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Aus der Stadt Kultusminister will Religionsunterricht für Muslime einführen
Hannover Aus der Stadt Kultusminister will Religionsunterricht für Muslime einführen
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15:05 17.09.2010
Von Felix Harbart
„Der Minister hat gesagt, dass ihr ganz tolle Kinder seid“: Bernd Althusmann mit der vierten Klasse der Grundschule Salzmannstraße. Quelle: Martin Steiner

Wie es komme, dass Kultusminister Bernd Althusmann ausgerechnet an diesem sonnigen Septembermittwoch in ihrer Schule eine Stunde islamischen Religionsunterrichts sehen wolle, wollten die Reporteram Mittwoch von der Leiterin der Grundschule Salzmannstraße in Linden-Nord wissen – und so recht antworten konnte Marion Frontzek darauf nicht. Er sei eben angemeldet worden, sagte sie und zuckte die Schultern. Nun werde man mal sehen.

Also kam der Minister, hockte sich auf einen der winzigen Grundschulstühle und ließ die Präsentationen der Viertklässler zum Thema Ramadan auf sich wirken. Um den Mondkalender ging es da und ums Fasten, die Kinder brachten Lieder zum Vortrag und am Ende sogar einen veritablen Rap. Erst danach schob sich der Minister einen kleinen Drehstuhl nach vorne, bedankte sich artig bei den Schülern und ließ dann, irgendwie an sie, aber mehr noch an die zahlreichen Pressevertreter im Klassenzimmer gewandt, die Katze aus dem Sack: Noch sei der Islamunterricht in Niedersachsen ja ein Modellversuch. „Aber ich bin überzeugt, dass wir dieses Fach zu einem ordentlichen Unterrichtsfach machen sollten.“ Seit 2003 erteilen niedersächsische Schulen im Rahmen des Modellversuchs Unterricht in islamischer Religion. 42 Schulen sind landesweit zurzeit daran beteiligt, zehn davon in Hannover.

Und es schien, als eigne sich die Grundschule Salzmannstraße für Althusmann besonders gut für die kleine Vorführung zur guten Nachricht: zum einen, weil die Schule vor sieben Jahren zu den ersten sieben Lehranstalten zählte, die an dem Versuch teilnahmen. Und zum anderen, weil Lehrerin Tüney Aygün als Blaupause dafür herhalten kann, wie sich der Minister die Islamlehrkräfte der Zukunft vorstellt: jung, blendend deutsch sprechend, westlich orientiert.

Lehrer wie Tüney Aygün aber gibt es bisher noch zu wenige – ein Grund, warum Althusmann nicht daran glaubt, den regulären Islamunterricht schon im kommenden Schuljahr einführen zu können. „Ich bin aber sehr optimistisch, dass wir 2012 damit beginnen“, sagte er nach der Stunde. Zunächst soll der Unterricht an den Grundschulen angeboten werden, „in absehbarer Zeit“ dann auch in der Sekundarstufe I. Zunächst, sagt Althusmann, werde man sich dann wohl auf Schulen mit hohem Migrantenanteil konzentrieren. Unterrichtssprache soll in jedem Fall Deutsch sein.

Bis das alles so kommen kann, müssten die verschiedenen muslimischen Verbände, etwa die Türkisch-Islamische Union (Ditib) und die Schura Niedersachsen, jedoch „zu einer Einigung kommen, wie der Unterricht inhaltlich aussehen soll“, sagte der Minister. Beide Verbände beraten mit der Landesregierung schon seit gut drei Jahren an einem runden Tisch über das Projekt Islamunterricht. „Wir haben aber das Problem, dass es keinen konkreten Ansprechpartner für uns gibt.“ Klar sei, dass alles auf Basis des Grundgesetzes zu geschehen habe. Darauf achten soll eine Fachkommission des Landes.

Ali Ihsam Ünlü, Landesvorsitzender der Ditib, freute sich gestern zwar über die Pläne des Ministers, sieht die Probleme aber auf anderen Feldern als Althusmann. „Was die Unterrichtsinhalte angeht, gibt es kaum Unterschiede, da wird man sich schnell einigen“, sagt er. Problematischer sieht er die Ausbildung der Lehrkräfte. Der Minister verweist auf einen bestehenden Masterstudiengang an der Uni Osnabrück – der aber, sagt Ünlü, müsste dazu erst einmal deutlich ausgebaut werden: „Ich glaube nicht, dass der Lehrstuhl dort schon so weit ist.“ Ünlü warnt: „Das Wissen über den Islam ist bei dieser Sache das A und O. Das darf man auf keinen Fall auf die leichte Schulter nehmen.“ Vor 2013 wird es seiner Ansicht nach nichts werden mit der Einführung des Unterrichtsfaches. Tüney Aygün hat ihr Studium in der Türkei absolviert, dann in Deutschland eine Weiterbildung gemacht. Eine Frage werde sein, welche Abschlüsse man anerkennen könne, sagt der Minister.

Im Islamunterricht in der Salzmannstraße hat es Althusmann zumindest schon einmal gefallen. Die Viertklässler lässt er ihren Eltern jedenfalls ausrichten: „Der Minister hat gesagt, dass ihr ganz tolle Kinder seid.“

Niedersachsen geht voran

Geht es nach Kultusminister Bernd Althusmann, wird Niedersachsen das erste Bundesland mit regulärem Islamunterricht in der Schule. Forderungen danach kommen seit einiger Zeit aus allen Parteien. Zuletzt hatte Bundesinnenminister Thomas de Maizière betont, islamischer Religionsunterricht müsse „nicht in den Hinterhöfen von Moscheen stattfinden, sondern in unseren Schulen“. Auch SPD-Chef Sigmar Gabriel wirbt für „Islamunterricht bis zur Abiturprüfung“.

Avni Altiner, Vorsitzender der Schura Niedersachsen, des Zusammenschlusses muslimischer Gemeinden, hofft schon lange auf Islamunterricht an allen Schulen. „Das zwingt auch die Eltern, Deutsch zu sprechen.“

Niedersachsens Sozialministerin Aygül Özkan hatte kürzlich darauf hingewiesen, das Land müsse sich der Ausbildung von Islamlehrern zuwenden: „Ich stehe ja vor der gleichen Frage: Ich bin eine berufstätige Mutter, wann habe ich Zeit, meinem Kind die Religion nahezubringen?“, sagte Özkan. „Ich würde mir auch wünschen, dass ich die Möglichkeit habe, dass mein Kind in der Unterrichtszeit eine Grundbasis an Religionsunterricht bekommt, auf die ich dann aufbauen kann.“ Der islamische Religionswissenschaftler Rauf Ceylan aus Osnabrück fordert, die religiöse Bildung für muslimische Kinder zu verbessern. Jungen Menschen müsse vermittelt werden, dass „Deutschsein und Islam sich nicht ausschließen“.

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