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Kursus in Hannover soll Eltern im Umgang mit ihren Kindern helfen

Probleme in der Pubertät Kursus in Hannover soll Eltern im Umgang mit ihren Kindern helfen

Die lieben Kleinen fechten in der Pubertät zu Hause manchen Kampf aus. Ein Kursus vom Deutschen Kinderschutzbund in Hannover soll Eltern im Umgang mit ihren Teenagern helfen. Ein Besuch.

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Der Kursus „Starke Eltern, starke Kinder“ des Kinderschutzbundes soll Eltern dabei helfen, besser mit ihren pubertierenden Kindern zurechtzukommen – und einen Umgang zwischen Loslassen und Haltgeben zu finden.

Quelle: Kris Finn

Hannover. Die Kinder auf den Fotos an der Pinnwand sehen zufrieden aus. Es sind Porträtfotos, Schnappschüsse aus Urlauben und von Familienfeiern. Die Jungen und Mädchen lächeln in die Kameras, manche schüchtern, manche selbstbewusst, alle fröhlich. Es sind Fotos aus besseren Tagen.

Die Geschichten, die die Eltern über ihre Kinder erzählen, sind dagegen alles andere als heiter. Von heftigen Streitereien ist die Rede, von Verletzungen, Enttäuschungen, Trauer, Überforderung und Hilflosigkeit. Die Appelle, die neben den Fotos der Teenager an die Korkwand gepinnt sind, machen den Leidensdruck in den Familien deutlich: „Hör deinem Kind zu“ steht da, „Achte auf seine positiven Seiten“, „Vorbild wirkt besser als Worte“ und „Einfluss in Konflikten gewinnst du durch Verständnis, nicht durch Macht“.

Drei Elternpaare und vier Mütter sitzen um den Tisch in dem schmucklosen Raum des Kinderschutzbundes in Limmer. Sie haben den Kursus „Pubertät – Aufbruch, Umbruch, kein Zusammenbruch“ aus der Elternkursusreihe „Starke Eltern, starke Kinder“ gebucht und kommen nun an acht aufeinanderfolgenden Dienstagabenden von 19.30 bis 21.45 Uhr zusammen, um sich auszutauschen und Hilfe im Zusammenleben mit ihren heranwachsenden Kindern zu erhalten.

Es geht um schmerzliche Abnabelungsprozesse, um Machtspiele, Verweigerung und Provokation, um Eltern und gleichaltrige Freunde, um Liebe und Anerkennung. Es geht darum, die Kinder loszulassen, ihnen aber trotzdem Halt zu geben und den Kontakt nicht zu verlieren. Für sie da zu sein, mit Gelassenheit und Vertrauen, ohne Kontrolle. Die Anforderungen an beide Seiten sind nicht nur hoch, sondern oft widersprüchlich.

„Es ist eine schwierige Zeit. Probleme gibt es in fast allen Familien“, sagt Irene Schriever, die den Kursus leitet. „Viele meinen, diese Probleme beträfen spezielle Bevölkerungsschichten. Aber das ist Blödsinn. Hier sitzt die Aldi-Kassiererin neben dem Hochschulprofessor. Und die einzig gute Nachricht, die ich habe, ist: Diese Phase geht vorüber.“

So unterschiedlich die Konflikte in den Familien sind, so gibt es doch eine gemeinsame Schnittmenge: Nicht aufgeräumte, chaotische Zimmer gehören dazu. Dazu kommen die Diskussionen, wie lange die Teenager abends wegblieben dürfen, die Dauerbrenner Alkohol- und Drogenkonsum, die Sorge, dass die Jugendlichen zu viel Zeit am Computer und auf Partys verbringen und zu wenig für die Schule tun. Und das Gefühl, dass es mit der Kommunikation hapert.

„Mich hat das kalt erwischt“, sagt eine dunkelhaarige Frau traurig. „Mit dem Tag ihrer ersten Regel wurde unsere Tochter unausstehlich. Sie ist frech, aufmüpfig und gegen alles. Es ist kein vernünftiges Wort mehr mit ihr zu reden.“ Jeden Tag nach der Schule verschwindet die 13-Jährige sofort in ihrem Zimmer. „Da chillt sie dann mit ihren Freundinnen, so nennt sie das“, sagt die Mutter kopfschüttelnd. „Reden tun die nicht, die haben alle ihr Handy oder den MP3-Player in der Hand und hängen rum.“ Der blaue Brief von der Schule kam kurz vor den Ferien. Da hat sich dann der Vater eingeschaltet, denn bei der schulischen Leistung, sagt er, höre der Spaß auf. „Ich lasse meiner Tochter viel Freiraum. Aber über das Abitur lasse ich nicht mit mir diskutieren. Ohne geht es ja heute nicht mehr.“

Irene Schriever hört aufmerksam zu. Die Sozialpädagogin versteht sich mehr als Zuhörerin und Moderatorin denn als Ratgeberin. „Es gibt keine Patentrezepte. Die Lösungen müssen aus den Familien kommen“, sagt sie. Das heißt aber nicht, dass Schriever keine konkreten Tipps für den Alltag hätte. Als ein Vater klagt, sein Sohn rausche nur noch an ihm vorbei, Gespräche fänden gar nicht mehr statt, schlägt Schriever eine Familienkonferenz vor. Die anderen Eltern nicken, die Idee scheint anzukommen. Ein fester Termin in der Woche, an dem alles, was anliegt, besprochen wird: von banalen Alltagsabsprachen, wie der Frage, wer was im Haushalt macht, bis zu ehrlicher Aussprache über Gefühle, Bedürfnisse, Konflikte. „Das ist genau das, was uns fehlt“, sagt eine Mutter und kämpft mit den Tränen, „aber ich glaube nicht, dass meine Tochter das mitmacht. Sie fühlt sich so schon immer eingeengt von mir.“ Schriever lässt nicht locker. „Beziehen Sie ihre Tochter mit ein. Verabreden Sie den Termin gemeinsam. Und wenn sie nicht kommt, warten Sie auf sie. Zeigen Sie, dass Sie für sie da sind.“

Die Wuttreppe ist ein anderes bildliches Instrument, das Schriever den Teilnehmern an die Hand gibt. Die Wuttreppe hat, in Anlehnung an den Spruch „von Null auf 180“, 180 Stufen. „Es geht darum, einen Notausgang zu finden, bevor man die Kontrolle verliert und dem Kind womöglich eine knallt“, sagt Schriever. Notausgänge kennen einige Eltern bereits. Ein Vater geht joggen, eine Mutter macht Gartenarbeit. Hauptsache durchatmen, Abstand gewinnen, ruhig werden.

Probleme vertagen, da sind sich die Eltern einig, sei sowieso eine gute Empfehlung, wenn die Situation zwischen Pubertierendem und Eltern zu eskalieren droht. Kommt der Nachwuchs nachts um vier statt um 24 Uhr nach Hause, so sollte das Gespräch nicht sofort stattfinden, sondern erst am nächsten Morgen.

Eine andere Anregung bezieht sich auf vollgemüllte Kinderzimmer, in denen sich verschimmelte Saftflaschen neben dreckiger Wäsche stapeln. Auch dieser Tipp kommt direkt aus der Mitte der Eltern. „Verlegt doch mal das Abendessen ins Kinderzimmer, einfach auf den Boden zwischen all dem Kram, der da so rumliegt. Wir haben das gemacht. Der Überraschungseffekt war groß und auch der Lerneffekt“, sagt ein Vater und zum ersten Mal an diesem Abend geht ein erlösendes Lachen durch die Runde.

Einer Mutter, die alleine in der Runde sitzt, fällt das Lachen schwer. Ihr Mann hat den Kursus abgebrochen. „Das war nichts für ihn“, sagt sie. Die schlanke Frau mit dem Pferdeschwanz hat drei Kinder. Die Mädchen sind 14 und zwölf Jahre alt. Sie stammen aus einer früheren Beziehung, mit ihrem Mann hat sie einen gemeinsamen Sohn im Alter von vier Jahren. „Sorgen macht uns die Große“, sagt sie, „sie lässt sich von meinem Mann nichts sagen. Es gab von ihrer Seite schlimme verbale Attacken, sogar körperliche Angriffe.“

Ihr Mann hat sich aus der Erziehung zurückgezogen. „Ich weiß, das ist keine Dauerlösung“, sagt die dreifache Mutter, aber es hat die Situation entspannt. Vor wenigen Tagen war ihre große Tochter bei ihr und sagte, sie wolle ins Kino gehen. „Ich habe das erst gar nicht verstanden. Dann wurde mir klar, dass sie will, dass ich mitkomme, dass sie ihre Mama braucht. Ich kann gar nicht sagen, wie glücklich ich war“, sagt sie und ergänzt etwas zittrig: „Ich hatte Angst, meine Tochter zu verlieren. Jetzt weiß ich, dass das nicht passieren wird.“

Julia Pennigsdorf

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