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Aus der Stadt Lag ermordeter Graf 300 Jahre unterm Leineschloss?
Hannover Aus der Stadt Lag ermordeter Graf 300 Jahre unterm Leineschloss?
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11:33 27.08.2016
Handelt es sich bei der gefundenen Leiche um den verschollenen Grafen Philipp Christoph von Königsmarck? Quelle: Montage
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Hannover

Es ist einer der größten ungelösten Kriminalfälle in der Geschichte Hannovers. Generationen von Forschern haben sich über das rätselhafte Verschwinden von Graf Philipp Christoph von Königsmarck den Kopf zerbrochen. Jetzt – nach 323 Jahren – könnte das Geheimnis endlich gelüftet werden. Bei den Umbauarbeiten am Landtag haben Bauarbeiter am 11. August menschliche Knochen entdeckt. Eine erste Untersuchung in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) ergab, dass die Knochen mehrere Hundert Jahre alt sein könnten. Die Staatsanwaltschaft vermutet nun, dass es sich um die sterblichen Überreste eben jenes Grafen handeln könnte, der in der Nacht des 11. Juli 1694 im Leineschloss spurlos verschwand.

Für Historiker ist schon seit Jahrzehnten klar, dass der Graf ermordet wurde. Auch die vier Männer, die ihm das Leben genommen haben sollen, sind bekannt. Doch was geschah mit der Leiche? Hier beginnt das Rätselraten. Denn bisher war man davon ausgegangen, dass die Täter den Leichnam des Grafen einfach in der Leine entsorgt hatten. Dass nun die Gebeine Königsmarcks in acht Metern Tiefe unter dem Fundament des Landtags gefunden wurden, wie Oberstaatsanwalt Thomas Klinge berichtet, ist nicht ausgeschlossen. Schon das Volk erzählte sich, dass der Leichnam irgendwo in den Tiefen des Schlosses verscharrt worden sein könnte.

Gehörten die jetzt gefundenen Knochen vielleicht einem Klosterbruder?

Doch es ist auch möglich, dass die Bauarbeiter die sterblichen Überreste eines anderen Mannes gefunden haben. Im Mittelalter befand sich am heutigen Standort des Landtages ein Kloster der Franziskaner. Später hatten die Welfen ihre Familiengruft unter der Kapelle des Leineschlosses. Das Gebäude wurde im Krieg beschädigt. Als die Ruine später zum Landtag ausgebaut wurde, bettete man 1957 Särge der Adeligen aus der Gruft ins Mausoleum nach Herrenhausen um. Gehörten die jetzt gefundenen Knochen vielleicht einem Klosterbruder? Oder wurden sie bei der Umbettung nach dem Krieg übersehen?

Das müssen nun Wissenschaftler klären. Professor Michael Klintschar, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin an der MHH, gibt sich verhalten. „Wir haben keine vollständige Untersuchung gemacht, sondern lediglich einen Blick darauf geworfen. Darum hatte uns die Polizei gebeten.“ Diese muss bei Knochenfunden überprüfen, ob es sich um ein zeitnahes Verbrechen handelt, zu dem ermittelt werden muss. 50 Jahre ist der Richtwert. „Diese Knochen sind aber weit älter als 50 Jahre.“ Das habe man schon auf den ersten Blick gesehen. Die unvollständigen Gebeine, unter denen sich auch ein Stück der Schädelplatte und Langknochen befinden, könnten durchaus zu einem Mann gehört haben. Doch um das mit Sicherheit sagen und auch den Zeitraum eingrenzen zu können, in dem der Mensch gelebt hat, muss der Fund archäologisch untersucht werden.

Untersuchung der Knochen in Göttingen

Friedhelm Wulf vom Landesinstitut für Denkmalpflege wird die Knochen daher am Montag bei der Polizei abholen, wo sie derzeit aufbewahrt werden. Anschließend bringt der Archäologe sie ins Institut für historische Anthropologie an der Georg-Albrecht Universität in Göttingen, denn dort können die Wissenschaftler den Fund mit modernen Forschungstechniken untersuchen. „Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen, arbeiten in solchen Fällen zusammen. Gerade, wenn es um einen so prominenten Fall geht“, sagt Wulf.

Mögliche Sensation

„Wenn es sich wirklich um die Gebeine von Königsmarck handelt, wäre das eine Sensation“, sagt Thomas Schwark, Direktor des Historischen Museums. Die Königsmarck-Affäre bewege die Gemüter vieler Menschen bis heute. Literaten und Historiker haben sich immer wieder mit dem Fall beschäftigt. Theodor Fontane etwa hat ein Volkslied über den Fall aufgeschrieben und Friedrich Schiller wollte ein Drama aus dem historischen Stoff machen, das jedoch nie fertig wurde. Sollten es tatsächlich Königsmarcks Gebeine sein, die bald bei den Wissenschaftlern auf dem Tisch liegen, könnte sich möglicherweise bald auch das Volk vom Tod des lebenslustigen Grafen überzeugen – in einer Ausstellung im Schloss Herrenhausen. „Das wäre denkbar“, sagt Museumsdirektor Schwark.

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