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Lehrer gibt Einblick in Unterricht mit Flüchtlingen

Oststadtkrankenhaus Lehrer gibt Einblick in Unterricht mit Flüchtlingen

„Wir brauchen auch die Halbalphabetisierten, 
die Analphabeten sind für uns ein Gewinn.“ Gerd Fischer ist Lehrer aus Leidenschaft. Der ehrenamtliche Deutschlehrer unterrichtet Flüchtlinge im Oststadtkrankenhaus – und lässt die HAZ einen Blick in sein Klassenzimmer werfen.

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Wie sagt man korrekt „Das ist uns schade?“: Gerd Fischer mit seinen Schülern. 

Quelle: Katrin Kutter

Hannover. Gerd Fischer ist Lehrer aus Leidenschaft. Das merkt jeder sofort, der mit dem 70-Jährigen über dessen Arbeit spricht. Egal, was man antippt – moderne Unterrichtsmethoden genauso wie die Bedeutung von Sekundärtugenden wie Pünktlichkeit oder Ordnung –, sofort sprudelt er los. Der hoch aufgeschossene, hagere Mann referiert, reflektiert und mündet am Ende, wenn man ihn vorsichtig stoppt, immer wieder in ein „Ich bin einfach gerne Lehrer“.

Das ist umso erstaunlicher, weil seine jetzigen Schüler keine einfachen Menschen sind. Es sind nicht mehr die Jugendlichen aus der IGS Langenhagen, mit denen er fast sein gesamtes Lehrerleben verbrachte. Von 1973 bis 2010 unterrichtete Fischer an der Langenhagener Gesamtschule Geschichte und Englisch. Seit Anfang 2015 kommt seine Klientel aus dem Kosovo, Syrien, dem Irak, aus Afghanistan, Algerien, Mali oder Eritrea.

Fischer kümmert sich

Gerd Fischer unterrichtet Flüchtlinge im Oststadtkrankenhaus. Als die Klinik in Bothfeld Anfang 2015 zur größten Flüchtlingsunterkunft Hannovers umfunktioniert wird, ist er der erste, der mit Sprachunterricht hilft. Es dauert nicht lange, bis der engagierte Rentner sich auch unter den kulturell völlig anders geprägten Menschen wie ein Klassenlehrer alter Schule fühlt: Wie einer, der seine Schützlinge nicht nur Deutsch lehren will, sondern auch ihre menschliche Entwicklung im Auge hat. „Ich bin täglich im Grunde länger als die meisten anderen Menschen mit meinen Schülern zusammen“, sagt er. „Natürlich wenden sie sich an mich, wenn sie Probleme haben – und natürlich versuche ich, in meinen Grenzen zu helfen.“

Um so bestürzter ist er, als seine Schüler ihm kurz nach den Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht in Köln so bedrückt wie nie begegnen. „Wie heißt auf Deutsch korrekt: ,Das ist uns schade‘?“, fragen sie ihn. Einige wollen sich ein Schild mit der Aufschrift „Ich schäme mich“ basteln und es beim Fahren in der Stadtbahn umhängen. Auch jetzt noch – Wochen später – spüren die Männer aus seinem Unterricht, dass ihnen ein anderer Wind als vor Köln um die Nase weht. Manche Leute wechselten die Straßenseite, wenn sie ihn sähen, sagt Tiemoko, ein Flüchtling von der Elfenbeinküste, in einer Mischung aus Deutsch und Englisch. Andere bekämen „frozen faces“ (gefrorene Mienen), wenn er ihnen in der Bahn gegenübersitze.

„Und schöne Grüße an Ihre Frau“

Weil Lehrer Fischer aus eigener Erfahrung weiß, wie stark sich das öffentliche Bild der Flüchtlinge von den Menschen dahinter unterscheidet, öffnet er für die HAZ sein Klassenzimmer, ein notdürftig umfunktioniertes, ehemaliges Krankenzimmer. Und er stellt uns – stellvertretend für die vielen Flüchtlinge, die in den vergangenen Monaten nach Hannover gekommen sind – ein paar seiner Schüler vor. Tiemoko zum Beispiel ist einer, der bei Menschen, die ihn nicht kennen, möglicherweise Ängste weckt. Vielleicht, weil er eine so tiefschwarze Hautfarbe hat und dadurch in Deutschland so besonders fremd wirkt.

Vielleicht, weil er so groß und mächtig aussieht und „immer so scheinbar finster guckt“, wie Fischer sagt. Dabei ist der Mann mit den wilden Haaren eine Seele von Mensch. In Fischers Klasse ist er der Schüler, der sich in der Pause um das heiße Wasser für den Kaffee seines Lehrers kümmert. Er räumt nach dem Unterricht auf und verabschiedet sich von Fischer jedes Mal formvollendet mit einem „Und schöne Grüße an Ihre Frau“. In seiner Heimat hielt er sich mit der Demontage von Schrottkühlschränken über Wasser. Wegen des Schulgeldes besuchte er die Schule nur vier Jahre lang. Was sucht er sich gezielt auf einem kleinen Secondhand-Basar heraus? Ein uraltes „Lexikon für Weltliteratur“ und „Meyers Geschichtslexikon“. Anfangs fehlt er oft im Unterricht – und Fischer argwöhnt, dass es Tiemoko an deutscher Pünktlichkeit, an Zuverlässigkeit fehlt. Stattdessen stellt sich heraus, dass er zunächst einen anderen Deutschkurs gebucht hatte und jetzt von Mal zu Mal wechselt, um seinen alten Lehrer nicht zu enttäuschen.

Auch Analphabeten willkommen

Oder Alassane. Fischer weiß bis heute nicht, wie es dem Mann von der Elfenbeinküste gelang, sich in seinen Kurs zu mogeln. Voraussetzung ist eigentlich, dass man die lateinische Schrift lesen und schreiben kann. Alassane hat 15 Jahre lang in allen Ländern Westafrikas Lastwagen mit Kühlfracht gefahren, Ware ausgeliefert, Lkw in der Wüste repariert. Aber lesen kann er nicht. Er hat nie eine Schule besucht und sitzt anfangs wie ein „freundlich lächelndes Häufchen Elend“ in Fischers Unterricht, malt einen Buchstaben nach dem anderen und verzweifelt daran, dass er dennoch nicht mitkommt. Selbst ihn lässt Fischer nicht fallen, sondern sorgt dafür, dass er bei einer ehrenamtlichen Helferin Extrastunden im Schreiben bekommt. „Wir brauchen auch Talente wie ihn, auch die Halbalphabetisierten, die An­alphabeten sind für uns ein Gewinn“, sagt der passionierte Lehrer. „Wir müssen nur ihre Begabungen nutzen und sie nicht dauernd frustrieren, sodass sie in eine Parallelgesellschaft abgleiten.“ Dass der 70-Jährige Menschen auf extrem verschiedenen Bildungsniveaus unterrichtet, gehört zu den größten Herausforderungen seines neuen Jobs. Sekou zum Beispiel ist selbst Lehrer, Arabischlehrer aus Mali. Dennoch tut der Mann, der seine 22 Personen umfassende Großfamilie in der Heimat zutiefst vermisst, sich hier mit dem Schreiben und Lesen schwer.

Viele Flüchtlinge lernen mit Fleiß

Hani Hashim war auch Lehrer, kennt sich aus im Koran und bei Marx. Er kämpft vor allem damit, dass er länger als ein Jahr auf seine Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge wartet. Und das, obwohl seine Flucht ein Horrortrip war. Zehn Tage saß der Mann aus Eritrea mit 500 Menschen in einer Art Schlauchboot, um von Ägypten nach Sizilien zu kommen. In Deutschland, im Deutschkurs, hat er auch mit der eigenen Psyche zu kämpfen: überpünktliche Motivation und resignativ-depressive Teilnahmslosigkeit wechseln sich ab.

Diellza aus dem Kosovo dagegen kann „kaum ein Wort Deutsch“, als sie mit Mann und zwei Kindern nach Deutschland kommt. Inzwischen ist die Frau, die trotz zweier Ausbildungen als Friseurin und Krankenschwester in ihrer Heimat über Jahre keine Arbeit fand, schon gut zu verstehen. Sie ist ein Paradebeispiel für den Fleiß vieler Flüchtlinge. Trotzdem möchte sie, wie andere Mitschüler auch, nur von hinten für die Zeitung fotografiert werden. In der Schule weiß man nicht, dass die Familie geflohen ist – und Diellza fürchtet, dass ihre Kinder gehänselt werden.

Dass man all diese Flüchtlinge „schnellstmöglich“ integriert, sodass sie auf eigenen Füßen stehen können, ist Deutschlehrer Fischers größter Wunsch. Der 70-Jährige trägt, wie viele andere Ehrenamtliche auch, seinen Teil dazu bei – und empfindet sein Engagement nicht einmal als Last. Im Gegenteil: „Unterrichten macht mir einfach Spaß“, sagt er, „und wenn mir eine Stunde richtig gut gelungen ist, empfinde ich Glück.“

Von Jutta Rinas

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