wurde indes zur schweren Hypothek, auch nahmen wohl nicht immer alle Vorstände die ökonomischen Zwänge ernst. Faust wurde 2005 insolvent. Mithilfe des Verwalters Jens Wilhelm, neuer Vorstände und einem Stiftungskonzept gelang Faust der Neustart. Nun ist sogar genug Geld für Investitionen da.

mm/med     

Von Mario Moers

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