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Leibniz-Uni muss um Studenten werben

Studiengang mit Erklärungsbedarf Leibniz-Uni muss um Studenten werben

Die Hochschulen müssen ihre Fächer jetzt besser auslasten – vor allem unbekannte Studiengänge wie Geodäsie und Geoinformatik. An der Leibniz Uni werben die Fakultäten deshalb verstärkt um Studenten, unter anderem in Schulen.

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Lucy Icking und Achim Hesse gehen im Geodäsie-Studium zum Vermessen auch mal ins Gelände.

Quelle: Jan Philipp Eberstein

Hannover. Die Erde ist keine Kugel, sondern eine Kartoffel. Wenn Achim Hesse auf einer Party anfängt, über sein Studium zu reden, muss er weit ausholen. Der 27-Jährige beschäftigt sich im Studiengang Geodäsie und Geoinformatik mit Beschaffenheit und Aussehen der keinesfalls ebenmäßigen Erdoberfläche, und vor allem mit Messverfahren, die dies sehr präzise erfassen. „Unser Studium müssen wir eigentlich jedes Mal erklären“, seufzt die 21-jährige Lucy Icking.

Geodäten müssen um Studenten werben

Und das hat sich lange Zeit als Problem dargestellt. Abiturienten kamen kaum auf die Idee, nach dem exotischen Fach Ausschau zu halten. Von meist knapp 50 Plätzen im Bachelor-Studium waren oft nur 30 belegt. Dieses Mal haben 49 Erstsemester begonnen, das Fach ist sogar überbelegt - wahrscheinlich, weil die Geodäten ähnlich wie Physik und Elektrotechnik, weitere Fächer mit Nachwuchsproblemen, jetzt sehr aktiv um Studenten werben.

Die Aktivitäten waren dringend notwendig. Denn das Land wollte es nicht länger hinnehmen, dass in manchen Fächern Professoren und Mitarbeiter bezahlt werden, die mangels Nachfrage deutlich weniger Studenten betreuen als vorgesehen. Das Wissenschaftsministerium hatte deshalb mit den Hochschulen vereinbart, dass ihre Fächer im laufenden Studienjahr 2015/2016 zu mindestens 70 Prozent ausgelastet sein sollen, andernfalls sind Kürzungen im Gesamtbudget vorgesehen.

80 Prozent Auslastung wird angestrebt

Die Abrechnung steht noch aus, die Leibniz-Universität hat quasi alle Bachelor-Fächer und die meisten Master ausreichend gefüllt. Ab Wintersemester liegt die Zielmarke aber bei 80 Prozent Auslastung. Die Hochschule Hannover hatte jetzt keine Schwierigkeiten, will aber speziell für Elektrotechnik und Bioverfahrenstechnik stärker werben. „Es sind vornehmlich anspruchsvolle technische Fächer, bei denen die Nachfrage manchmal schwankt“, sagt Vizepräsident Thorsten Schumacher.

Die renommierten Physiker der Leibniz-Uni haben jetzt erstmals Studenten als Studienbotschafter in die Schulen geschickt. „Für Anfänger ist es relativ unwichtig, ob ein Fach als wissenschaftlicher Leuchtturm gilt. Sie wollen wissen, ob Physik für sie selbst attraktiv sein könnte und sich ohne Mathe-Koller studieren lässt“, berichtet Rüdiger Scholz vom Institut für Quantenoptik.

Studenten werben in Schulen für ihre Fächer

Die Studenten erzählen in den Schulen deshalb auch von Sportangeboten und dem „fantastischen Campus mit Schloss“. Ebenfalls wichtig: „Die Schüler sollen sehen, dass unsere Studenten keine abgedrehten Nerds sind“, betont Scholz. Die Schulbesuche und weitere Werbung zeigen Wirkung. 250 Erstsemester haben sich im Herbst für den Bachelor Physik/Physik Lehramt eingeschrieben. Das Soll ist damit übererfüllt: Die Zielzahl liegt bei 220 bis 230 Studenten. In vergangenen Jahren gab es teils nur 140 (2013) oder 150 Anfänger (2010).

Der Druck durch die Zielvorgaben hat geholfen. „Wir hätten das viel früher angehen sollen. Mit Blick auf Master-Studenten wollen wir jetzt auch unsere internationalen Lehrkräfte herausstellen“, erklärt Scholz. Mit Nanotechnik und Quantenoptik bietet die Physik in Hannover Spitzenforschung, was besonders für fortgeschrittene Studenten zunehmend interessant wird. Der englischsprachigen Master Physik mit gut 50 Plätzen ist dennoch unterbesetzt. Er wird jetzt auf einer einschlägige Messe in London und Online-Portalen beworben.

Elektrotechnik war auch mal Außenseiter-Fach

Einen längeren Aufstieg hat der Studiengang Elektrotechnik hinter sich, den vor rund zehn Jahren sogar der Landesrechnungshof ins Visier genommen hatte. „Wir mussten einiges in Bewegung setzen, damit die Auslastung steigt“, betont Studiendekan Bernd Ponick. Dabei werde die Welt mit Mobiltelefonie, Robotik und dem autonomen Fahren immer elektrischer. Die Mitarbeiter bringen dies Schülern in etlichen Projekten näher. Eine Besonderheit: Mit Elektrotechnik können Studenten seitdem auch im Sommersemester beginnen, sodass das Fach inzwischen wieder bei rund 200 Anfängern pro Jahr liegt, dazu 130 Erstsemester in den interdisziplinären Studienfächern Mechatronik und Energietechnik.

Abschreckend wirkten auch die hohen Abbrecherraten. „Natürlich ist E-Technik schwierig. Das Studium erfordert viel Einsatz und die Fähigkeit zu abstraktem Denken“, sagt Ponick. Damit weniger Studenten scheitern, änderten die Elektrotechniker die Vorgaben ohne damit Anforderungen zu senken. Studenten können seitdem die Prüfungen beliebig oft wiederholen. Wenn sie zu wenig Punkte sammeln, steht aber ein Beratungsgespräch beim Professor an.

Neues Klausurensystem

Carina Pape hat von diesem System profitiert. „Jetzt läuft es. Aber gerade am Anfang braucht man oft mehrere Anläufe, um eine Klausur zu bestehen“, berichtet die 24-Jährige. Inzwischen berät sie selbst mit Mitstudenten wie Christian Siebauer Erstsemester und empfiehlt gute Lernorganisation sowie Arbeitsgruppen. „Als Einzelkämpfer schafft man das Studium nicht“, bestätigt der 27-Jährige. In seiner Master-Arbeit beschäftigt er sich mit den winzigen flachen Miniatur-Antennen, die in vielen Geräten auf Kunststoff aufgedruckt sind. „Mich interessiert, warum Geräte sich gegenseitig elektromagnetisch stören.“

Überraschend ist auch das, womit Geodäten sich heutzutage manchmal beschäftigen. Natürlich vermessen sie weiter die Erde und liefern Landkarten, bewerten Grundstücke und empfehlen Gemeinden eine clevere Flächenplanung. Für den Hollywood-Film „Der Marsianer“ haben Experten aus Hannover aber auch Daten für die Modellierung der Marsoberfläche geliefert.

Geodäten helfen bei Konstruierung von PC-Spiel-Welten

Damit PC-Spiele hyperreal wirken, lässt die Spieleindustrie vorher Geodäten eine echte Strecke scannen. Den Reparaturbedarf von Brücken überwachen Geodäten, indem sie die Objekte dreidimensional per Laserscan erfassen und Veränderungen analysieren. Sie beobachten Umweltveränderungen und entwickeln Navigationssysteme. „Unsere Studenten sind auf dem Arbeitsmarkt gefragt“, betont Ingo Neumann, Professor für Ingenieurgeodäsie.

Lucy Icking schätzt an ihrem Studium die Mischung aus Mathe, Informatik, Erdkunde und praktischer Anwendung. „Spannend finde ich, wie wir Koordinaten mithilfe von Satelliten ermitteln.“ Ein Handy mit Navigationssystem habe jeder in der Tasche, sagt Master-Student Achim Hesse. „Wir verstehen, warum es manchmal die falsche Strecke zeigt.“

Physik und Geodäsie waren echte Sorgenkinder

Interview mit Volker Epping, Präsident der Leibniz-Universität Hannover

Die Hochschulen haben mit dem Land vereinbart, ihre Studiengänge besser zu füllen – sonst drohen Kürzungen. Muss die Leibniz-Universität damit rechnen?

Wir müssen mit Kürzungen rechnen, die aber nach den Einschreibezahlen im Wintersemester 2015/2016 überschaubar ausfallen werden. In fast allen Studiengängen erreichen wir die vorgegebene Auslastung. Physik und Geodäsie waren echte Sorgenkinder, die durch eigene Aktivitäten die Quote erreicht haben.

Welche Strategie verfolgt die Uni zur besseren Auslastung? Werden Studiengänge wegfallen?

Wir führen mit den betroffenen Fachwissenschaftlern derzeit intensive Gespräche. Wir versuchen gemeinsam, die Attraktivität dieser Studiengänge zu erhöhen. Zum Teil haben wir hochspezialisierte Masterstudiengänge, die wir möglicherweise in große Masterstudiengänge integrieren. Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob wir die bisher eingesetzte Lehrkapazität senken können. Dies ist nicht einfach, da die Wissenschaftler für dieses Studienfach berufen sind. Hier haben wir lediglich die Option durch Pensionierung freiwerdende Professuren nicht wieder zu besetzen.

Wie kommt es, dass ausgerechnet Fächer mit viel Renommee oft zu wenig Studenten anziehen?

In der Physik und der Geodäsie zum Beispiel haben wir eine enorme Forschungsstärke aufgebaut und liegen auf einer Augenhöhe mit den führenden Standorten namentlich in München. Dennoch war die Nachfrage der Studierenden lange Zeit problematisch. Dies ist aber ein bundesweiter Befund. Es verwundert, besonders weil die Nachfrage nach Absolventen dieser Fächer sehr groß ist.

Kennen Abiturienten viele Angebote einfach nur nicht?

Die Bemühungen unserer Physik und unserer Geodäsie haben jetzt ja Erfolg gehabt. Dies gilt auch für die Meteorologie. Die Absolventen sind auf dem Arbeitsmarkt heiß begehrt.

 Physik, auch Meteorologie und Geodäsie haben dieses Mal teils 50, teils 90 Prozent mehr Erstsemester als im Vorjahr. Wäre das nicht schon früher möglich gewesen?

Wir haben auch in den vergangenen Jahren aktiv in den Schulen und mit Hochschulinformationstagen für unser Studienangebot geworben. Aktuell erleben wir überdies einen erheblichen Ansturm auf die Universitäten. Dies alles hat uns geholfen. Hinzu kommt unser guter Ruf in der Forschung und vor allem bei der Betreuung unserer Studierenden. Dies spricht sich herum.

Halten Sie die Vorgaben für sinnvoll?

Unser Ziel ist natürlich die Vollauslastung. Dessen ungeachtet ist es das legitime Recht des Landesparlaments, für die zur Verfügung gestellten Mittel auch ?die Auslastung der Studienplätze zu verlangen. Wir haben aber auch eine Vielzahl von überlasteten Studiengängen. Daher stellt sich die Frage, ob wir nicht Lehrkapazität aus unter ausgelasteten Studiengängen dorthin zu verschieben haben.

Interview: Bärbel Hilbig

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