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Hannovers ältestes Geschäft gibt auf

Lederwaren-Rissmann Hannovers ältestes Geschäft gibt auf

Alles für den Hund – das war einmal: Lederwaren-Rissmann, das älteste Geschäft von Hannover, ist seit 281 Jahren an der Marktkirche aktiv. Am Freitag beginnt der Räumungsverkauf.

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Mit Louis-Vuitton-Koffer von 1920 und der Riemenschneidemaschine seiner Vorväter: Jochen Rissmann arbeitet in der Kellerwerkstatt, während seine Frau Claudia im Geschäft mit Kundin Jago Röglin plaudert.

Quelle: Tim Schaarschmidt

Hannover. Im Keller riecht es nach Leder, intensiv. Hier restauriert Jochen Rissmann gerade zwei Louis-Vuitton-Lederkoffer von 1920 für ein Auktionshaus. Eine Liebhaberarbeit, die nur wenige noch beherrschen. Bei Rissmanns ist diese Fertigkeit Familientradition. Jochen Rissmann betreibt das Geschäft an der Schmiedestraße in achter Generation: Seit der Gründung vor 281 Jahren wurde es vom Vater an den Sohn weitergegeben. Jetzt ist Schluss. Morgen beginnt der Räumungsverkauf. „Ja, diese Entscheidung zu fällen hat geschmerzt“, sagt Rissmann. „Aber ich gehe ohne Gram. Die Zeiten haben sich nun einmal geändert.“

Im Geschäft über der Werkstatt plaudert Ehefrau Claudia mit Kundin Jago Röglin, die mit ihrer Hündin Mara vorbeigekommen ist. Röglin ist genau solch eine Kundin, wie ein Fachgeschäft sie braucht. Hündin Mara wird an einer handgenähten Leine ausgeführt, „weil sie formschön und viel haltbarer ist als die Billigware“, wie die Badenstedterin sagt: „Immer, wenn ich in der Innenstadt bin, komme ich im Geschäft vorbei, plaudere ein wenig und nehme etwas für Mara mit.“

Gäbe es mehr solche Kunden, dann gäbe es für Rissmann vielleicht einen Nachfolger. So aber gehen all die Hundeleinen, die Körbchen, Decken und Spielzeuge aus den Auslagen jetzt in den Schlussverkauf. „Meine Frau hat die Preise schon ausgezeichnet“, sagt Jochen Rissmann: „Es ist erschreckend für mich - aber es muss ja nun mal alles raus.“

Jochen Rissmann kann präzise beschreiben, warum sein Geschäft keine Zukunft hat. Zum Beispiel, weil er seit Jahren kein Hundefutter mehr verkauft. „Die Leute wollen Futter in Zwölf-Kilo-Säcken mitnehmen, aber bei mir vor der Tür gibt es keine Parkplätze - deshalb wird es im Tierbedarfs-Discounter gekauft.“ Und dort nimmt man dann gleich auch Zubehör mit. Dazu kommt der Trend zu Wegwerfware. „Früher haben wir Schulranzen der Kinder repariert. Heute gehen die mit Rucksäcken zur Schule. Die sind entweder billiger als eine Reißverschlussreparatur, dann werden sie im Schadensfall weggeschmissen. Oder sie sind wertvoll und haben lebenslange Garantie - aber dann habe ich auch nichts davon.“ Ihm bleiben nur die Liebhaberreparaturen - aber davon könne man keine vier Angestellten in Laden, Werkstatt und Buchhaltung bezahlen.

Für Martin Prenzler von der City-Gemeinschaft sind solche Geschäftsaufgaben herbe Verluste für die Einkaufsstadt Hannover. „Inhabergeführte Läden sind die Fissuren eines Diamanten im Geschäftsmix“, sagt Prenzler nicht ohne Pathos. Hannovers Innenstadthandel nimmt mit rund 15 Prozent Geschäften, die nicht Filialen von Ketten sind, zwar einen bundesweiten Spitzenplatz ein. „Aber es ist traurig um jedes Geschäft - und um ein Traditionsgeschäft wie Rissmann natürlich besonders.“

Manch einer mag denken, dass die Gilde-Brauerei Hannovers ältestes noch wirtschaftendes Unternehmen sei. Das dachte auch Jochen Rissmann, bis zum 250. Firmenjubiläum der damalige Leiter des Stadtarchivs, Helmuth Zimmermann, eine Chronik erarbeitete. „Zimmermann wies nach, dass wir die ältesten sind“, sagt Rissmann. Die 1609 gegründete Gilde war bis Ende des 18. Jahrhunderts keine Firma, sondern eine Art Zunft. Und die sonst oft genannte Firma Bennecke-Kaliko, gegründet 1718 unter dem Namen Königlich privilegierte Wachstuchmacherei, war nicht in Hannover ansässig, sondern „vor dem Steinthore“.

Vor 281 Jahren weilte Georg II. fünf Sommermonate lang in Hannover. Es gab rauschende Feste in Herrenhausen, am 22. Oktober eine riesige Party mit Illuminationen in der Innenstadt. Wenige Tage zuvor, am 6. Oktober 1735, hat die Stadt den Riemermeister Hans Heinrich Rissmann ins Bürgerbuch aufgenommen. Die Lizenz zur Ansiedlung zu kaufen war so teuer, dass der Lederexperte drei Jahre lang daran abzahlte. Er bezog Wohnung und Werkstatt in einer kleinen Gasse nahe der Marktkirche, der Schuhstraße 2. Die Straße gibt es heute noch, das Haus nicht mehr, es lag keine 30 Meter vom heutigen Geschäft entfernt. Als die Lizenz abbezahlt war, kaufte er das Haus. Der Sohn Johann Heinrich Ludorf Rissmann war da bereits geboren, er wurde 1771 Vorsteher des Riemeramts, einer Art Innung. Das wurde sein Sohn auch und dessen Sohn ebenfalls und dessen Sohn noch mal - da hieß die Organisation bereits Sattler- und Riemerzunft, die Rissmanns waren zweimal umgezogen, und Stephan Heinrich Rissmann baute 1885 das Haus Am Markte 1 neu - es ist heute das Eckhaus Hanns-Lilje-Platz 1, das die Familie Rissmann an das Modehaus Deerberg vermietet hat. 1908 kaufte er das Nachbarhaus, als der Eigentümer während des Rohbaus pleiteging - in dem Gebäude ist heute Rissmann ansässig.

„Ich habe schon im Sandkasten gesagt, dass ich Sattler werden will“, sagt Jochen Rissmann. Doch nicht alle Vorhersagen treten ein. In der Einleitung der Chronik zum 250. Firmenjubiläum schreibt er, dass der nächste runde Geburtstag in 50 Jahren von seinem Sohn als Firmeninhaber organisiert würde. Der ist ebenfalls Sattlermeister, ist wie sein Vater als jahrgangsbester Geselle ausgezeichnet worden - aber das Geschäft wollte er nicht übernehmen, ebenso wenig wie seine Schwester. „Diese Entscheidung muss jeder für sich fällen“, sagt Jochen Rissmann: „Es hat keinen Sinn, ein Geschäft weiterzuführen, über das die Zeit hinweggegangen ist.“

Hundemesse lebt weiter

Der Hundefreund Carl Wilhelm Martin Rissmann machte aus seiner Leidenschaft für die Vierbeiner eine Fachabteilung. „Alles für den Hund“ nannte der Sattlermeister Anfang des 20. Jahrhunderts die Abteilung, die bis heute prägend für Namen und Sortiment des Rissmann-Geschäfts in der Schmiedestraße ist. „Mein Großvater war ein echter Hundenarr“, sagt Jochen Rissmann. Auf der Dachterrasse im vierten Stock des Gebäudes habe er einen Großraumzwinger errichtet, in dem er bis zu zwölf Airedale-Terrier und schottische Terrier hielt. „Auf einen lauten Pfiff durchs Treppenhaus hin wurden sie ihm zur Mittagszeit nach unten gebracht, damit er sie ausführen konnte“, sagt Rissmann. Der Großvater habe, unter anderem in Kooperation mit der TiHo, Hundezubehör entwickelt, das heute noch produziert werde – aber er ließ es sich nicht schützen. „Er war ein Handwerker, der seinen Beruf liebte, sich aber um Lizenzfragen nicht kümmerte“, sagt Rissmann.

Die Hundeausstellung IZH, die jährlich Tausende Besucher auf das Messegelände in Hannover lockt, wird weiter bestehen. Erstmals war sie von Rissmann im Mai 1879 am Zusammenfluss von Leine und Ihme organisiert worden. Künftig wird sie vom Verband für das Deutsche Hundewesen (VDH) in Zusammenarbeit mit Heckmann Fachmessen ausgerichtet: Premiere ist Mitte Juni 2017.

med

 

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