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Lessing in der Polizeidirektion

Das Schreckenshaus Lessing in der Polizeidirektion

In der Polizeidirektion führten der Lessing-Forscher Rainer Marwedel und Bibliothekar Ulrich Breden jetzt zurück in die Zeit vor rund 100 Jahren: Im Saal des ehemaligen Lazaretts, wo Lessing einst die Verwundeten krepieren sah, lasen sie aus dessen beklemmenden Texten.

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Lasen in Lessings Lazarett: Ulrich Breden (links) und Rainer Marwedel.

Quelle: Wallmüller

Hannover. Der Unterkiefer war ihm weggeschossen worden. Er konnte nicht mehr kauen, also musste der englische Korporal mit einer Schlundsonde ernährt werden. „Sein Anblick war so schrecklich, dass ihm befohlen war, stets ein Tuch zu tragen“, notierte der Philosoph Theodor Lessing, der im Ersten Weltkrieg als Arzt im Lazarett für Kriegsgefangene Dienst tat. Der verwundete Engländer, schreibt Lessing, genoss es mit der Zeit, anderen Verwundeten seine freiliegende Zunge zu zeigen - er weidete sich am Entsetzen, das die anderen über ihn empfanden.

Lessing, selbst ein schillernder Gelehrter, berichtete in einer fast vergessenen Artikelserie 1929 im „Prager Tagblatt“ über seine Lazarettzeit in Hannover. Das Gebäude, in dem er damals arbeitete, steht noch immer: „Neben dem Schützenplatze, kühl an ein Wäldchen gelehnt, friert das graue Haus“, schrieb Lessing einst. Heute gehört das Gebäude mit den Rundbogenfenstern, erbaut 1842 als „Cadettenanstalt“, zur Polizeidirektion in der Waterloostraße.

Am historischen Ort führten der Lessing-Forscher Rainer Marwedel und Bibliothekar Ulrich Breden jetzt zurück in die Zeit vor rund 100 Jahren: Im Saal des ehemaligen Lazaretts, wo Lessing einst die Verwundeten krepieren sah, lasen sie aus dessen beklemmenden Texten.

Elegant und pointiert fasste der Denker, der 1933 von Nazis erschossen wurde, das Grauen in Worte. Das Leiden der Schwerverletzten. Er schrieb über russische Bauern, die „ahnungslos wie eine Hammelherde“ in den Krieg geschickt worden waren. Über Engländer, die sich im Lazarett weigerten, das Zimmer mit farbigen Kolonialfranzosen zu teilen. Oder über den jungen, fröhlichen Balten Oskar, der hier zum „Massenmörder“ wurde: Grundlos vergiftete er zahlreiche andere Patienten mit Arsen und erhängte sich dann auf dem Dachboden. Der an Heine geschulte Stilist Lessing prangerte in literarischen Miniaturen das sinnlose Sterben an - und zeigte so auch, wie krank die kriegstrunkene Welt außerhalb der Lazarettmauern war.

Die Lesung, veranstaltet von Leibniz-Bibliothek und Polizeidirektion, soll auch die Erinnerung an Lessing selbst wachhalten: Marwedel nutzte sie, um auf eine von ihm gestaltete Website zu Leben und Werk des hannoverschen Gelehrten hinzuweisen. Außerdem sollen lebensgroße Pappfiguren Lessings als „mobile Monumente“ unter anderem in Schulen an diesen erinnern. Rolf Wernstedt, Präsident der Leibniz-Gesellschaft, forderte bei der Lesung, einen Fonds zu gründen, der eine Edition aller Lessing-Schriften sicherstellt.

Doch auch zum Gedenken an den Ersten Weltkrieg lässt sich kaum eine berührendere Veranstaltung denken als diese Lesung an diesem Ort. Wer dabei war, sieht die Flure des Gebäudes, den Saal, den die Polizei für Veranstaltungen nutzt, danach mit anderen Augen. Der Erste Weltkrieg ist plötzlich wieder sehr nah. Und hier ist er gewesen.

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