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Laborversuch mit ungewissem Ausgang

Gentechnik Laborversuch mit ungewissem Ausgang

Die neue Landesregierung will das Projekt "Hannover-GEN" beenden - doch die Schüler fühlen sich davon bevormundet.

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Praxisnaher Unterricht oder Teufelszeug? Schüler im Gentechnik-Labor.
Thomas

Hannover. Laborkittel, zurückgebundene Haare und Gummihandschuhe sind Pflicht, wenn Schüler im Labor der Wilhelm-Raabe-Schule mit Genmaterial hantieren. Die Jugendlichen haben aus Tortillachips und Maisblättern DNA isoliert, hantieren mit winzigen Pipetten, Trägergelen und teuren Apparaten, in denen die DNA-Stränge vervielfältigt und dann sichtbar gemacht werden.

Laborkittel, zurückgebundene Haare und Gummihandschuhe sind Pflicht, wenn Schüler im Labor der Wilhelm-Raabe-Schule mit Genmaterial hantieren.

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Guter Unterricht. Oder doch nicht? Die neue Landesregierung will das Projekt „HannoverGEN“ stoppen - aber die wissbegierigen Schüler verteidigen ihre Labore. „Ich war schon etliche Male hier, und mir hat noch niemand zu erzählen versucht, wie toll Gentechnik ist“, betont der angehende Abiturient Vincenz Dumann. Stattdessen hat der 18-Jährige biotechnologische Arbeitsweisen kennengelernt. Besonders aufregend sind die Versuche dann, wenn die Schüler in Knabberzeug aus dem Supermarkt Spuren von gentechnisch verändertem Mais finden - obwohl auf der Packung etwas anderes versprochen wird. „Wir diskutieren dann darüber, und das geht sogar mehr in die Richtung, die die Grünen vertreten.“

Die Regierungskoalition von SPD und Grünen stellt die vier Schülerlabore des Projekts „HannoverGEN“ unter Generalverdacht. Im Koalitionsvertrag ist das Ende des Projekts angekündigt. Landwirtschaftsminister Christian Meyer hatte im Herbst noch als Oppositionspolitiker von manipulativen Unterrichtsmaterialien und „knallharter Lobbyarbeit“ für Agrar-Genkonzerne gesprochen. Das Projekt sei „pure Reklame für genmanipuliertes Essen in Schulkantinen“.

Schüler und Lehrer, die die Labore aus eigener Anschauung kennen, wundern sich über die Argumente der Kritiker, zu denen auch Greenpeace zählt. Zu den verschiedenen Thementagen, die „HannoverGEN“ anbietet, gibt es jeweils Diskussionsmaterial der Uni Oldenburg mit Pro- und Contra-Positionen. „Das ist ein verbreitetes Prinzip im Unterricht. Wir machen das zum Beispiel auch in Philosophie, wenn es um Nietzsche geht. Das heißt nicht, dass wir dann alle Nietzsche-Fans werden“, sagt Vincenz.

Martin Thunich, Leiter der Wilhelm-Raabe-Schule, kann seinen Ärger angesichts der Debatte kaum verhehlen. „Nach der Logik der Kritiker müsste ich auch die Kernspaltung aus dem Lehrplan in Physik nehmen, denn Schüler könnten ja indoktriniert werden, wenn sie sich damit beschäftigen.“ Er findet es bedauerlich, wenn so ein erfolgreiches Projekt eingestampft wird, da es bei Schülern Begeisterung für modernen Biologieunterricht weckt. „So blöd sind unsere Schüler wirklich nicht, dass sie sich von irgend jemandem eine Meinung vorschreiben lassen.“

Franziska Bütow aus dem 11. Jahrgang hat eine Unterschriftenaktion gegen die Laborschließungen angeregt, die die Schülervertretung nun organisieren will. „Aber nur unter Schülern ab der 10. Klasse aufwärts, die das Projekt kennen.“ Die 16-Jährige legt Wert auf diese Feststellung. Sie will keine Fünftklässler instrumentalisieren, die selbst noch keine Meinung zu dem Labor haben. Franziska, die später Medizin oder Biochemie studieren will, macht sich wie etliche andere Zehnt- und Elftklässler Sorgen, dass ihr bald die Möglichkeit zum praktischen Lernen genommen wird. „Es frustriert wirklich besonders, wenn man die Gründe nicht nachvollziehen kann. Wir werden als dumm dargestellt, als ob wir uns keine eigene Meinung bilden könnten.“

Franziska hat an einem Labortag mit Mitschülern Modelle der DNA-Struktur gebaut. „Das war toll.“ Die vier Stützpunktschulen von „HannoverGEN“ bieten verschiedene Themen, die alle mit dem regulären Lehrplan verknüpft sind. Schüler sollen zum Beispiel laut Vorgaben bis zum Abitur verschiedene molekularbiologische Methoden beschreiben können. Ohne Labor lernen sie das aus dem Buch. Zum Angebotsspektrum gehören auch Evolution und Pflanzenzüchtung sowie auch Tumorzellenbildung.

An jeder Projektschule kümmern sich zwei Biologielehrer um das Labor und betreuen auch die Gastgruppen aus anderen Schulen. Die Lehrer werden dafür von zwei normalen Unterrichtsstunden entlastet. Ein Labortag dauert allerdings rund fünf Zeitstunden. „An der Differenz wird sichtbar, wie groß das Engagement der Kollegen ist“, sagt Marietta Vollmer-Schöneberg, die sich mit Timo Heimhilcher an der Wilhelm-Raabe-Schule um das Labor kümmert. „Wir sehen in den Abiturprüfungen, wie präsent den Schülern die Erfahrung im Labor ist“, sagt Vollmer-Schöneberg.

Auch an der Helene-Lange-Schule läuft eine Unterschriftenaktion. „Die Schüler haben wirklich betroffen reagiert“, sagt Biologielehrerin Elke Köhling. Sie selbst halte die gentechnische Veränderung von Pflanzen in der Landwirtschaft für problematisch. „Wir vermitteln einen kritischen Umgang mit dem Thema“, betont auch Joachim Buthe, Leiter der Helene-Lange-Schule. Die Experimente böten eine gute Vorbereitung aufs Studium. „Manche Schüler studieren später Biochemie, andere entscheiden sich aufgrund der Erfahrung im Labor dagegen. Auch das gehört zur Berufsfindung.“

9000 Schüler haben seit dem Jahr 2008 bei Labortagen an einer der vier Projektschulen mitgemacht. Manche Gruppen reisen dafür aus Stadthagen, Rinteln oder gar der Wesermarsch an. Auch Susanne Bauer von der Carl-Friedrich-Gauß-Schule in Hemmingen hat bereits mehrmals mit Schülergruppen das Labor des Erich-Kästner-Gymnasiums in Laatzen genutzt. „Die Kritik halte ich wirklich für Quatsch. Es gibt überhaupt keine Beeinflussung vor Ort.“ Dafür praktische Möglichkeiten, von denen Schulen sonst meist nur träumen können. Biologielehrerin Bauer berichtet von den Mikropipetten in drei verschiedenen Größen, die den Schülern zur Verfügung stehen. Eine allein koste bereits rund 300 Euro.

Bauer, selbst Grünen-Wählerin, hält die Debatte um die Labore für fragwürdige Symbolpolitik. Früher ist sie mit ihren Biologie-Leistungskursen mit etlichem Zeit- und Geldaufwand zum X-Lab nach Göttingen oder nach Braunschweig gefahren. Es könnte bald wieder so weit sein. Bevor es die „HannoverGEN“-Labore gab, mussten Schulen sich aufwendig andere Möglichkeiten suchen. Die Integrierte Gesamtschule Roderbruch zum Beispiel hatte sich im Jahr 2006 eigens für einige Tage ein mobiles Labor zur DNA-Analyse inklusive Biochemikerin gemietet. Die Bio-Leistungskurse verglichen damals Erbinformationen wie bei der kriminalistischen Tätersuche - auch das ist Teil des Lehrplans.

Die Laborkritiker bemängeln, dass Forscher aus der Agrar-Gentechnik bei der Entwicklung von „HannoverGEN“ maßgeblich beteiligt waren. Drei Prozent der Finanzierung kamen aus der Wirtschaft, auch vom Saatguthersteller KWS, der wegen Versuchen mit gentechnisch verändertem Saatgut umstritten ist. Doch die meisten Kritiker scheinen sich den realen Unterricht nie angesehen zu haben, so berichten die beteiligten Lehrer. Sie haben deshalb den neuen Ministerpräsidenten eingeladen - zu einem Besuch im Schulalltag.

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